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Allgemeinmedizin 5. August 2005

Die „neuen“ Süchte unter der Lupe

Im heurigen Frühjahr erfolgte die Übernahme der ärztlichen Leitung des Anton- Proksch-Institutes (API) durch Prof. Dr. Michael Musalek. Aus diesem Anlass stellte er Aktuelles sowie neue Trends in der Diagnosestellung und Suchttherapie vor.

„Sucht ist nicht substanzgebunden. Zunehmend ins Blickfeld geraten so genannte nicht stoffgebundene Formen der Abhängigkeit: Diese Süchte sind im Vormarsch“, verkündet der neue Primarius. Nach Essstörungen und Glücksspielsucht, über die wir inzwischen relativ viel wissen, spielen heute auch Phänomene wie die Arbeitssucht, die Internetsucht oder die Kaufsucht eine zunehmend bedeutsame Rolle.

Sucht ohne Drogen

Das heißt nicht kontrollierbares Verlangen nach einem exzessiven Alltagsverhalten – und das passt bisher nicht so recht in die Diagnosesysteme. Hier sind wir in der Abgrenzung zum „Normalverhalten“, zur übersteigerten Aktivität noch ganz am Beginn einer brauchbaren Diagnostik, die Abgrenzung ist in vielen Fällen extrem schwierig. Und hier ist sicher eine abwägende Debatte notwendig. Denn wenn der Suchtbegriff zu inflationär verwendet wird, kann das auch zu einer Verharmlosung der tatsächlichen Suchtkrankheit führen. Andererseits erfüllen einige der neuen Süchte durchaus alle wesentlichen Merkmale, wie wir sie auch von den substanzgebundenen Süchten kennen: Kontrollverlust, Toleranzentwicklung, laufend notwendige Dosiserhöhung, psychische Entzugserscheinungen, zentraler Lebensinhalt, negative soziale Folgen wie finanzieller Ruin oder zerrüttete Beziehungen.
Die Spielsucht inzwischen in Form des „pathologischen Spielens“ in die internationalen psychiatrischen Diagnoseschlüssel aufgenommen. Davon betroffen sind etwa fünf Prozent der Bevölkerung, 90 Prozent sind Männer. Und für die mittlerweile gut untersuchte Internetsucht gibt es einschlägiges Beratungsangebot. Etwa 50.000 Menschen sind heute in Österreich vom Internet abhängig.

Wenn Arbeit zur Sucht wird Schwieriger ist eine zuverlässige Abgrenzung bei der Arbeitssucht: Nicht jeder, der viel arbeitet, ist arbeitssüchtig. Dazu fehlen uns verlässliche Zahlen. Zu einem Suchtverhalten in Bezug auf Arbeit gehört mehr: Unter anderem, dass Arbeit zentrales Lebensthema ist und die Sozialbeziehungen völlig in den Hintergrund treten. Die Arbeit darf aus Sicht des Süchtigen nie zu Ende gehen, Arbeit wird versteckt und gehortet. Der Süchtige arbeitet wie im Rausch, er verliert den Rhythmus von Arbeit und Privatem.

Süchtiges Kaufen

Doch nicht jeder, der kaufsuchtgefährdet ist, wird oder ist kaufsüchtig. Die Grenze zwischen einem einfachen Frustkauf und der Sucht liegt unter anderem im ständig wiederkehrenden Drang, Dinge zu kaufen. Dabei steht der Prozess des Einkaufens im Vordergrund und gibt den Abhängigen eine vorübergehende Befriedigung. Es besteht überhaupt kein Bedarf am Gekauften, der Kick stellt sich in der Kaufsituation selbst ein, kurz darauf kehrt aber wieder die innere Leere zurück. Hohe Schulden gehören mit zu den dramatischen Folgen dieser Sucht. Alle Alters-, Einkommens- und Bildungsschichten scheinen gleichermaßen betroffen zu sein.

Therapiestrategien

„Bislang verfügen wir noch über relativ wenig spezifische, wissenschaftlich untermauerte Behandlungskonzepte“, erklärt Musalek. Während die Abstinenz bei den stoffgebundenen Süchten Therapieziel sein kann, ist es hier viel schwerer, ganz auf das Suchtmittel zu verzichten. Es gilt daher zu lernen, dass der Betroffene auch ohne seine selbst inszenierten Exzesse etwas wert ist. Da der Kontrollverlust aber ein wesentliches Suchtmerkmal ist, ist der zu erlernende selbstkontrollierte Umgang eine besonders schwierige Aufgabe. Wie sonst auch muss natürlich geklärt werden, ob psychiatrische Grundstörungen vorliegen, die zuerst behandelt werden müssen.

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