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Kultur, Gesetzgebung und psychiatrische Störungen

Am IALMH-Kongress werden die Herausforderungen für die Psychiatrie diskutiert.

Ob man eine psychische Störung entwickelt oder nicht, hängt laut Untersuchungen auch damit zusammen, wo und wie man aufwächst. Aber nicht nur die Entwicklung psychischer Auffälligkeiten, sondern auch deren Therapie ist ortsgebunden und vom jeweiligen Kulturkreis abhängig. Im Juli treffen sich in Wien namhafte Experten, um über Schnittstellen und Standards im Umgang mit psychischen Kranken zu diskutieren.

Kultureller und politischer Einfluss auf Präventionsarbeit, Diagnostik und auf therapeutische Möglichkeiten ist heute unbestritten. Schon in Österreich gibt es deutliche lokale Unterschiede in der Zwangsbehandlung oder in den Möglichkeiten der Prävention. International gesehen ist dies noch stärker ausgeprägt. Manche in Mitteleuropa diagnostizierten schweren Störungen werden in anderen Ländern nicht selten als Normalverhalten gewertet. Dementsprechend wäre auch die Gesetzgebung für die Substitutionstherapie in manchen Staaten streng verboten.

Fehler der Vergangenheit

Die psychotherapeutische Betreuung ist in einigen Teilen der Welt gut ausgebaut, in anderen kaum vorhanden. Die Betreuung psychisch kranker Rechtsbrecher findet in manchen Ländern in der Psychiatrie statt, in anderen in Gefängnissen und woanders steht wiederum die Bestrafung im Vordergrund. Psychiatrische Gutachten für Strafgerichte waren schon immer problematisch, und die Qualität dieser Expertisen ist in manchen Gegenden mitunter erschreckend, in anderen wiederum ausgezeichnet. Vor allem am Anfang und am Ende des Lebens sind ethische und rechtliche Fragen bei allen medizinischen Tätigkeiten von eminenter Bedeutung.

Diese Unterschiede waren in der Vergangenheit immer wieder Gegenstand von gesellschaftlichen, religiösen und politischen Diskussionen. Ein Vorgehen, wie sie die nationalsozialistische Definition von unwertem Leben mit ihren schrecklichen Folgen ermöglichte, müssen wir in Zukunft verhindern. Die simple biologische Forschung in der Psychiatrie im Anfang des 20. Jahrhunderts (Körperbau bzw. Kopfumfang mit der Psyche in Verbindung zu bringen) spiegelt sich heute in der Genetik und biologischen Grundlagenforschung wider. Auch wenn man die Hirnphysiologie sehr gut versteht, wissen wir bis heute immer noch nicht, ob etwa Bewusstsein, Wille oder Entscheidung nicht viel mehr als die dargestellten biologischen Auffälligkeiten sind.

Menschenbilder, wie sie in der Philosophie seit mehr als 2.000 Jahren diskutiert werden, stehen hinter vielen dieser gesellschaftlichen Entscheidungen und haben sich in der Geschichte immer wieder wesentlich verändert. Auch heute haben wir zum Menschenbild viele Hypothesen aber kein gesichertes Wissen. Wir kennen die Mängel dieser Theorien sehr gut, aber in den Medien und auch von manchen so genannten Experten werden viele Fakten als allzu sicher und außerdem simplifiziert dargestellt. Wir leben in einer Zeit, in der wir mit interessanten medizinischen Neuigkeiten bombardiert werden, jedoch haben viele dieser „neuen“ Informationen nur eine kurze Gültigkeit und werden rasch widerlegt oder entpuppen sich alsbald als wissenschaftlicher Aufguss. Schon 1992 hat das Ministerium für Gesundheit eine Mitteilung veröffentlicht, in der eine Expertengruppe unter der Leitung von Prof. Dr. Gustav Hofmann die notwendigen Schritte für den Umgang mit psychischen Kranken postulierte. Viele dieser Feststellungen sind weder den heutigen Experten bekannt, noch werden sie von den Politikern umgesetzt.

Diktat der Ökonomie

Die Fakten werden heute vor allem von ökonomischen Standpunkten betrachtet; die Menschenrechte und die „Evidence based medicine“ bleiben auf der Strecke. Die WHO hat gemeinsam mit der UNO etwa den Umgang mit Suchtkranken in 48 Ländern untersucht und musste feststellen, dass in keinem Land ihre zwei Forderungen erfüllt werden. Der Abstand zu den Ansprüchen ist oft klein, manchmal aber auch praktisch nicht vorhanden. In Österreich wird in diesem Bereich vieles vom Innenministerium bestimmt, obwohl Abhängigkeit eine psychiatrische Störung ist und natürlich präventive, diagnostische und therapeutische Handlungen im Vordergrund stehen sollten. Ein Beispiel dafür ist etwa die gesetzliche Forderung für die Substitutionstherapie, wonach ein Opiat-positiver Harnbefund vorliegen muss, während alle „evidence based“-Daten darlegen, dass für die Substitution die Einnahme als Zwang oder schwere psychische Traumatisierungen viel schwerer wiegen als der Harnbefund. Es gibt natürlich Länder, in denen die Zustände noch schlimmer sind, aber selbst dort beginnt man sich langsam zu bewegen.

Diese vielen „Hot Topics“ werden international in der UNO, WHO aber auch in multiprofessionellen Gremien diskutiert und publiziert. Als eines der wichtigsten Institutionen in diesen Fragen hat sich die „International Academy for Law and Mental Health“ (IALMH) konstituiert. Diese Gesellschaft trifft sich 2015 in Wien und hofft in einer Diskussion mit wichtigen Entscheidungsträgern einen Schritt in Richtung Verbesserung dieser Problematik zu erreichen. Die Freud-Universität wurde deshalb als Tagungsort gewählt, weil Freud über Generationen hinweg zu den wichtigsten Experten zählt, die sich mit der Schnittstelle Gesellschaft, Kultur, psychische Auffälligkeiten und Zusammenleben beschäftigt haben.

Die 34. Tagung der IALMH findet vom 12 bis 17. Juli in der Wiener Freud-Universität statt. Es kommen in Vorträgen und Workshops mehr als 1.000 international anerkannte Wissenschaftler zu Wort, um die Schnittstellen und minimalen Standards zu diskutieren, die in jedem Land eingehalten werden müssten. Die Veranstaltung findet unter dem Ehrenschutz des Justizministers, der Gesundheitsministerin und der Innenministerin statt. Als Teilnehmer sind Juristen, Psychiater, Psychologen und diverse weiteren Spezialisten eingeladen (der Kongress ist mit 40 fachspezifischen DFP-Punkten approbiert).

Prof. Dr. Otto M. Lesch ist Facharzt für Psychiatrie und Neurologie sowie Psychotherapeut in Breitenfurt. Er ist außerdem Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Suchtmedizin.

Das Programm des IALMHKongresses ist unter www.ialmh.org abrufbar.

Otto Lesch, Ärzte Woche 27/2015

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