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Wenn aus dem Trauma eine Krankheit wird

Neben Opfern von Natur- oder technischen Katastrophen oder von Menschen verursachter Gewalt, wie etwa Vergewaltigung, Geiselnahme, Gewaltanwendung, können auch Zeugen derartiger Ereignisse, beispielsweise Helfer in Katastrophensituationen, eine posttraumatische Belastungsstörung entwickeln.

Wer auf eine extrem belastende Situation mit Angst, Hilflosigkeit, Trauer oder sogar Wut und Verzweiflung reagiert, verhält sich situationsadäquat und leidet unter einer akuten Belastungsreaktion, die meist innerhalb weniger Tagen wieder abklingt. Wer allerdings bis zu sechs Monate zeitverzögert reagiert, unter Flashbacks leidet, de­pressive Symptome entwickelt und sich immer mehr zurückzieht, kann unter einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTSD – post traumatic stress disorder) erkrankt sein, die einer Behandlung bedarf. Je nach Trauma werden zwei Prozent (Zeugen von Schrecklichem) bis 60 Prozent (Vergewaltigungsopfer) der Betroffenen krank. Allerdings erkrankt nicht jeder Traumatisierte an einer PTSD. Menschen, die generell gute Problemlösefähigkeiten haben, psychisch gesund sind, bisher ein Leben ohne einschneidende Traumata hatten und stabile soziale Kontakte haben, sind zum Beispiel weniger anfällig. Ganz Junge und Alte sind deutlich gefährdeter. Aber auch die Möglichkeit (nicht der Zwang), unmittelbar nach einer traumatischen Erfahrung Zeit zum Trauern, zum Erzählen und Ausruhen und Unterstützung zu finden, vermindert das Potenzial für eine PTSD.

Ur-Trauma Vietnam

Formuliert wurde der Begriff „PTSD“ nach Untersuchungen an amerikanischen Vietnam-Veteranen, die oft erst Jahre nach ihrer Rückkehr aus dem Kriegsgebiet Symptome wie „Flashbacks“, also ständige Erinnerungen an belastende Ereignisse, massive Schlafstörungen, Merk- und Konzentrationsstörungen, dauerhafte Schreckhaftigkeit und Erregung, aber auch schwere Essstörungen und Schmerz- zustände entwickelt hatten. Beobachtet wurde das Syndrom allerdings bereits wesentlich früher, etwa bei Veteranen des Ersten und Zweiten Weltkriegs, die damals nicht sehr freundlich „Kriegszitterer“ genannt wurden, und bei Holocaust-Überlebenden („KZ-Syn­drom“). Im Jahr 1980 wurde die Diagnose PTSD erstmals ins Diagnostic and Statistic Manual (DSM III) aufgenommen, 1992 folgte die Aufnahme der Diagnose ins ICD 10 der Weltgesundheitsorganisation.

Rasche Abklärung erforderlich

Je nach Situation und Ort kann es bis zu drei Jahren dauern, bis ein PTSD-Betroffener untersucht, diagnostiziert und einer Therapie zugeführt wird. Bei somatischen Beschwerden, für die keine Ursache gefunden werden kann, in Kombination etwa mit Schreckhaftigkeit und depressiven Symptomen sollte der Allgemeinmediziner, der ja nicht selten erste Anlaufstelle auch für den Patienten mit PTSD ist, den Patienten zur weiteren Abklärung an einen Psychiater verweisen. Die Behandlung der posttraumatischen Belastungsstörung setzt sich aus einer medikamentösen und einer psychotherapeutischen Komponente zusammen. Dialektisch-behaviorale Therapie (Lineham, 1995), EMDR und kognitiv-humanistische Therapien, meist in Kombination mit psychopharmakologischer Medikation haben sich dabei als wirksam erwiesen. Ziel der Therapie ist es letztlich, das traumatische Ereignis dadurch dauerhaft zu überwinden, dass das Erlebte in die abrufbare Erinnerungswelt des Patienten integriert wird und damit seine biographische Kontinuität wiederhergestellt wird.

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