zur Navigation zum Inhalt
 

Depressionen: Wann hat das Tabu ein Ende?

"2400 Jahre nach Hippokrates, der die Melancholie bereits in seiner Typenlehre erwähnt hat, wird noch immer die Frage gestellt, ob Depression eine Krankheit ist", meint OA Dr. Georg Psota vom Gerontopsychiatrischen Zentrum in Wien. Häufig wird Depressiven sogar "Schuld" an ihrer Erkrankung gegeben. Die Ursachen von Depressionen sind mannigfaltig, die Therapiemöglichkeiten gut.

Psota auf einer Veranstaltung der Österreichischen Gesellschaft für depressive Erkrankungen (ÖGDE): "Die Frage, ob die heutige Gesellschaft begriffen hat, dass Depression eine Erkrankung, ist leider tatsächlich eine berechtigte Frage!"
In einer 1996 veröffentlichten Publikation der Harvard School of Public Health zum Thema Ursachen von Erwerbsunfähigkeit liegt die unipolare Major Depression mit 10,7 Prozent weltweit uneinholbar an erster Stelle.
Psota: "Ich möchte auch bemerken, dass es weit mehr Depressiv- als Aids- oder Malariakranke gibt."
Nicht behandelte Depressionen sind in Österreich der häufigste Sui-zidgrund. Pro Jahr sterben in Österreich mehr Menschen an einem Suizid als im Straßenverkehr, zum Beispiel waren es im Jahr 2001 958 Verkehrstote, aber 1489 Suizidtote.
Und einige dieser Verkehrstoten sind wahrscheinlich eigentlich Suizidtote, die sich hinter einem Verkehrstod versteckt haben.
Zur Epidemiologie depressiver Erkrankungen gibt es sehr unterschiedliche Zahlen. Etwa jeder sechste Mensch erkrankt einmal - oder mehrfach - in seinem Leben an einer Depression. Bereits in einer mittelschweren Episode haben die PatientInnen größte Schwierigkeiten, ihrer Arbeit und ihren sozialen Beziehungen nachzukommen.

Haupt- und Nebensymptome

Zu den Hauptsymptomen (von denen 2 bis 3 obligat sind) zählen gedrückte Stimmung, Interesse- und Freudlosigkeit, Antriebsstörung und Müdigkeit.
Zu den Nebensymptomen (von denen 2 bis 4 obligat sind) zählen Konzentrationsschwäche, vermindertes Selbstwertgefühl, Schuldgefühle, innere Hemmung oder Unruhe, Selbstbeschädigung, Schlafstörungen und Appetitminderung.
Die Symptome müssen über eine Dauer von mindestens zwei Wochen vorhanden sein.
Nicht-medikamentöse Behandlungsstrategien sind Psychotherapie, psychosoziale Intervention, Milieu-, Ergo- und Physiotherapie.
An medikamentösen Therapien stehen Antidepressiva, atypische Antipsychotika, Phasenprohylaktika und andere Augmentationsstrategien zur Verfügung.
Nur knapp fünf Prozent der depressiven Patienten erhalten eine Therapie, die den Kriterien der evidence based medicine entspricht. Knappe 20 Prozent werden überhaupt medikamentös behandelt. Satte 80 Prozent sind überhaupt nicht behandelt.

