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Die „Foodamentalisten“ kommen

Die Orthorexie wurde vor wenigen Jahren erstmals in den USA beschrieben und hat mittlerweile ihren Weg auch nach Europa gefunden.

Im Rahmen der 6. Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Psychopharmakologie und biologische Psychiatrie (ÖGPP) berichtete die Ernährungswissenschafterin Doz. Dr. Ingrid Kiefer vom Institut für Sozialmedizin über den „Zwang zum gesunden Essen“.„Bringen Sie mir einen grünen Salat, bitte. Aber nur dann, wenn er aus garantiert biologischem Anbau stammt und erst heute geerntet wurde.“ So oder so ähnlich könnte die Bestellung eines Menschen in einem Restaurant lauten, der an Orthorexia nervosa leidet. Menschen, die von Orthorexie betroffen sind, leiden unter dem Zwang, sich gesund zu ernähren. Sie beschäftigen sich mindestens drei Stunden täglich mit ihrer Ernährung. Im Mittelpunkt steht dabei die Gesundheit, nicht das Vergnügen am Verzehr. Aber handelt es sich dabei tatsächlich um eine Erkrankung? Glaubt man dem amerikanischen Arzt Dr. Steven Bratman, so lautet die Antwort eindeutig: „Ja.“ Bratman litt selbst unter dieser Störung und schrieb, nach seiner Heilung durch einen buddhistischen Mönch, der ihn wieder zu einem normalen Essverhalten ermutigt haben soll, ein Buch darüber: „Orthorexia nervosa: Health food junkies“.

Störung – ja, Krankheit – nein

Die Ernährungswissenschafterin Doz. Dr. Ingrid Kiefer vom Institut für Sozialmedizin an der Medizinuniversität Wien begann sich im Jahr 2003 mit Orthorexie zu beschäftigen, nachdem sie Bratmans Buch gelesen hatte: „Die zwanghafte Beschäftigung mit gesunder Ernährung sehen wir auch an unserem Institut. Dabei steht oft der Wunsch nach einem allgemein verbesserten Gesundheitszustand im Vordergrund oder der Wunsch nach einem verringerten Körpergewicht.“ Als Störung bezeichnet Kiefer dieses Essverhalten allerdings erst dann, wenn damit eine immer stärkere Einschränkung auf bestimmte Lebensmittel einhergeht, also wenn beispielsweise nur noch Getreide gegessen wird. OrthorektikerInnen würden außerdem ein missionarshaftes Verhalten an den Tag legen, „sich zu so genannten Foodamentalisten entwickeln und ihre Umgebung damit behelligen, was letzten Endes zu sozialer Isolation führen kann“, so Kiefer weiter. Zahlen, wie viele Menschen von dieser neuen Essstörung betroffen sind, liegen derzeit weder für Europa noch für die USA vor. Eine italienische Studie, der Kiefer allerdings methodische Mängel unterstellt, fand eine Prävalenz von 6,9 Prozent, eine Zahl, an die weder Kiefer noch der Psychiater Prof. Dr. Christoph Stuppäck von der Univ.-Klinik für Psychiatrie an der Medizinuniversität Salzburg glauben wollen. Stuppäck schätzt die Prävalenz auf einen Wert unter 0,5 Prozent. „Ich glaube nicht, dass wir bei der Orthorexie von einer Krankheit sprechen können“, sagte Stuppäck am Rande des Vortrags. „Es gibt sicher viel mehr Leute, die sich orthorektisch ernähren, als die kleine Gruppe, die wirklich krank ist.“ Auch Kiefer geht davon aus, dass subklinische Formen der Orthorexie recht häufig zu finden seien: „Eine Studie, die derzeit am Institut für Sozialmedizin mit Diätassistentinnen durchgeführt wird, soll uns genauere Auskunft geben.“

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