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„Sie leben permanent in Angst!“

Die größte Hürde ist, darüber zu reden. Im Rahmen einer Studie im AKH-Wien war dies vielen möglich. Frauen, die Gewalt am eigenen Leib verspürt haben, treffen auch bei der Suche nach kompetenter medizinischer Betreuung oft auf Hilf- und Ratlosigkeit, lautet eines der Ergebnisse. Eine Spezialambulanz in Wien dient als erste, kostenlose Anlaufstelle.

Frauen, die von ihren Partnern geschlagen, sexuell missbraucht oder psychisch misshandelt werden, tragen – neben möglichen körperlichen – immer auch seelische Narben. Welche Auswirkungen Misshandlungen auf die Psyche haben, wurde bisher trotzdem nicht oder nur ungenügend wissenschaftlich untersucht. Eine Pilotstudie der Klinik für Tiefenpsychologie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien hat sich nun erstmals mit dieser Thematik befasst und ist zu interessanten Ergebnissen gelangt. Wissenschaftlichen Schätzungen zufolge wird jede fünfte Frau in Österreich von ihrem Partner geschlagen, missbraucht oder psychisch misshandelt. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit der Psychiaterin und Psychoanalytikerin Prof. Dr. Marianne Springer-Kremser über die Auswirkungen von Gewalt auf die Psyche der betroffenen Frauen, die häufige Hilf- und Sprachlosigkeit des mit Gewaltopfern konfrontierten medizinischen Personals und über mögliche Hilfestellungen für Frauen, die Opfer von Gewalthandlungen werden.

Führt jede Art der Gewaltausübung zu psychischen Problemen beim Opfer?
Springer-Kremser: Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit. Die Gewalteinwirkung erfolgt zudem meist nicht nur punktuell, sondern regelmäßig. Und wir wissen ja schon sehr viel über die Wege der Mor-bidisierung von solchen Einwirkungen, über die Wege, auf denen psychosomatische, psychische Erkrankungen entstehen. Etwas vereinfacht ausgedrückt, heißt das: Über die Neurotransmitter, die in engem räumlichen Zusammenhang mit jenen Gehirnzentren stehen, die für schwere und chronische Emotionen zuständig sind, wird das endokrine System beeinflusst. Das führt dann zu psychosomatischen Erscheinungen bei den betroffenen Frauen.

Welche Folgen kann Gewalt für betroffene Frauen noch haben?
Springer-Kremser: Grundsätzlich sind die Folgen von mehreren Faktoren abhängig: Erstens vom Alter der Frau, in dem diese Gewalterfahrungen stattgefunden haben, zweitens von der Frage des Vorhandenseins oder völligen Fehlens einer sozialen Unterstützung und drittens von der Persönlichkeits-organisation, also von der psychischen Struktur, von anderen Lebensereignissen und von der Art der Gewalt. Dabei ist aber festzuhalten, dass es physische Gewalt allein eigentlich nicht gibt; diese ist immer verbunden mit psychischer Gewalt, mit Demütigung und mit Beschämung. Frauen, die Gewaltopfer sind, können alle psychologischen Störungen aufweisen, wie sie etwa William Niederland schon 1968 in seinem „Survivor-Syndrom“ beschreibt. Bei Gewaltopfern tritt das gesamte Spektrum von Stresserkrankungen auf.

Ist die Angst vor der Gewalt bei den Frauen größer oder ist die Gewaltsituation selbst stärker angstbesetzt?
Springer-Kremser: Beides. Frauen leben unter ständiger Spannungs- und Erwartungsangst und sind so beschämt, dass sie meist große Schwierigkeiten haben, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Die meisten Frauen, deren Fallgeschichten wir für unsere Studie analysiert haben, sprachen in der psychosomatischen Frauenambulanz, also einem sehr speziellen Setting, erstmals über ihre Gewalterfahrungen.

Konnten Sie in der Studie Antworten darauf finden, warum Frauen oft jahrelang in einer Gewaltbeziehung ausharren?
Springer-Kremser: Da gibt es ganz konkrete Begründungen. Viele Frauen, die in solchen Beziehungen leben, sind finanziell abhängig. Sie haben kein eigenes Einkommen und häufig Kinder. Weiters spielt eine Rolle, dass viele Frauen über die Medien die Erfahrung machen, dass in der Öffentlichkeit immer wieder Opfer zu Tätern gemacht werden. Das ermutigt die Frauen nicht gerade, sich im System Hilfe zu organisieren.

