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Frauen „somatisieren“ auf andere Weise

Bei Frauen werden psychosomatische Beschwerdebilder häufiger diagnostiziert als bei Männern. Sowohl Diagnostik als auch Entscheidungsprozesse unterliegen geschlechtsspezifischen Faktoren, dies gilt auch für die Wirksamkeit und Evaluation von Therapien.

An Männer und Frauen werden unterschiedliche Erwartungen sowohl hinsichtlich ihres Verhaltens als auch ihrer Ausdrucksweise gestellt. Diese Geschlechtsstereotype beeinflussen unter anderem Krankheits- und Gesundheitsverhalten sowie die Reaktion des Gesundheitssystems. Im Gespräch mit der ÄRZTE WOCHE erklärt die Wiener Psychiaterin Prof. Dr. Karin Gutierrez-Lobos, warum Frauen häufiger psychosomatische Beschwerden entwickeln, welchen Einfluss das Geschlecht des behandelnden Arztes auf Diagnose und Therapie hat, und welche Therapiestrategien in der Behandlung psychosomatischer Beschwerden zielführend erscheinen.

Wer hat häufiger psychosomatische Probleme – Frauen oder Männer?
Gutierrez-Lobos: Betrachtet man die Geschlechterdifferenz, so zeigt sich, dass Frauen die Mehrheit psychosomatischer Patienten ausmachen. Frauen erhalten auch eher eine psychosomatische bzw. psychiatrische Diagnose, wenn sie die gleichen Beschwerden wie Männer haben.

Worin sehen Sie dies begründet?
Gutierrez-Lobos: Es gibt mehrere Ursachen dafür, warum bei Frauen häufiger psychosomatische Beschwerden gefunden werden. Biologische Faktoren scheinen dabei nur eine geringe Rolle zu spielen. Einen wesentlichen Einfluss dürften aber körperliche und sexuelle Gewalterfahrungen haben. Schätzungen gehen davon aus, dass etwa 20 Prozent aller Frauen geschlechtsbezogener Gewalt ausgesetzt sind, die gesundheitliche Folgen nach sich zieht. Auch die Tatsache, dass Armut weiblich ist, wird beim Zustandekommen psychosomatischer Beschwerden eine Rolle spielen.

Welche Unterschiede bestehen insgesamt zwischen Frauen und Männern bezüglich psychosomatischer Beschwerden?
Gutierrez-Lobos: Frauen und Männer unterscheiden sich hinsichtlich ihrer „somatischen“ Strategien. Aus Untersuchungen ist bekannt, dass Frauen deutlicher häufiger an Präventionsprogrammen teilnehmen und auch für private Sorgeleistungen bezüglich Gesundheit, Krankheit und Pflege zuständig sind. Frauen haben weiters ein aktiveres Hilfesuchverhalten und berichten früher und ausführlicher über Beschwerden. Ihre Auffassung von Gesundheit bezieht sich nicht nur auf das eigene Körpererleben, sondern auch auf das soziale Wohlbefinden. Männer hingegen sehen ihren Körper eher funktionalistisch. Gesundheit wird mit Leistungsfähigkeit und „nicht spüren“ gleichgesetzt, sie gehen mehr Risiken ein und weisen ein rücksichtsloseres Verhalten gegenüber dem Körper auf. Die Inanspruchnahme des Gesundheitssystems erfolgt bei Männern erst bei manifesten Symptomen, sie setzen ihre Anliegen dann aber oft schneller und präziser durch.

Welchen Einfluss hat das Geschlecht des behandelnden Arztes auf Diagnose und Therapie bei psychosomatischen Beschwerden?
Gutierrez-Lobos: Die Patientinnen bringen beim Gespräch mit dem Arzt/der Ärztin nicht nur ihre gesundheitlichen Beschwerden und Risiken, sondern auch Ressourcen mit ein, die sich aus ihrem bisherigen „Frau-Sein“ ergeben. Wahrnehmung und Interpretation der gesundheitlichen Situation werden aber durch das Geschlecht des Arztes beeinflusst. Damit unterliegen sowohl Diagnostik als auch Entscheidungsprozesse geschlechtsspezifischen Faktoren sowie in gleicher Weise die Wirksamkeit und Evaluation von Therapien. Diese geschlechtsbezogenen Faktoren werden häufig nicht erkannt, sie bewirken aber unterschiedliche Vorgangsweisen bei Ärztinnen und Ärzten. Aus Untersuchungen ist bekannt, dass Ärztinnen mit Patientinnen und Patienten länger sprechen und mehr instrumentelle Untersuchungen anordnen.

Wie können psychosomatische Beschwerdebilder exploriert werden?
Gutierrez-Lobos: Während der Exploration tritt der Arzt/die Ärztin in Beziehung zum Patienten. Die Bestätigung der Diagnose „psychosomatisch“ erfolgt nicht nur durch den einfachen Ausschluss organischer Faktoren, sondern durch den zeitlichen und kausalen Zusammenhang zwischen Belastung und Symptom. Ziel ist die Herstellung einer hilfreichen Beziehung, die sich durch empathisches Verstehen, Respekt, Unterstützung, Vermittlung von Einsicht, unterstützender Begleitung bei der Entscheidungsfindung, Verhaltensänderung und Reflexion zusammensetzt.

Welchen Einfluss hat eine Medizin, die, wie Sie mehrfach geschrieben haben, einem ausgeprägten Gender-Bias unterliegt, auf Diagnose und Therapie psychosomatischer Beschwerden bei Frauen bzw. bei Männern?
Gutierrez-Lobos: Will man eine geschlechtersensible Versorgung gewährleisten, so ist es besonders wichtig, auf die speziellen Bedürfnisse und den speziellen Lebenskontext von Frauen und Männern einzugehen. Man muss auch die jeweiligen Versorgungsbedürfnisse und unterschiedlichen Zugänge zur Versorgung berücksichtigen. Zu den wesentlichen geschlechtsspezifischen Elementen der Therapie gehören Kenntnisse und Erfahrungen von Ärzten und Ärztinnen bezüglich des individuellen Leidens und Mann- bzw. Frau-Seins. Die Prozesse des Informationsaustausches erfordern eine Berücksichtigung der biologisch und gesellschaftlich determinierten Unterschiede im männlichen und weiblichen Verstehen und Kommunizieren. Entscheidungsprozesse müssen sich gezielt auf Autonomie und Selbstbestimmung ausrichten, um versteckten Formen der Abhängigkeit und Manipulation entgegenzuwirken. Die Suche nach Lösungswegen sollte sich an geschlechtsspezifischen Erfordernissen, Grenzen und Ressourcen orientieren.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 20/2005

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