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Irrational und zutiefst menschlich

Wir haben vor den falschen Dingen Angst und fürchten uns vor Terroristen anstatt vor Pommes frites.

Der bedenkenlose Umgang mit Alltagsrisiken passt überhaupt nicht zu unseren übertriebenen Sorgen von wegen „Alzi“ und Terror. Erklärbar sind diese Ängste allerdings: Menschen fürchten das, was sie nicht steuern können, sagt Risikoforscher Heilmann im Interview. Hingegen gehen sie sorglos mit der eigenen Gesundheit um.

Prof. Dr. Klaus Heilmann ist Jahrgang 1937 und war Professor der Medizin an der TU München sowie Gastprofessor an Universitäten in den USA. Er gilt als Experte für Risikokommunikation und hat zahlreiche Unternehmen, unter anderem der Pharmaindustrie, Verbände und Organisationen beraten. Für den Versicherer Canada Life hat er zusammen mit TMS Emnid eine Bevölkerungsbefragung zum Risikobewusstsein der Deutschen durchgeführt. Ergebnis: Dinge, die in Zentral- und Mitteleuropa relativ selten vorkommen wie Terroranschläge oder Flugzeugabstürze werden außerordentlich stark gefürchtet. Das liegt daran, dass sehr regelmäßig über sie berichtet wird. Zu den unterschätzten Risiken zählen Krankheiten und Risiken der individuellen Lebensführung.

Prof. Heilmann, woran liegt das, dass wir uns vor Dingen fürchten, deren Eintreten höchst unwahrscheinlich ist?

Heilmann: Mit Krankheiten wollen die Menschen nichts zu tun haben. Das schiebt man von sich weg. Das ist bei Männern sehr viel stärker ausgeprägt als bei Frauen. Deswegen gehen Männer auch seltener zu Vorsorgeuntersuchungen.

Auch Risiken der Lebensführung wie vorzeitiger Tod durch schlechte Ernährung, Rauchen, Bewegungsmangel oder Alkoholkonsum wollen die meisten am liebsten ausblenden. Dabei sind das nicht nur die allergrößten Risiken, denen wir uns aussetzen, sondern auch die Gefahren, die wir selbst am stärksten beeinflussen können.

Welche Krankheiten werden am realistischsten eingeschätzt?

Heilmann: Was mich am meisten verwundert hat, ist die Einschätzung der Wahrscheinlichkeiten, an Multipler Sklerose und Parkinson zu erkranken. Obwohl diese Erkrankungen relativ selten sind, werden sie vergleichsweise realistisch eingeschätzt. Die Befragten sind hier relativ nah dran, während so bekannte Erkrankungen wie Herzinfarkt, Schlaganfall und Krebs stark unterschätzt werden.

Ein Thema, das heiß diskutiert wird, ist die Impfmüdigkeit. Geht es hier auch um eine falsche Risikowahrnehmung?

Heilmann: Ja, natürlich. Dadurch, dass es viele Infektionskrankheiten in ihrer schrecklichen Form gar nicht mehr gibt, haben die Menschen keinen Bezug mehr dazu. Wenn heute nach wie vor die Kinderlähmung grassieren würde und verkrüppelte Kinder über die Straße geführt würden, dann hätten wir keine Diskussion über die Notwendigkeit einer Schluckimpfung gegen Kinderlähmung. Aber in der aktuellen Situation ist es wahnsinnig schwierig, den Leuten beizubringen, dass Infektionskrankheiten wie die Masern noch nicht ausgerottet und gefährlich sind.

Brauchen wir eine Impfpflicht (die deutsche Regierung hat sich auf Regelungen für mehr Schutzimpfungen vor ansteckenden Krankheiten wie Masern verständigt. Man wolle „mehr Verbindlichkeit beim Impfen“, Anm.)?

Heilmann: Es gibt ein Für und Wider. Ich persönlich bin dafür, dass nicht alle Risiken durch den Staat reguliert werden, sondern dass der Einzelne einen Bezug dazu bekommt und eigene Verantwortung entwickelt. Ein Beispiel dafür ist der Sicherheitsgurt im Auto. Es gibt keinen Zweifel, dass die Einführung dieses Gurtes unendlich viel Positives bewirkt hat. Aber ich wäre glücklicher, wenn der Einzelne ihn nicht deshalb anlegt, weil es Pflicht ist, sondern aus Einsicht. Der Unterschied zu den Impfungen: Wenn man den Sicherheitsgurt nicht anlegt, schädigt man nur sich selbst. Ganz anders ist das Problem bei den Impfungen. Zum einen geht es um Minderjährige, die den Eltern anvertraut sind. Gleichzeitig sind nicht geimpfte Kinder eine Gefahrenquelle für andere Kinder.

Warum schätzen wir viele Dinge so dramatisch falsch ein?

Heilmann: Der Bezug zum Risiko ist von Mensch zu Mensch völlig unterschiedlich. Risikowahrnehmung ist eine emotionale Angelegenheit, die weniger auf Fakten beruht, sondern auf den eigenen Erfahrungen. Es gibt ein ganzes Spektrum an Gründen, warum der Einzelne ein bestimmtes Risikoverhalten entwickelt. Deswegen kann man mit rationalen Maßnahmen sehr wenig machen.

AberSie plädieren doch dafür, die Bevölkerung besser über Risiken aufzuklären. Macht das denn überhaupt Sinn, wenn man die Einstellung nicht ändern kann?