Welche psychischen Auswirkungen kann eine langjährige Gewaltbeziehung auf die betroffenen Frauen haben?
Springer-Kremser: Die kontinuierliche Angstmache, die ständige Erwartungsangst, das Leben unter Drohungen schüchtert unglaublich ein. Dazu kommt oft, dass diese Gewalterfahrungen in der Regel in Generationenketten eingebunden sind. Frauen, die in solche Beziehungen geraten, haben oft schon Gewalt im Elternhaus erlebt. Gewalt kann auch die einzige Form von Nähe gewesen sein, die diese Frauen erfahren haben.

Fast 25 Prozent der Frauen in Ihrer Studie geben an, im medizinischen Kontext Opfer von Gewalt geworden zu sein. Wie ist das zu verstehen?
Springer-Kremser: Das ist schon etwas, das uns zu denken geben muss. Wir haben in der Ambulanz nicht danach gefragt, diese Erlebnisse wurden von den Frauen spontan berichtet. Gewalt kann hier einerseits eine gewaltsam durchgeführte Untersuchung bedeuten, aber auch eine „stumme“ Untersuchung, in der kein Handgriff erklärt, in dem die zu untersuchende Person zum Objekt gemacht wird. Hier mangelt es beim medizinischen Personal an Wissen, Sensibilität und Fortbildung.

Abseits von Gewalterfahrungen durchÄrzte und medizinisches Personal schreiben Sie in Ihrer Studie auch, dass Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, im Krankenhaus oder in der Ordination vom behandelnden Arzt oft nicht nach den Ursachen für ihre Verletzungen gefragt werden. Worauf führen Sie das zurück?
Springer-Kremser: Zum einen werden von raffinierten Dauertätern die Verletzungen oft so gesetzt, dass sie nicht auf den ersten Blick sichtbar sind. Die schlagen nicht ins Gesicht oder auf die Hände, sondern auf Körperstellen, die bedeckt sind. Und nicht immer werden Patientinnen gebeten, sich für die Untersuchung auszuziehen. Die forensische Ausbildung der MedizinstudentInnen war jahrelang ungenügend, ist im neuen Medizinstudium jetzt aber besser verankert. Hier wird auch über die rechtlichen Verpflichtungen der ÄrztInnen gelehrt, auch darüber, wann für Ärzte Anzeigepflicht besteht.

Ihre Pilotstudie entstand im Rahmen der psychosomatischen Frauenambulanz. Was bietet diese Ambulanz an?
Springer-Kremser: Das ist eine Liaison-Einrichtung unserer Klinik an der Frauenklinik im AKH-Wien. Jeden Mittwoch von 8.30 bis 12 Uhr betreut eine Mitarbeiterin unserer Klinik, Dr. Katharina Leithner, diese Ambulanz in den Räumen der Frauenklinik. Die Patientinnen werden von den Ambulanzen der Frauenklinik, von niedergelassenen Frauenärzten und anderen Einrichtungen überwiesen. Eine Anmeldung ist erforderlich, weil das diagnostische Erstgespräch etwa eine Stunde dauert. Das Wichtigste und Erste im Gespräch sind die Beschwerden, dann die subjektiven Krankheitstheorien: Was vermutet die Frau als ursächlich für ihre Störung oder Erkrankung? Dann erst kommt die Biographie, einschließlich kritischer Lebensereignisse, wie z.B. Trennungen und Verluste. Schließlich die demographischen Daten: Wie lebt sie und mit wem? Wo arbeitet und wohnt sie, wovon lebt sie? Wie ist ihr Beziehungsstil? Welches ist der dominante Affekt? Ganz wichtig ist auch immer: Wie gehen die Frauen mit Sexualität um? Die Atmosphäre in der Ambulanz ist dabei so, dass die Frauen wissen: Hier können sie reden, alles Gesagte bleibt hier.

Was geschieht nach dem Erstgespräch?
Springer-Kremser: Allein das diagnostische Erstinterview kann schon zwei bis drei Sitzungen beanspruchen. Anschließend wird mit der Patientin ein Behandlungsplan besprochen. Wir unterscheiden vier Gruppen von Patientinnen: Solche, denen eine einmalige Beratung reicht, dann gibt es Frauen, bei denen ist eine Kurztherapie in der Ambulanz indiziert. Eine dritte Gruppe umfasst Frauen, die wir gleich zu Therapien außerhalb überweisen. Und dann gibt es natürlich jene, die einmal kommen und die wir dann nie wieder sehen. Das ist die kleinste Gruppe, aber das ist in jeder Ambulanz so.

Entstehen für die Frauen Kosten, wenn sie zu Ihnen kommen?
Springer-Kremser: Nein, die Kosten übernimmt die Krankenkasse. Die Frauen müssen sich nur telefonisch über die Leitstelle 8c Frauenkliniken anmelden (Tel. 01/40-400-2804 oder -2904) und einen Krankenschein oder eine Überweisung mitbringen.

Sabine Fisch, Ärzte Woche 12/2005

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