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ESRA feiert 10-jähriges Bestehen

Die Zeit alleine kann die seelischen Wunden nicht heilen. Auch wenn der Holocaust bereits lange zurückliegt, die psychischen Auswirkungen sitzen noch tief bei den Betroffenen und deren Kindern. Seit 1994 gibt es in Wien-Leopoldstadt mit ESRA (hebräisch für „Hilfe“) eine Anlaufstelle für Menschen mit einer Posttraumtatischen Belastungsstörung (PTBS).

Auch wenn der Holocaust bereits lange zurückliegt, die psychischen Auswirkungen sitzen noch tief bei den Betroffenen und deren Kindern. Oft ist es das Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben, der Verlust eines Angehörigen im höheren Lebensalter, der all das wieder aufleben lässt. All das, was bereits vergessen, verdrängt, nicht mehr wahrgenommen werden will. Dann kann - lange nach der Ursache - die in Fachkreisen als „Posttraumatischen Belastungsstörung“ (PTBS) bezeichnete psychische Entgleisung über die Betroffenen einfallen: Depression, sozialer Rückzug, Apathie, Konzentrationsstörungen, Angstattacken, „Flash-Backs“, sexuelle Störungen, undefinierbare Schuldgefühle, psychosomatische Beschwerden, bis hin zu psychoseartigen Symptomen - all das können Manifestationen eines PTBS sein. Tatsächlich handelt es sich um ein objektivierbares Krankheitsbild, zu dem ein international gültiges Klassifikationsschema existiert.

Syndrom nach „emotional schrecklichen Situationen“

„Erst in den letzten 10 Jahren hat man sich intensiver mit diesem Syndrom beschäftigt. Bei der ’Posttraumatischen Belastungsstörung’ handelt sich um ein Syndrom, das nach ’emotional schrecklichen’ Situationen auftritt“, erklärt Prim. Dr. David Vyssoki, Ärztlicher Leiter des Zentrums für Psychotraumatologie ESRA - einem Projekt, das 1994 in Zusammenarbeit der Israeltischen Kultusgemeinde mit der Stadt Wien entstanden ist. Es versteht sich als Zentrum für psychosoziale, sozialtherapeutische und soziokulturelle Integration und beheimatet die Ambulanz für Spätfolgen und Erkrankungen des Holocaust- und Migrations-Syndroms. ESRA steht generell für Personen, die akute psychische Belastungssituationen durchleben mussten, offen: Roma, Sinti oder Homosexuelle, die in der NS-Zeit verfolgt wurden, Kriegsgeschädigte aus dem ehemaligen Jugoslawien, vergewaltigte Frauen, Angehörige der Opfer von Kaprun, bis hin zu jüngst in Sölden in der Seilbahn eingeschlossenen Menschen. Jährlich werden über 2.200 Menschen in medizinischer, therapeutischer und sozialarbeiterischer Weise betreut. Ein multiprofessionelles, vielsprachiges Team kann viele Klienten in deren Muttersprache betreuen. Das Ambulatorium hilft bei akut auftretenden psychischen Krisen und psychiatrischen Erkrankungen, sofern diese infolge ihrer Komplexität keiner stationären Behandlung bedürfen.
Vyssoki lobt in diesem Zusammenhang die hervorragende Zusammenarbeit unter anderem mit der „Akutbetreuung Wien“ (ABW). Auch mit einer Reihe anderer Einrichtungen habe man ein professionelles und sehr gutes Verhältnis. Die Angebote von ESRA sind für KlientInnen und PatientInnen kostenlos, für Versicherte werden medizinische Leistungen gegen Krankenschein angeboten. Allerdings seien, so Vyssoki, die Ressourcen bei einer solchen Einrichtung naturgemäß begrenzt: „Da eine moderne Traumatherapie sehr intensiv ist, können wir es sie nur sehr gezielt anbieten.“ So könne man den niedergelassenen Kollegen, die Patienten an ESRA überweisen wollen, zur Zeit auch kein allzu großes Angebot machen. Für eine - telefonische - Beratung stehen die Mitarbeiter allerdings immer zur Verfügung. Über die Bedeutung von massiven psychischen Traumata meint Vyssoki: „Das Eigenbild des Menschen ist das eines unversehrten Menschen. Der traumatisierte Mensch ist jener, der erleben musste, dass alle diese Vorstellungen nun zerstört sind.“

Weitere Informationen unter www.esra.at oder 01/2149014-30

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