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Gegen Diskriminierung und Ausgrenzung

Der Beginn eines Briefes, dessen Inhalt nicht nur die US-amerikanische Nation erschütterte, sondern weltweites Aufsehen, aber auch Aufmerksamkeit erzeugte: Ronald Reagan, der einstige Präsident der USA teilte der Öffentlichkeit mit, dass er an der Alzheimer Krankheit leide.
Der Brief ist wohl ein Beispiel dafür, dass in Bezug auf psychiatrische und neurologische Erkrankungen mit mentalen Folgen ein Umdenken eingesetzt hat. Psychische Probleme werden heute in ihrer Dimension und Bedeutung höher bewertet als noch vor einigen Jahren.

Doch noch gibt es auf diesem Gebiet enormen Nachholbedarf. Grund genug für die Weltgesundheitsorganisation (WHO), den diesjährigen Weltgesundheitstag am 7. April unter das Motto "Mental Health: Stop exclusion - Dare to care" zu stellen.
Der Slogan steht für folgende Forderungen: bessere Behandlungsmöglichkeiten, weniger Diskriminierung der Betroffenen und Ihrer Familien sowie nicht zuletzt ein intensiveres, gesellschaftliches Engagement, sich mit diesen Erkrankungen auseinander zu setzen.

Weltweite Dimensionen

Dazu führt die WHO folgende Zahlen an: Die führende Position unter den neuropsychiatrischen Erkrankungen nimmt mit 36,5 Prozent die unipolare Depression ein. Es folgen: Bipolare Depression (10,4 Prozent), Alkoholabhängigkeit (11,3 Prozent), Psychosen (8,7 Prozent) und Epilepsie (3,5 Prozent).

Zusätzlich zu diesen dramatischen Zahlen gibt es laut WHO eine Reihe von Gruppen, die aufgrund ihrer besonderen Lebensumstände ganz besonders gefährdet sind, von diesen Erkrankungen betroffen zu sein oder zu werden. Dazu gehören Kinder und Jugendliche mit unregelmäßiger Ernährung, isolierte ältere Menschen, Frauen nach Missbrauch, Menschen nach Trauma durch Krieg und Gewalt, Flüchtlinge und Vertriebene sowie Menschen, die in extremer Armut leben müssen.

Keine Insel der Seligen

Österreich wurde ehemals oft als "Insel der Seligen" apostrophiert. Doch bezüglich der psychiatrischen und neurologischen Erkrankungen trifft das auf die Alpenrepublik genauso wenig zu wie auf andere Staaten: Rund zehn Prozent der Bevölkerung oder 800.000 Menschen klagen über Traurigkeit, Freud- und/oder Antriebslosigkeit, berichtete bei einem internationalen Kongress Univ.-Prof. Dr. Siegfried Kasper von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie. Etwa die Hälfte der Betroffenen dürfte direkt behandlungsbedürftig sein. Etwa 17 Prozent der Menschen erkranken einmal in ihrem Leben an Depressionen.

Depressionen stecken hinter Selbstmorden: Beispielsweise sind die österreichischen Männer von 65 bis 74 Jahren mit 61,1 Suiziden pro 100.000 Personen in einem internationalen Vergleich nach Ungarn an zweiter Stelle.

Alkohol: Acht Prozent der österreichischen Männer und zwei Prozent der Frauen über 16 sind alkoholabhängig. Die Fachleute sprechen von 325.000 Alkoholabhängigen. Die Zahl der Gefährdeten liegt wesentlich darüber. Alkoholkranke und Alkoholgefährdete haben das bis zu 20-fache Selbstmordrisiko. Etwa ein Prozent der Menschen sind von Schizophrenie betroffen. Hier unterscheidet sich Österreich ebenfalls nicht vom Rest der Welt. Was die Betroffenen besonders quält: Diskriminierung im sozialen Umfeld und in der Arbeitswelt sowie das völlig falsche Bild von "Dr. Jekyll & Mr. Hyde".

Auch der Begriff "Spaltungs-Irresein" ist noch oft gebräuchlich. Zum Teil behindert das die Therapie, besonders aber schädigt das die Aussichten auf eine Rehabilitation. Der Psychiater Univ.-Prof. Dr. Heinz Katschnig, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie der Universität Wien, hat - laut APA - deutliche Hinweise dafür, dass in Österreich noch immer Patienten mit solchen Problemen bei weitem nicht immer an jenen Stellen betreut werden, die spezielle Hilfe anbieten.

Psychiatrische Krankheit als Hauptdiagnose

Katschnig: "Wir haben in Österreich pro Jahr 2,2 bis 2,3 Millionen Spitalsentlassungen. Bei rund 100.000 Patienten, die aus stationärer Betreuung entlassen werden, ist eine psychiatrische Erkrankung die Hauptdiagnose. Doch etwa 45.000 dieser Betroffenen kommen nicht aus psychiatrischen Abteilungen, sondern aus Abteilungen für Interne Medizin. Das kann aber auch bedeuten, dass Menschen noch immer davor zurückscheuen, mit der Psychiatrie in Kontakt zu kommen. Ein Haupt- anliegen muss daher noch immer der Abbau von Diskriminierung und Stigmatisierung sein."

Gesellschaft gegründet

Den WHO-Tag nimmt die Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP, siehe Kasten rechts) zum Anlass, ihre Gründungsversammlung abzuhalten.
Sie wurde ins Leben gerufen, da bei der letzten wissenschaftlichen Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Neurologie und Psychiatrie im Mai 2000 der Entschluss gefasst wurde, diese Gesellschaft aufzulösen und in getrennte neurologische und psychiatrische Fachgesellschaften umzuwandeln. Präsident der Gesellschaft ist Univ. Doz. Prim. Dr. W.Schöny.

Quelle: WHO/APA

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