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Franz Beckenbauer, der deutsche Fußballspieler und Trainer bei einem Spaziergang in der Abenddämmerung am Strand von Marseille (1990). Seine verhaltene Reaktion auf den WM-Sieg im selben Jahr gab der Sportwelt Rätsel auf.
 

Die Angst vor dem Glücklichsein

Wie kommt es zu dieser sonderbaren Reaktion? Und ist sie sinnvoll – oder ein Zeichen für Depression?

Es fällt nicht immer leicht, seiner Freude freien Lauf zu lassen. Dahinter stehen Befürchtungen, dass es morgen wieder bergab gehen könnte.

Der Kaiser jubelt nicht, er ist ganz bei sich. Gestandene, okay: ältere, Fußballfans werden die Bilder immer im Kopf behalten. DFB-Teamchef Franz Beckenbauer schreitet mit nachdenklicher Miene über den Rasen, auf dem seine Mannschaft gerade den WM-Titel 1990 gegen Argentinien gewonnen hat. Beckenbauer, sonst kein Mann der leisen Töne, hält seine Freude zurück. Hat da einer Probleme, Gefühle selbst dann zuzulassen, wenn wirklich nichts mehr passieren kann. Man vergleiche dazu die Jubelszenen der ÖFB-Trainerriege nach Österreich jüngstem Sieg gegen Russland.

Die Reaktion Beckenbauers verriet etwas Entscheidendes über uns: Glück kann knifflig sein. Denn es führt oft Befürchtungen und Zweifel im Gepäck: Habe ich es verdient?

Wird es mich bald verlassen? Oder neiden es mir andere?

Für einige Menschen machen solche Bedenken das Leben zu einer Achterbahnfahrt. Kaum empfinden sie einmal Freude, haben sie Sorge, der Moment könne allzu rasch vergehen und sie könnten ins nächste Tief schlittern. Statt Glücksmomente zu genießen, fürchten sie sie regelrecht. „Fear of Happiness“, Angst vor dem Glücklichsein, nennen Psychologen das Phänomen.

Paul Gilbert vom Kingsway Hospital in Derby (Großbritannien) ist ein Pionier auf diesem Forschungsgebiet. Bei der Arbeit mit depressiven Patienten war dem Psychologen aufgefallen, dass die Betroffenen oft große Probleme haben, sich selbst Freude oder Genuss zuzugestehen. „Wenn man ihnen helfen will, sich besser zu fühlen, reagieren sie beunruhigt“, erklärt Gilbert. „Sie sagen: Heute mag es mir gut gehen, aber morgen passiert bestimmt etwas Schlimmes.“

Sorgen, nichts als Sorgen

Auch Jürgen Margraf, Professor für klinische Psychologie an der Ruhr-Universität Bochum, bestätigt: „Es gibt solche Sorgen. Sie können für die Betroffenen belastend sein und einer guten Lebensführung im Weg stehen.“ Die Angst vor dem Glück habe, was den Leidensdruck angehe, aber in der Regel nicht den gleichen Stellenwert wie Phobien oder andere Angststörungen.

Warum versuchen manche Menschen gezielt, Glücksgefühle zu unterdrücken? In einer Studie aus dem Jahr 2003 befragte die Psychologin Joanne Wood von der University of Waterloo (Kanada) Probanden über deren länger zurückliegende oder kürzlich erlebte Erfolgsmomente. Wie sich zeigte, gingen manche mit ihrem guten Abschneiden bei einer Prüfung so um: Statt den Erfolg auszukosten, versuchten sie ihre Freude zu dämpfen, sich zu beruhigen oder abzulenken. Vor allem Studierende mit niedrigem Selbstwert zeigten dieses Verhaltensmuster.

Solche Ergebnisse weckten die Neugier anderer Forscher. Um die Reaktionen auf positive Gefühle besser messen zu können, entwickelte der Psychologe Gregory Feldman vom Simmons College in Boston (USA) zusammen mit Kollegen einen Fragebogen. Er bildet drei verschiedene Strategien im Umgang mit guten Gefühlen ab: Nachdenken über den eigenen Gefühlszustand, Nachdenken über sich selbst sowie Dämpfen der Glücksgefühle. Wer den Fragebogen ausfüllt, gibt zum Beispiel an, wie oft er sich in Momenten der Freude daran erinnert, dass sie bestimmt nicht anhalten werden, oder ob er in einer solchen Situation denkt, dass andere ihn für einen Angeber halten.

Glück führt oft Befürchtungen und Zweifel im Gepäck: Habe ich es verdient? Wird es mich bald verlassen? Oder neiden es mir andere?

Ein Team um den Psychologen Filip Raes von der Universität im belgischen Löwen legte den Test 143 Oberstufenschülern und 344 Studierenden vor. Drei beziehungsweise fünf Monate später ließ er die Teilnehmer dann zwei Depressionsfragebögen ausfüllen. Ergebnis: Je mehr die Probanden bei der ersten Befragung angegeben hatten, dass sie ihre positiven Gefühle dämpften, desto eher zeigten sie später depressive Symptome. Der Zusammenhang blieb auch bestehen, als man die Stärke der Beschwerden bei Beginn der Studie statistisch herausrechnete.

Mohsen Joshanloo von der Chungbuk National University in Südkorea beschreibt in einem Übersichtsartikel vier Annahmen, die der Scheu vor dem Glück insgeheim zugrunde liegen können. Erstens: Glücklich zu sein, macht es wahrscheinlicher, dass es wieder bergab geht; zweitens: Glücklich zu sein, ist unmoralisch; drittens: Glück auszudrücken, verstärkt die Distanz zu den Mitmenschen; viertens: Das Streben nach Glück tut einem nicht gut.