Der Unterschied zwischen Response und Remission

Psota: "Besonders wichtig erscheint mir der Unterschied zwischen dem Ansprechen auf eine antidepressive Behandlung und einer Remission. Als Ansprechen, Response, wird eine Reduktion zum Beispiel des Hamilton-Scores um 50 Prozent gewertet. Eine Remission ist aber etwas ganz anderes, nämlich eine echte Genesung."
Wenn in den ersten vier bis sechs Monaten eine depressive Erkrankung wieder beginnt, dann spricht man von einem Rückfall, wenn danach die Erkrankung wieder auftritt, von einer Wiedererkrankung.
Die soziale Einbettung (Berufsleben, Beziehungen...) Depressiver funktioniert aber nur bei kompletter Remission.
Wenige Studien gibt es zur Entwicklung über einen längeren Zeitraum, zum Beispiel jene von Judd et al. Sie zeigen, dass jene Patienten, die eine echte Remission haben, einen wesentlich günstigeren Verlauf in der Weiterentwicklung haben als jene, die Residualsymptome behalten haben.
Müller et al konnten an 105 Patienten zeigen, dass diese Patienten trotz fünf Jahre ohne depressive Wiedererkrankung innerhalb der nächsten zehn Jahre etwa zur Hälfte wieder erkrankten.
In der überwiegenden Mehrzahl der Fälle handelt es sich also zumindest ab einer mittelschweren depressiven Episode um eine rezidivierende Erkrankung - eine Langzeittherapie ist mitunter durchwegs in Erwägung zu ziehen.
Eine ambulante antidepressive Behandlung wird beeinflusst vor allem von den Nebenwirkungen der Präparate, medikamentösen Interaktionen, dem Zeitpunkt des Wirkungseintrittes und der therapeutischen Breite. Einfache Dosiskonzepte sind nötig und wichtig.
Psota: "Meines Erachtens sind anticholinerge, orthostatische und gastrointestinale Nebenwirkungen für Therapieabbrüche entscheidend."
Prof. Dr. Hans Georg Zapotoczky, Präsident der ÖGDE, erstellte Kriterien für die Verrechnung mit der Krankenkasse bei der Diagnose "Depression" (siehe Tab.).
Mögliche Auslöser depressiver Syndrome können aber auch somatische, neurologische und endokrine Erkrankungen sowie Ernährungsdefizite sein (siehe Kasten).
Auch der umgekehrte Weg ist möglich, dass die Depression - vor allem unbehandelt - einen massiven Einfluss auf somatische Erkrankungen hat.

Depression erhöht Risiko für andere Erkrankungen

Psota: "Wir wissen heute, dass eine Depression das Risiko erhöht, an anderen Erkrankungen, zum Beispiel einem Myokardinfarkt, zu erkranken." Auch der Verlauf anderer Erkrankungen ist durch eine Depression massiv erschwert, beispielsweise die Rehabilitation eines Insultpatienten.
Und trotz dieses Wissens ist es zum Beispiel noch immer nicht gang und gäbe, den meisten oder jeden Insultpatienten auf Antidepressiva einzustellen, damit keine Post-stroke-Depression auftritt.
Wichtig sind vor allem auch Päventionsprogramme. "Und wir können und sollen behandeln, und zwar aureichend gut und ausreichend lang. Hier stehen uns sowohl entsprechende Medikamente als auch Psycho- und Soziotherapie zur Verfügung. Wir brauchen gerade in der Langzeittherapie, für die es gute Argumente gibt, einen entsprechenden Kontakt zu unseren Patienten, um auch die nötige Compliance zu gewährleisten", so Psota.

Diagnose "Depressio": Kriterien für die Verrechnung mit der Krankenkasse

Vor Therapiebeginn eventuell Selbst-Rating-Tests, Kriterien der ÖGDE
8.  bis 12. Behandlungstag Wiederbestellung. Ziel: Abklärung der Nebenwirkungen des Arzneimittels
14. bis 21. Behandlungstag Wiederbestellung. Ziel: Überprüfung der Wirksamkeit des Arzneimittels, bei Ausbleiben eines entsprechenden Erfolges, d.h. bei zu geringer oder fehlender Wirksamkeit des Arzneimittels: Erhöhung der Dosis.
Nach dem 28. Behandlungstag Wiederbestellung. Ziel: Überprüfung der Wirksamkeit des Arzneimittels, bei geringer Wirksamkeit oder Unwirksamkeit: Dosis-Erhöhung oder Wechsel. Weiters: Überlegung, ob Psychotherapie zusätzlich angezeigt ist.
Wenn Therapieeffekt ausbleibt, nach dem 28. Behandlungstag Wöchentliche Kontrollen mit der Frage: Erhöhung der Dosis bzw. Wechsel des Medikaments.

Quelle: Prof. Dr. Hans Georg Zapotocky

Dr. Hannelore Nöbauer, Ärzte Woche 27/2003

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben