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Psychiatrie: Weitaus besser als ihr Ruf

Die Psychiatrie hat sich als eigenständige Fachrichtung bereits fest etabliert. Die Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ ist auch nach außen hin als deutliches Signal zu werten. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit dem Präsidenten der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP), Prof. Dr. Wolfgang Fleischhacker, Leiter der klinischen Abteilung für Biologische Psychiatrie, Innsbruck.

In Ihre Amtszeit als Präsident der ÖGPP fällt eine Reform zur psychiatrischen Facharztausbildung. Wie ist der Stand der Dinge?
Fleischhacker: Einen wichtigen Themenschwerpunkt unserer Arbeit als Gesellschaft stellt die neue Ausbildungsrichtlinie dar: Jeder Facharzt für Psychiatrie muss zukünftig eine Psychotherapieausbildung absolviert haben. Es ist eine große Herausforderung, diese neue Regel auch in die Praxis umzusetzen und die kostenaufwändige Ausbildung für die jungen KollegInnen zu ermöglichen. Die Ausbildungsträger sind angehalten, diese mitzufinanzieren. Zu Beginn des kommenden Jahres soll die neue Richtlinie bereits in Kraft treten. Lediglich die Bestätigung der Bundesministerien fehlt noch. Zudem ist vorgesehen, dass in der Facharztausbildung der Psychiatrie selbst – auf Kosten der Inneren Medizin und der Neurologie – noch mehr Stellenwert eingeräumt wird.

Sie haben zu Beginn Ihrer Präsidentschaft von einem Ausbau der Fort- und Weiterbildung gesprochen...
Fleischhacker: Wir dürfen selbstverständlich die Fort- und Weiterbildung nicht vernachlässigen. In unserem Fachgebiet haben wir es mit einer besonderen Situation zu tun: Da sich die Fachrichtungen Psychiatrie und Neurologie mittlerweile auseinander entwickelt haben, herrscht ein großes Fortbildungsbedürfnis gerade bei jenen KollegInnen, die noch das Doppelfach vertreten. Diesem Umstand müssen wir auch in unseren Tagungsprogrammen Rechnung tragen. Es gibt aber nach wie vor eine Reihe von Überlappungsbereichen – etwa Schlafstörungen, Demenzerkrankungen oder die Schmerztherapie. Zudem haben wir eine gute Kooperation mit den KollegInnen der Neurologie durch den gemeinsamen Dachverband. Auch die Zusammenarbeit mit nicht-ärztlichen, Psychiatrie-nahen Gesundheitsberufen ist uns ein großes Anliegen. Für die Verbesserung der theoretischen Fachausbildung und zur Gewährleistung der Qualitätssicherung soll zudem unsere neu gegründete Fortbildungsakademie - finanziert von der Fachgesellschaft und den Ausbildungskandidaten selber - dienen.

Wie steht es heute mit dem Bild der Psychiatrie?
Fleischhacker: Die Gesellschaft bemüht sich um ein besseres Verständnis des Faches Psychiatrie in der Öffentlichkeit. Um mit den Mythen und Missverständnissen einer antiquierten Zwangspsychiatrie aufzuräumen, muss eine gute Öffentlichkeitsarbeit gemacht werden. Kaum ein Fachgebiet muss sich mit einer so starken, durch die Geschichte geprägten, negativen Publicity auseinander setzen und das eigene Image zurechtrücken. Zwar nehmen die Ressentiments heute zunehmend ab, gewisse Vorbehalte existieren jedoch bei PatientInnen, aber auch bei manchen KollegInnen nach wie vor.

Ist die psychiatrische Versorgungsstruktur in Österreich Ihrer Meinung nach zufriedenstellend?
Fleischhacker: Im stationären Bereich können wir im Wesentlichen recht zufrieden sein. Der Bettenschlüssel liegt mit 0,5 Betten auf Tausend Einwohner im internationalen Durchschnitt. Nachholbedarf gibt es allerdings bei den Tageskliniken und im Umfeld der psychiatrischen Rehabilitation. Hier sind weite Teile des Landes sicherlich unterversorgt. Auch die Grundversorgung mit FachärztInnen ist eigentlich nur in den städtischen Gebieten halbwegs angemessen. Die Gesellschaft ist zur Zeit zwecks Schaffung entsprechender Voraussetzungen in Diskussion mit Ärztekammer, Ministerium, ÖBIG und den Sozialversicherungsträgern.

Sie sprechen sich recht kritisch gegen die Etablierung psychosomatischer Großkliniken, wie etwa in Eggenburg, aus...
Fleischhacker: Diese Idee geht meiner Meinung nach völlig am Konzept einer modernen psychiatrisch/ psychosomatischen Versorgung vorbei. Die Psychosomatik ist Teilbereich der Psychiatrie und kann nicht einfach herausgelöst werden. Hier wird aber versucht, unter dem Etikettschwindel „Psychosomatik“ eine attraktivere Psychiatrie anzubieten, die meiner Meinung nach allerdings in die Richtung einer „Zwei-Klassen-Medizin“ geht. Solche isolierten psychosomatischen Kliniken, die von privaten, gewinnorientierten Gesellschaften betrieben und von der öffentlichen Hand unterstützt werden sollen, entsprechen auch nicht den Empfehlungen des Österreichischen Bundesinstitutes für Gesundheitswesen und des Österreichischen Krankenanstaltenplans. Dennoch sollen sie aus den LKF-Töpfen finanziert werden. Da sich auch der Hauptverband an diesen Projekten beteiligt, fehlt das zur Verfügung gestellte Geld für einen Ausbau dringend benötigter psychiatrischer Strukturen in den Ländern! Sinnvoller wäre der Ausbau des Konsiliar-Liäson-Bereiches, bei dem die PsychiaterInnen bei bestimmten Fragestellungen der somatischen Medizin hinzugezogen werden. Das ist weltweit der zeitgemäße Trend, diesen PatientInnen gerecht zu werden. Große psychiatrische Kliniken sind nicht zeitgemäß und tragen zur Stigmatisierung bei! Die Zukunft liegt vielmehr in kleinen Abteilungen, die in guter Vernetzung mit den anderen Richtungen der Medizin stehen. Wir brauchen vermehrt eine qualitativ hochwertige psychiatrische Versorgung sowohl im stationären und ambulanten Bereich als auch in der Rehabilitation.

Ist die Prävalenz psychiatrischer Erkrankungen in den letzten Jahren angestiegen?
Fleischhacker: Obwohl es – vor allem aufgrund vieler Medienberichte – so erscheinen mag, gibt es in Österreich keine gute Evidenz, dass Krankheiten aus diesem Bereich tatsächlich zunehmen. Der Eindruck in der Öffentlichkeit entsteht vielmehr dadurch, dass unsere Aufklärungsbemühungen gefruchtet haben. Betroffene konsultieren bei seelischen Beschwerden häufiger den Arzt. Auch die Sensibilität der KollegInnen diesen Erkrankungen gegenüber steigt, die PatientInnen werden vermehrt an die zuständigen Stellen verwiesen. Es ist erfreulich, dass psychiatrische Erkrankungen zunehmend enttabuisiert werden.

Welche Anliegen hätten Sie an die Allgemeinmediziner?
Fleischhacker: Die Zusammenarbeit zwischen den PsychiaterInnen und den HausärztInnen ist sicher noch verbesserungswürdig – in beiden Richtungen. Schließlich gehören Erkrankungen, die den psychiatrischen oder psychotherapeutischen Bereich betreffen, zu den häufigsten Gesundheitsstörungen in der täglichen Praxis. Dort, wo behandelnde KollegInnen das Gefühl haben, es würde die psychische Komponente eine entscheidende Rolle spielen, sollte frühzeitig mit einem Psychiater Kontakt aufgenommen werden, um gemeinsam das weitere Procedere zu besprechen. Umgekehrt dürfen die PsychiaterInnen bei der Rücküberweisung behandelter PatientInnen die HausärztInnen nicht im Ungewissen lassen. Nur mit einer gemeinsamen Nachbetreuung über viele Jahre ist eine adäquate Betreuung gewährleistet. Eine gute Kooperation ist hier zum Wohle der PatientInnen unerlässlich.

Wird die Psychiatrie Ihrer Ansicht nach in ihrem Können minder eingeschätzt?
Fleischhacker: Eine fatalistische Einstellung psychiatrischen Behandlungen gegenüber ist zwar bei vielen KollegInnen anzutreffen, allerdings wirklich unbegründet: Die Psychiatrie hat sich in den vergangenen 10 bis 20 Jahren zu einer modernen und effizienten eigenständigen medizinischen Disziplin entwickelt. Sie kann den Betroffenen in einem oft weit unterschätzten Maße helfen!

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