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© Bernd Hofmeister
Prim. Dr. Reinhard Haller tritt für Besonnenheit und den Einsatz von Expertise in der Aufarbeitung der Hintergründe für Amoktaten ein.
 

„Die verängstigte Öffentlichkeit hat ein Recht auf Aufklärung“

3 Fragen, 3 Antworten

Gerichtspsychiater Reinhard Haller beschreibt den typischen Amokläufer als Gekränkten, dessen Psyche sich in eine eigene irreale Welt geflüchtet hat, in der die Kränkungen schlimmer und die Feinde noch gefährlicher scheinen als sie sind.

Nach Amoktaten hört man oft, dass das was passiert ist unverständlich sei. Das geht so weit, dass eine Art „Verstehensverbot“ ausgesprochen wird, wie es Prof. Christian Niemeyer in Deutschland nach dem Amoklauf in Erfurt festgestellt hat. Wie wichtig ist die Verstehensnotwendigkeit für eine Gesellschaft?

Haller: Um eine Amoktat kriminologisch und juristisch richtig zu werten, ist es erforderlich, sie zu verstehen. Verstehen meint, die psychischen Ursachen zu analysieren und die Verhaltensabläufe zu beschreiben. Es gilt zu erfassen, wie „Seelisches aus Seelischem“ hervorgeht - um es mit dem großen Psychopathologen Karl Jaspers zu sagen. Dies hat nichts mit Entschuldigen zu tun, ist aber auch im Hinblick auf die Prävention unerlässlich. Man kann solche Taten nicht verhindern, wenn man die sozialen und psychischen Risikokonstellationen nicht genau kennt.

Was ist die Aufgabe der Psychiaters in der Öffentlichkeit. Sollen sie das Entsetzen der Presse nachahmen oder zur Geduld mahnen und erklären, dass man auf das fertige psychiatrische Gutachten warten soll. Was aber etwas gleichgültig wirkt, denn Wut und die Trauer sind ja jetzt allgegenwärtig. Ist Spekulieren nicht einfach etwas zutiefst Menschliches?

Haller:Die verängstigte Öffentlichkeit hat ein Recht auf Aufklärung. Fachliche Erklärungen solch erschreckender Taten dienen auch der Entängstigung und der psychischen Bewältigung des Traumas. Naturgemäß werden dazu Kriminalisten, Strafrechtler und Kriminalpsychiater befragt, da sie ja Experten auf diesem Gebiet sind. Es geht dabei nie – wie dies oft fälschlich dargestellt wird – um unseriöse Ferndiagnosen, sondern um fachliche Analysen und um das Aufzeigen von Erklärungsmodellen.

Nun sollen weggewiesene Männer verstärkt auf ihre weitere Gewaltbereitschaft hin untersucht werden. Eine verpflichtende Rechtsberatung für Weggewiesene soll im Sicherheitspolizeigesetz verankert werden. Wenn es aber die einheitliche, klar umrissene Amoktäterpersönlichkeit nicht gibt, wie kann man ihn dann im Vorfeld erkennen?

Haller: Zunächst muss zwischen Terror, Massaker und Amok unterschieden werden. Die Täterpersönlichkeiten sind bei dieser „Trias des Schreckens“ völlig unterschiedlich. Dann ist zu entscheiden, ob ein politisches bzw. religiöses oder persönliches Motiv vorliegt und ob es sich um eine Einzel- oder Gruppentäterschaft handelt. Bei Amokläufern liegen am ehesten psychische Störungen wie akute Psychosen, Dämmerzustände oder abnorme Berauschungen vor. Fast immer kann man bei allen Tätern nicht verarbeitete Kränkungen erkennen, für welche Rache an der scheinbar heilen, jedoch als verständnislos erlebten Welt genommen wird (siehe auch die Buchvorschau auf S. 5).

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