Heilmann: Es steht zwar fest, dass die die Einstellung zum Risiko von persönlichen Empfindungen und Wahrnehmungen geleitet wird und es deswegen so schwierig ist, allen in der Bevölkerung ein vernünftiges Risikoverhalten beizubringen. Man sollte dennoch versuchen, die Menschen aufzuklären.

Wo kann man hier ansetzen?

Heilmann: Indem man aufzeigt, was vernünftig und was unvernünftig ist. Eine 40-jährige Frau beispielsweise, die die Pille nimmt und raucht, aber nicht in ein Flugzeug einsteigt, weil sie Angst vor dem Fliegen hat, sollte man darauf hinweisen, dass ihr Verhalten nicht rational ist. Denn die Risiken, die sie durch Pilleneinnahme und Rauchen in ihrem Alter freiwillig auf sich nimmt, sind so viel gravierender als die Gefahr eines Flugzeugabsturzes. Sie läuft Gefahr, eine Thrombose zu erleiden.

Bei der Präsentation der Studie hatten Sie betont, dass Sie auch Ärzte in der Pflicht sehen, die Menschen über Risiken zu informieren. Wie gut kommen Ärzte dieser Pflicht nach?

Heilmann: Viele Ärzte zeigen kaum eine Tendenz aufzuklären. Dabei könnte man damit so viel erreichen. Es ist leider in der Schulmedizin in Vergessenheit geraten, dass der Arzt Ohren und einen Mund hat, also zuhören und etwas erklären kann. Das ist ja das Geheimnis von Naturheilpraktikern. Sie gehen psychologisch ganz anders mit einem Kranken um, nehmen sich Zeit, hören ihm zu, sprechen mit ihm. Ganz anders ist es bei Schulmedizinern: Wenn man schon bezüglich der konkreten Krankheit, wegen der der Patient zu einem kommt, nicht dazu tendiert aufzuklären, dann fürchte ich, dass von einem Gespräch über Risiken auch nicht sehr viel zu erwarten ist.

Warum so pessimistisch?

Heilmann: Ich habe vor einiger Zeit eine Studie gemacht, die einen katastrophalen Stand der Aufklärung über das Zusammenspiel von Rauchen und Pille gezeigt hat. Da gab es einen ganz großen Prozentsatz von Frauen, die nie von ihrem Arzt gehört hatten, dass da Zusammenhänge und damit Risiken bestehen. Das sind die simpelsten Dinge der Aufklärung, die da unterlassen worden sind.

Woran hapert es bei den Ärzten? Ist es Einstellungssache, ist es Zeitdruck?

Heilmann: Natürlich ist es auch der Zeitdruck. Wenn man bedenkt, wie viele Patienten Ärzte pro Stunde durchschleusen müssen, dann bleibt da nicht viel Zeit übrig. Das Gespräch spielt keine große Rolle mehr in der Gebührenordnung, es wird kaum bezahlt. Das System hat sich grundlegend geändert. Das betrifft auch die ärztliche Ausbildung. Bei den Studenten läuft ja alles auf diese Multiple-Choice-Fragen hinaus. Da gibt es kaum mehr die Lehre am Krankenbett, bei der es darum geht, das Gespräch zu lernen und zu schauen, was man schon mit bloßen Auge erkennen kann. Heute dreht sich alles um Geräte. Über die machen sich auch Patienten große Illusionen.

Welche denn?

Heilmann: Viele Patienten glauben, dass das Gerät das Objektive ist und das, was der Arzt früher gemacht hat, das Subjektive. Sie glauben, dass die scheinbar objektive Erhebung eines Befundes durch ein medizinisches Gerät viel verlässlicher ist. Dass diese Maschinen in gar keiner Weise objektiv sind, wissen die wenigsten. Denn das Ergebnis hängt davon ab, ob der Arzt sie richtig anwendet und das Ergebnis richtig beurteilen kann.

Wie hat das Wissen um Risiken ihr Leben beeinflusst?

Heilmann: Ich werde oft gefragt, ob ich ein ängstlicher Mensch bin. Dann sage ich nein, ich bin ein vorsichtiger Mensch. Vorsicht ist aber das Ergebnis von Ängsten, die ich selber durchgemacht habe, entweder weil ich mich theoretisch mit den Gefahren beschäftigt habe oder ihnen selbst ausgesetzt war. Ich habe früher 40 Zigaretten am Tag geraucht und bin ziemlich sicher, dass ich heute nicht mehr leben würde, wenn ich mich nicht eines Tages entschlossen hätte, dies aufzugeben.

Die Österreicher fürchten nichts mehr als eine schwere Krankheit – und die Teuerung. Das ergab eine 2011 im Auftrag der Generali-Versicherungsgruppe unter 1.372 Personen ab 15 Jahren durchgeführte Umfrage. Demnach fühlen sich 50 Prozent der Österreicher von einer schweren Krankheit am stärksten in ihrer Existenz bedroht, 46 Prozent nennen den Anstieg der Lebenshaltungskosten. Die Sorge vor einem Atomunglück und die Möglichkeit, selbst einmal ein Pflegefall zu sein, nehmen im Ranking der Zukunftsängste mit je 44 Prozent Rang drei ein. Für je 43 Prozent der Befragten wäre es eine Existenzfrage, einen Pflegefall in der Familie zu haben.

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