zur Navigation zum Inhalt
© Abundzu / fotolia.com
© Abundzu / fotolia.com
 

Gedächtnis entwurzelt

Und täglich grüßt der Zahnarzt: Amnesie nach Wurzelbehandlung.

Ein Mann wacht jeden Morgen auf und glaubt, er hätte einen Zahnarzttermin. Den hatte er auch: vor zehn Jahren. Seither kann er sich nichts Neues mehr merken.

Für William O. ist die Zeit am 14. März 2005 um 13.40 stehen geblieben. Damals injizierte ihm ein Zahnarzt in Deutschland eine Mischung aus Prilocain und Felypressin, ein Lokalanästhetikum, wie es in der Zahnmedizin häufig angewandt wird. Die Zahnwurzelbehandlung war 40 Minuten später zu Ende, das Leben, wie es O. bis dahin kannte, ebenfalls. „Mein Zahnarzt hat den Zahn gerettet, aber mein Gedächtnis gelöscht“, so der inzwischen 48-jährige Brite zur BBC .

Wenn O. aufwacht, dann glaubt er stets, dass die Wurzelbehandlung erst noch ansteht. Er wundert sich dann, weshalb er nun im Haus seiner Eltern in Großbritannien und nicht auf dem Armeestützpunkt in Deutschland ist. Jeden Morgen muss ihm seine Frau erklären, dass sie längst umgezogen und die Kinder bereits erwachsen sind, und er sich an nichts mehr von dem erinnert, was seit seinem Zahnarztbesuch passiert ist.

Gedächtnisverlust nach Anästhesie

Der Fall, den klinische Psychologen um Dr. Gerald Burgess aus Leicester nun vorgestellt haben, ist in der Tat erstaunlich. Zwar kennt die Wissenschaft viele Möglichkeiten, das anterograde Gedächtnis zu verlieren, etwa Alzheimer, Korsakow-Syndrom oder Hirninfarkte, diese lassen sich aber praktisch alle auf Schädigungen in wichtigen Hirnstrukturen zurückführen.

Bisher, so Burgess, seien weltweit nur vier Fälle dokumentiert worden, bei denen Personen, ohne erkennbare organische Schäden, einen anterograden Gedächtnisverlust erlitten hatten. Eine psychogene Ursache schließen die Forscher um Burgess mit hoher Wahrscheinlichkeit bei dem Briten aus: Hinweise auf psychische Probleme konnten sie nicht finden.

Vieles spricht dafür, dass die Lokalanästhesie irgendwie den Gedächtnisverlust mitausgelöst hat. Als die Wurzelbehandlung an jenem Märztag vor zehn Jahren zu Ende war, fanden der Zahnarzt und seine Helferinnen einen blassen Mann mit starrem Gesichtsausdruck und verlangsamter Sprache vor, der nicht mehr in der Lage war, sich selbstständig aufzurichten.

Völlig überrascht

Der Zahnarzt verabreichte Traubenzucker und Sauerstoff, da er vasovagale Probleme vermutete. Doch die Therapie schien nicht viel zu nützen. Er informierte die Ehefrau des Patienten, und als diese in der Praxis eintraf, fand sie ihren Mann auf einer Couch liegend, völlig von ihrem Besuch überrascht. „Er hatte nicht den leisesten Schimmer, was da gerade vor sich ging“, wird sie zitiert.

O. wurde daraufhin mit einem Rettungswagen in eine Klinik gebracht. Dort stellten die Ärzte fest, dass sich sein Gedächtnishorizont gerade einmal über zehn Minuten erstreckte; sämtliche frische Erinnerungen wurden nach dieser Zeit gelöscht. Das retrograde Gedächtnis schien hingegen vollständig intakt zu sein. Er konnte sich noch genau erinnern, was er morgens getan hat, wie er die Zahnarztpraxis betrat und wie die Behandlung begann – bis zu dem Zeitpunkt, als er das Lokalanästhetikum bekam.

In scharfen Grenzen

Danach blieb nichts mehr hängen. Nach etwa einem Monat dehnte sich der Erinnerungshorizont langsam wieder etwas aus. Er konnte nun neue Inhalte über 90 Minuten hinweg speichern, und dabei ist es bis heute geblieben. Frappierend ist allerdings die scharfe Grenze: Soll O. eine Liste von Wörtern aufsagen, so gelingt dies sofort nach dem Lernen ebenso gut wie nach knapp 90 Minuten, nach 95 Minuten ist der Inhalt aber gelöscht.

Mit der Zeit scheint auch das retrograde Gedächtnis etwas zu leiden: Erinnerungen in der Nähe jenes Märztages verblassen mehr und mehr.

Organische oder psychische Ursache?

Die Anamnese ergab nur wenige Auffälligkeiten. O. war zwar als Soldat am Golfkrieg zu Beginn der 1990er-Jahre beteiligt gewesen, er zeigte aber keine Zeichen eines psychischen Traumas. Bemerkenswert ist allenfalls, dass er sich unter Alkoholeinfluss während einer Bühnenshow hypnotisieren ließ und dann rund eine Stunde benötigte, um wieder zu erwachen. Selbst am nächsten Tag sei er noch benommen gewesen.