Diese Ideen basieren auf Texten aus Philosophie und Kulturwissenschaft sowie auf Redensarten – empirisch sind die Ursachen der Scheu vor guten Gefühlen bislang wenig erforscht.

Paul Gilbert glaubt, dass derartige Bedenken meist schon früh entstehen – etwa wenn Kinder die Erfahrung machen, dass sie sich auf etwas freuen, was dann nicht eintritt. So berichtet der Psychologe von einer Patientin, deren Mutter unter Agoraphobie litt, also der Angst vor offenen Plätzen. „Du kannst dich nie auf irgendetwas freuen“, erklärte die Tochter, „etwa darauf, zum Strand zu gehen. Denn du weißt nie, ob deine Mutter nicht gleich wieder in Panik gerät.“

Kinder mit Schuldgefühlen

Manche Betroffene wurden als Kinder häufig getadelt oder bestraft, wenn sie Freude zeigten. Andere fühlten sich aus moralischen Gründen schuldig, wenn sie Glück empfanden. Gilbert verweist etwa auf eine Patientin, deren Mutter im Rollstuhl saß und von ihrem Mann verlassen worden war. „Wenn die Tochter mit Freunden ausgehen wollte, machte die Mutter ihr Schuldgefühle: ‚Wie kannst du mich allein lassen, wo es mir so schlecht geht!‘ Die Tochter konnte nie Spaß haben, ohne zu denken: Hoffentlich geht es Mama gut, hoffentlich ist sie nicht beleidigt.“

Gilbert lieferte einen Ansatzpunkt, um die Angst vorm Glück weiter zu erforschen: Sie scheint eng mit Depression zusammenzuhängen. Wer besonders große Furcht äußerte, erreichte auch hohe Werte in einem Depressionsfragebogen. An einer Gruppe von depressiven Patienten überprüfte Gilbert 2014 den Zusammenhang von Glücksangst und Schwermut. Die Patienten äußerten deutlich mehr Angst vorm Glück als die zuvor befragten Studierenden. Zudem zeigte sich: Je stärker die Angst vor dem Glück, desto mehr Stresssymptome, Ängste und Kennzeichen von Depression traten auf. Ob „Fear of Happiness“ Ursache, Folge oder eher die Begleiterscheinung einer Depression ist, lässt sich aus den Daten nicht ableiten.

Menschen in verschiedenen Kulturen betrachten Glück unterschiedlich. Ein Team um die Psychologin Li-Jun Ji von der Queen’s University in Kingston zeigte 140 US-amerikanischen und 181 chinesischen Studierenden verschiedene grafisch veranschaulichte „Glücksverläufe“ über die Lebensspanne. Die Probanden sollten jene Kurve auswählen, die zu ihrem eigenen Leben voraussichtlich am besten passen würde. Für Varianten, bei denen das Glück kontinuierlich zu- oder abnahm, entschieden sich deutlich mehr Amerikaner als Chinesen. Chinesen gingen eher als Amerikaner davon aus, dass ihr Glück schwanken würde. Diese Idee wurzelt im Taoismus. Nach dieser aus China stammenden philosophischen Schule ist alles im Wandel. Entsprechend sei das Glücksstreben in taoistisch geprägten Ländern weniger verbreitet als in westlichen Ländern, so Joshanloo.

Aspekte des Glücks

William James schrieb bereits 1902 darüber, wie wichtig es sei, glücklich zu sein (“das geheime Motiv all unserer Handlungen“). Ob man glücklich oder unglücklich ist, beeinflusst alles im Leben, schreibt David G. Myers, Autor des Lehrbuchs „Psychologie“ (Springer Verlag, 2014). Menschen, die glücklich sind, fühlen sich sicherer in der Welt, haben mehr Selbstbewusstsein, treffen leichter Entscheidungen, sind kooperativer und toleranter. Sie bewerten Bewerber für eine Arbeitsstelle positiver, würdigen ihre vergangenen positiven Lebensereignisse ohne bei den negativen zu verharren und sind sozial eingebundener. Sie leben ein gesünderes, energiereicheres und zufriedeneres Leben.

Sind Menschen trübsinnig, erscheint ihr Leben deprimierend und bedeutungslos. Sie denken insgesamt kritischer und bringen ihrer Umgebung mehr Skepsis entgegen. Hellt sich die Stimmung auf, dann denken sie auch über anderes nach und Ihre Gedanken werden spielerisch und kreativ. Das liefert eine Erklärung dafür, dass die Fröhlichkeit von Studierenden dazu beiträgt, den Verlauf ihres weiteren Lebens vorherzusagen. In einer Studie konnte gezeigt werden, dass Frauen, die auf den Jahrbuch-Fotos des College in den 1950er Jahren natürlich und glücklich lächelten, mit einer größeren Wahrscheinlichkeit im mittleren Erwachsenenalter glücklich verheiratet sind. Glückliche Studenten verdienen signifikant mehr Geld als ihre unterdurchschnittlich glücklichen Kollegen. Wenn wir glücklich sind, scheinen also unsere Beziehungen, unser Selbstbild und unsere Wünsche für die Zukunft erfolgversprechender zu sein.

Spektrum der Wissenschaft, Ärzte Woche 25/2015

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