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Prof. Dr. Thomas Stompe, Facharzt für Psychiatrie, Neurologie und psychotherapeutische Medizin, Oberarzt an der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Medizinischen Universität Wien und in der Justizanstalt Göllersdorf
 

3 Fragen, 3 Antworten in 3 Sätzen

Führt der Absturz der Germanwings-Maschine zu einer Stigmatisierung psychisch Erkrankter?

Nach Sichtung der ersten Beweise wird spekuliert, dass es sich beim Absturz der Germanwings-Maschine über Frankreich um einen „Erweiterten Suizid“ handelt. Wie wir wissen wurde der Co-Pilot aufgrund psychischer Unpässlichkeit am Tag der Katastrophe krank geschrieben. Nun fordern viele Stimmen in Medien und sozialen Netzwerken eine Überwachung von psychisch Erkrankten.

Wie groß ist die Gefahr, dass psychische Erkrankungen nun noch mehr stigmatisiert werden?

Stompe: Ich fürchte, dass es kurzfristig zu einer verstärkten Stigmatisierung psychisch Kranker kommen kann. Sofern medial nichts mehr nachkommt - schon in den letzten Tagen war der Absturz bei Weitem weniger präsent - kann man davon ausgehen, dass die Erinnerung daran bald verblassen wird. Dafür werden die nachfolgenden Ereignisse schon sorgen.

Was kann getan werden, damit psychisch Erkrankte, etwa im Falle einer Depression, auf ihrem Arbeitsplatz nicht benachteiligt werden?

Stompe: Um eine Verbesserung der Situation psychisch Kranker am Arbeitsplatz zu erreichen, wäre eine objektive Berichterstattung erforderlich. Aber dies ist im Trubel medialer Großereignisse kaum möglich. Nachhaltige Aufklärung muss daher jenseits unmittelbarer Anlassfälle erfolgen.

Wird es nun aufgrund der exzessiven medialen Berichterstattung wahrscheinlicher, dass das eigentlich seltene Phänomen des „Erweiterten Suizids“ zur Modeerscheinung wird?

Stompe: Es ist nicht auszuschließen, dass sich Menschen finden, die sich durch einen tragischen Vorfall anregen lassen. Das Flugzeugunglück selbst hat aber zu große Dimensionen und ist schon sehr speziell geartet. Ich erwarte daher eher keine direkten Nachahmungstäter.

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