O. war zuvor nie in psychiatrischer Behandlung gewesen und hatte nach Angaben seiner Familie und Vorgesetzten auch keinen außergewöhnlichen Stimmungsschwankungen gezeigt. Unter seinen Arbeitskollegen war er angesehen, und mit seinen Pflichten als Familienvater kam er offenbar gut zurecht. Sein Großvater war an einer Lewy-Körperchen-Demenz erkrankt und wenige Tage vor dem Gedächtnisverlust des Enkels gestorben.

Die Erstuntersuchung in der Klinik per MRT, EEG und später auch SPECT förderte keine erkennbaren Ursachen des Gedächtnisverlustes zutage.

Dissoziative Amnesie

Psychiater, die den Mann untersuchten, erwogen mangels anderer Erklärung eine dissoziative Amnesie. Die Psychologen um Burgess halten dies jedoch für wenig plausibel. Zum einen lasse sich ein psychisches Trauma als Auslöser nicht nachweisen, zum anderen werde bei dieser Amnesieform in der Regel nur das belastende Ereignis ausgeblendet, nicht aber die komplette Neuaufnahme von Gedächtnisinhalten.

Auffallend ist auch das mitbetroffene prozedurale Gedächtnis: Soll O. mit einem Bleistift einen Weg aus einer Labyrinth-Zeichnung finden, so gelingt ihm das erwartungsgemäß immer besser und schneller, je mehr Testdurchläufe er macht. Zeigt man ihm dasselbe Labyrinth am nächsten Tag, dann benötigt er wieder genauso lange wie beim ersten Versuch. Bei Hippocampus-Schädigungen sind die Amnesie-Patienten jedoch in der Lage, sich den Ausweg unbewusst zu merken – sie lösen das Problem am nächsten Tag wesentlich schneller.

Das einzige Ereignis, dass sich O. nach 2005 noch dauerhaft merken konnte, war der Tod seines Vaters kurze Zeit nach dem Beginn der Amnesie. Er kann sich zwar an die Details nicht erinnern, er weiß aber, dass sein Vater tot ist. Die Forscher um Burgess erklären sich dies mit dem starken Einfluss der Amygdala bei emotionalen Ereignissen. Möglicherweise habe dieser Einfluss eine Überführung ins Langzeitgedächtnis ermöglicht.

Autofahren mit Navi noch möglich

Alle anderen Ereignisse nach dem März 2005 sind seinem Gedächtnis jedoch entronnen. Seine Frau muss ihn daher jeden Morgen über seinen Zustand aufklären und auf den neuesten Stand setzen.

Dies gelingt zum Teil mit Computer- und Smartphone-basierten Protokollen zu den wichtigsten Schlüsselereignissen, in die er sich immer neu einliest und die er dann immer wieder überfliegen muss, um sie tagsüber nicht zu vergessen. Immerhin kann er so tagsüber einigermaßen zurechtkommen und sogar mit dem Auto Termine wahrnehmen, sofern er ein Navi benutzt.

Die Psychologen um Burgess fanden in der Literatur vier weitere Fälle von anterograder Amnesie ohne erklärbare organische Ursache. Zumindest drei davon erinnern sehr an das Schicksal des britischen Soldaten: Sie traten unmittelbar nach einer medizinischen Behandlung auf.

Bei diesen drei Patienten war eine Wirbelsäulenverletzung vorausgegangen, bei zwei von ihnen war ein Autounfall die Ursache. Lediglich beim Vierten, der berufsbedingt viel Stress hatte, entwickelte sich die Amnesie graduell über einen Monat hinweg.

Der Gedächtnishorizont erstreckt sich bei diesen Patienten von mehreren Minuten bis zu einigen Tagen, bei einen wird das neu Gelernte nach vier Stunden Schlaf komplett gelöscht. Gemeinsam ist den Patienten auch, dass sämtliche Gedächtnisdomänen betroffen sind: Nicht nur explizite und episodische, auch prozedurale und intrinsische Inhalte verflüchtigen sich.

Probleme mit RNA- und Proteinsynthese?

Eine organische Ursache voraussetzend, vermuten die Autoren um Burgess Probleme mit der Gedächtniskonsolidierung. So übersteigt das Erinnerungsvermögen zwar noch das Arbeitsgedächtnis, führt aber, so die Hypothese, nicht zu synaptischen Veränderungen. Die Psychologen um Burgess vermuten Stoffwechselveränderungen, die einen Zusammenbruch der mRNA-Synthese oder der Proteinsynthese in den Synapsen wichtiger Hirnregionen zur Folge haben.

Diese könnten durch zerebrale Hypoxien ausgelöst werden. Zumindest bei einem der beschriebenen Fälle war eine Zyanose zu beobachten, bei dem britischen Soldaten könnte ein zunächst nicht bemerkter Blutdruckabfall als Reaktion auf das Anästhetikum der Trigger gewesen sein. Möglicherweise handele es sich bei den beschriebenen Fällen um eine eigene Kategorie von Amnesie, bei der zentrale Hirnregionen für das Gedächtnis nicht strukturell geschädigt sind.

Burgess verweist auf ein ähnliches Phänomen bei bestimmten Epilepsieformen, dem „beschleunigten Langzeitvergessen“ (Accelerated Long-term Forgetting, ALF). Hier kommt es zu eine graduellen Amnesie, bei der Gelerntes über die nächsten Stunden oder Tage hinweg sukzessive vergessen wird. Hirnorganische Veränderungen im Hippocampus und anderen Gedächtnisstrukturen lassen sich dabei ebenfalls nicht nachweisen.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben