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Ess-Störungen noch immer zuwenig ernst genommen

Über Essstörungen wird mehr geredet als vor zehn Jahren, es stehen mehr Informationen zur Verfügung - "trotzdem sind sie offensichtlich nach wie vor ein Tabuthema, leider auch für Ärzte." Eine wesentliche Rolle für diesen gesellschaftlichen Trend spielen aus der Sicht des Psychologen Dr. Günther Rathner, Leiter des Netzwerkes Essstörungen, die Medien: "Sie sind sicher nicht die einzige Ursache für die zunehmende Häufigkeit von Essstörungen. Aber immer magere Models und die Propagierung verschiedenster Diäten sind nach wie vor stark im Trend."

Dünn = gesund

Erzeugt wird ein Klima, gerade in den Peer-groups, aber auch im Elternhaus und in der Schule, in dem ein extremes Schlankheitsideal eine wichtige Rolle spielt. ",Dünn‘ wird mit ,gesund‘ gleichgesetzt." Dazu kommt ein "merkwürdiger Gegensatz von Glamourisierung von Betroffenen wie etwa Lady Di sowie einer Stigmatisierung und Verleugnung von Essstörungen", so Rathner.

Eine neue Wiener Studie zum Thema Essstörungen ergab, dass bereits 30 Prozent der befragten jugendlichen Mädchen schon einmal absichtlich erbrochen oder Medikamente eingenommen haben, um Gewicht zu verlieren. Bei dieser Studie hatten 13,3 Prozent der Mädchen und zehn Prozent der Burschen Untergewicht. Ein Großteil der Betroffenen kommt erst sehr spät zur Behandlung.

Früherkennung wichtig

"Einen umso wichtigeren Stellenwert hat die Früherkennung, bei dieser gibt es in Österreich starken Nachholbedarf gerade in puncto Fortbildung der Ärzte", betont Rathner.

"Eine wichtige Rolle spielen Allgemeinmediziner, Kinder- und gerade auch SchulärztInnen." Bei Schülern wird jährlich das Gewicht und die Körpergröße kontrolliert, "ein klares Alarmzeichen für eine möglicherweise beginnende Anorexie ist, wenn das Gewicht in der Pubertät gleichbleibt oder abgenommen hat." Zur Beratungsstelle des "Netzwerk Essstörungen" kommen aber gerade viele Mädchen, bei denen ein solcher Plateaueffekt schon vor ein oder zwei Jahren zu beobachten war.

Beobachtung

Ärzte sollten solche Mädchen oder Burschen zunächst einmal beobachten. Wichtig kann auch ein Gespräch mit Lehrern oder anderen Bezugspersonen sein.

"Ein wichtiges Alarmzeichen ist auch sozialer Rückzug." Vorgegaukelt wird: Schlank sein macht erfolgreich. Mehr als jedes zweite Mädchen macht eine Diät. Diese wird oft länger betrieben, kann in den sozialen Rückzug führen. Ein drittes Warnzeichen ist das Ausbleiben der Regel, gerade in Kombination mit gleichbleibendem oder abnehmendem Körpergewicht.

Die - wenn möglich - frühzeitige Erkennung von Essstörungen erfordert Fachwissen. "Bei einer Studie in England wurde weniger als ein Drittel der Betroffenen richtig diagnostiziert, diese Werte lassen sich durchaus auf Österreich umlegen." Momentan ist das Ausbildungsangebot zum Thema für Ärzte eher spärlich, Rathner arbeitet derzeit an einem deutschsprachigen Curriculum.

Ein Manko ortet Rathner auch bei spezialisierten Behandlungsstellen für diesen Bereich, in einer Studie stellte er fest: "Obwohl viele Fachärzte darüber sprechen, gibt es kaum spezialisierte Ambulanzen." Ebenso fehlen niederschwellige Beratungseinrichtungen für Jugendliche. "Es gibt die anonyme Hotline unseres Netzwerkes - 0512/57 60 26 - sowie eine in Wien. Das ist aber letztlich viel zu wenig."

Gesundheitspolitische Maßnahmen, um dieses Manko zu beheben, wären nicht nur wegen der weiter starken Zunahme an Essstörungen nötig, "sondern auch da sie unter den psychiatrischen Erkrankungen jene mit der höchsten Rate an Todesfällen ist”, betont Rathner.

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