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Alkoholerkrankung

Mut machen, etwas zu ändern

In den vergangenen Jahren hat ein Dogmenwechsel in der Therapie der Alkoholerkrankung stattgefunden. Neben vollkommener Abstinenz kann auch die Reduktion der Trinkmenge ein Ziel sein. Wir sprachen mit Frau Univ. Prof. Dr. Henriette Walter, Leiterin der Ambulanz f. Alkoholismusgefährdete, Abt. f Sozialpsychiatrie, Medizinische Universität Wien, über neue diagnostische und therapeutische Ansätze. 

Was sind bei der Alkoholerkrankung die wesentlichen Änderungen im neuen diagnostischen Manual DSM-5?
Prof. Walter: Aus den beiden Diagnosen Alkoholmissbrauch und Alkholabhängigkeit wird im DSM-5 die Diagnose „Alcohol Use disorder“, die leichtmittel und schwer sein kann, je nachdem wie viele der diagnostischen Kriterien (für das letzte Jahr) erfüllt werden. Wesentlich ist, dass „Craving“, also das Verlangen nach Alkohol, als diagnostisches Kriterium dazukommt.

Das Craving hat als eines der 11 diagnostischen Kriterien wesentlich an Bedeutung gewonnen. Warum spielt das Verlangen, die Gier nach Alkohol, eine so wichtige Rolle im Krankheitsverlauf der Alkoholabhängigkeit?
Prof. Walter: Nicht jedes Verlangen nach Alkohol, führt unweigerlich zum Rückfall, aber es weist auf die Gefahr hin, rückfällig zu werden. Wir wissen dass es vier psychische Bereiche gibt, in denen Craving (bei Rauchen, wie auch bei Alkohol) zum Rückfall führen kann (Stress, Depression, Unachtsamkeit bei guter Stimmung und Unachtsamkeit bei entspannter Stimmung) (Hertling et al., 2004).

Wo und wann soll die Behandlung der Alkoholerkrankung optimalerweise ansetzen?
Prof. Walter: Je niederschwelliger der Beginn ist, umso besser. Denn da geht es ums Mut machen, etwas im Leben zu ändern. Der Beginn ist geprägt durch Informationen, aber schon bald wird daraus das Thema „Entschluss“ oder „Entschlossenheit“ etwas ernsthaft im Leben umzustellen – es muss ja nicht gleich das ganze Leben sein. Da ist ein Knackpunkt erreicht. Fragen tauchen auf: welche Ressourcen kann man verwenden, was tritt an die Stelle von Alkohol? Womit fülle ich die Zeit, die früher dem Trinken gewidmet war, sinnvoll? Und gerade diese Fragen sind enorm wichtig und sollten auch in der Allgemeinmedizin von den Kassen, ähnlich dem Gespräch mit Drogenabhängigen, honoriert werden. Danach kann man gemeinsam entscheiden, was der nächste Schritt sein soll.

In den letzten Jahren zeichnet sich ein Dogmenwechsel in der Therapie ab. Neben der totalen Abstinenz wird immer öfter eine Reduktion der Trinkmenge empfohlen. Wie beurteilen Sie die beiden Behandlungsansätze?
Prof. Walter: Vielen kommt der Ansatz der Trinkmengenreduktion entgegen. Dieses Programm hat 3 Säulen:
1. die Gabe von Opiatantagonisten
2. die Aufzeichnung der Trinkmenge
3. das Gespräch darüber.
Es gibt jedoch Patienten, bei denen dieses Therapiemodell nicht klappt. In diesem Fall muss auf die alte Schiene der totalen Abstinenz zurückgegriffen werden. Den ersten Ansatz halte ich für zeitgemäßer und bei leichtem bis mittlerem Schweregrad gut durchführbar. Der zweite Ansatz gilt für schwer oder multipel Abhängige, für Patienten mit langer Suchtdauer und wenig stabilem Umfeld.

Wann setzen Sie Opiatantagonisten als medikamentöse Säule bei Alkoholerkrankung ein?
Prof. Walter: In 2 Situationen: Am Beginn der Therapie für die Reduktion der Trinkmenge und nach der Therapie als Rückfallprophylaxe bei Lesch Typen III und IV (www.lat-online.at). Im Falle von Naltrexon empfehle ich meinen Patientinnen, immer mit einer halben Tablette zu beginnen, nach 4 Tagen auf 1 × 1 zu erhöhen. Im allgemeinen wird damit die einzig unangenehme Nebenwirkung, die auftreten kann, nämlich Übelkeit, vermieden. Bei Nalmefene ist dies meist nicht nötig. Die medikamentöse Stütze erleichtert das Redu zieren/ Beenden des bisherigen Trinkmusters und ist daher enorm wichtig. Es zeigt, dass eine Veränderung möglich ist.

Sehen Sie in ihrer täglichen psychiatrischen Praxis Unterschiede zwischen Originalpräparaten und generischen Produkten?
Prof. Walter: Ich bemerke oft, dass die Generika weniger wirken, also weniger Inhalt zu haben scheinen, was dazu führt, dass man mehr braucht. Ich finde hier müssen kontrollierte Studien mit Messungen des Medikamentenspiegels im Plasma gefordert werden.

Danke für das Gespräch.

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