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Stalking: Der Dauerstress schadet der Gesundheit

Die Auswirkungen von Stalking, der systematischen Belästigung eines Menschen über längere Zeiträume, werden nach wie vor unterschätzt. Der Hausarzt ist oft erste Anlaufstelle und kann wichtige medizinische Hilfe leisten und an spezialisierte Beratungsstellen verweisen.

In einer neuen Studie der Technischen Universität Darmstadt gaben Opfer von Stalking zunächst an, dass sie von der Polizei oft nicht ernst genommen werden. Teils gab es Empfehlungen, sich doch über den „aufmerksamen Verehrer“ zu freuen – betroffen sind zum Großteil Frauen –, teils wurde gesagt, man könne nichts unternehmen, bevor nicht „wirklich etwas geschieht“. Stalking bedeutet vor allem, unerwünschte Besuche oder Telefonanrufe zu machen sowie im Alltag des Opfers ständig als Beobachter präsent zu sein. Zum Opfer können dabei auch Familienangehörige werden. In der deutschen Studie wurde aber auch ein Zunehmen von Zerstörungswut und von aggressiven Übergriffen festgestellt. Stalking ist keineswegs ein exotisches Randthema. Laut einer Meta-Analyse verschiedener Studien sind ein Viertel aller Frauen und zehn Prozent der Männer mindestens einmal im Leben Opfer von Stalking. Die Dauer der Verfolgung liegt im Schnitt selten unter zwei Jahren, es kommt also zu massiven Veränderungen des Alltags sowohl von Opfer als auch Täter. Stalking ist ein Phänomen, das in etwa der Hälfte der Fälle bei Beziehungsproblemen beziehungsweise nach einer zeitlichen Trennung oder einer Scheidung auftritt. Opfer sind auch Prominente und ebenso Ärzte.
Laut einer Untersuchung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim leidet ein Viertel der Opfer von Stalking an gesundheitlichen Problemen. „Die Folgen entsprechen jenen von Dauerstress: Es kommt zu Hypervigilanz, die sich auch in Schlafstörungen, verschiedenen psychosomatischen Symptomen, Angstzuständen und depressiven Verstimmungen niederschlägt“, erklärt die Medizinerin und Psychotherapeutin Dr. Karin Spacek, die den 24-Stunden-Frauennotruf der Stadt Wien leitet. Bei den Tätern kommt es laut der Studie aus Darmstadt ebenso zu Depressionen und Schlafstörungen.

Hausarzt als erste Anlaufstelle

„Im Rahmen der Sozialanamnese geht es ja auch um Themen wie zeitliche Trennung vom Partner, Scheidung oder Wohnungswechsel“, so Spacek. Zeigen sich Symptome, die mit Stalking in Zusammenhang stehen könnten, sollte auch nach diesem Bereich behutsam gefragt werden. „Das Problem ist, dass etwa Schlafstörungen nicht von heute auf morgen entstehen und teils erst nach langer Zeit überhaupt thematisiert werden“, ergänzt Spacek. Die Opfer würden nur selten einen möglichen Zusammenhang zwischen dem Stalking und körperlichen beziehungsweise seelischen Symptomen vermuten. Dazu kommt die massive Scham, das Thema überhaupt anzusprechen. Bei Frauen ist die Wahrscheinlichkeit zumindest höher, dass sie mit den gesundheitlichen Problemen, die anfangs vielleicht als lästige Lappalien erscheinen, zum Arzt gehen. Männer brauchen dazu deutlich länger, auch wenn es darum geht, das Problem beim Namen zu nennen. Wenn dies gelingt, ist aus Spaceks Sicht zunächst wichtig, „die Aussagen des oder der Betroffenen ernst zu nehmen, denn das Problem wird leider oft von Behördenseite heruntergespielt.“ Medikamente können dabei unterstützen, die Symptome besser in den Griff zu bekommen, aber sie lösen das ursächliche Problem nicht. „Die Betroffenen sollten auch an entsprechende Beratungsstellen speziell für Frauen oder Männer verwiesen werden.“ Als niederschwelliger Erstkontakt eignet sich der Frauennotruf (0800/222 555) oder der kriminalpolizeiliche Beratungsdienst (0800/216 346), wo auch juristische und psychologische Unterstützung vermittelt wird. Eine Übersicht zu Männerberatungsstellen findet sich auf der Website www.maenneratlas.at (im Bereich Links). Eine weitere Möglichkeit sind Opferschutzeinrichtungen wie der Weiße Ring (aus ganz Österreich zum Ortstarif: 07114/200-155). Für Spacek ist wichtig, dass das Thema Stalking endlich auch auf politischer Ebene angegangen wird. In anderen Ländern gibt es bereits Regelungen, in Deutschland wird daran gearbeitet. Spacek: „In Österreich gibt es noch viel Nachholbedarf, vor allem in Hinblick auf den Schutz der Opfer.“

Mag. Christian F. Freisleben-Teutscher, Ärzte Woche 15/2005

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