zur Navigation zum Inhalt
 

Der Manie auf der Spur

An der bipolaren Erkrankung, die früher „manisch-depressives Irresein“ genannt wurde, leiden etwa fünf Prozent der Bevölkerung. Die durch diese Erkrankung hervorgerufene psychosoziale Behinderung führt sehr häufig zum Verlust des Arbeitsplatzes und zu signifikanten Störungen der zwischenmenschlichen Beziehungen, Scheidung, Probleme in Freundschaften etc. Allerdings stehen gute Therapieoptionen zur Verfügung.

„Meist wird die Erkrankung als ,persönliches Versagen’ verkannt, woraus unnötiges Leid für die Erkrankten selbst und deren Angehörige folgt und weswegen auch eine Behandlung ausbleibt. Wenn zum Beispiel bei einem Menschen im 25. Lebensjahr erstmals diese Erkrankung auftritt, verliert er etwa eineinhalb Jahrzehnte seines unbeeinträchtigten gesunden Lebens – das bedeutet Einbußen der beruflichen und familiären Aktivität, und er hat darüber hinaus im Vergleich zur gesunden Bevölkerung eine um neun Jahre verkürzte Lebenserwartung“, so Prof. Dr. Dr. h.c. Siegfried Kasper, Klinische Abteilung für Allgemeine Psychiatrie, AKH Wien.

Wie zu erwarten, ist das Suizidrisiko dieser Patientengruppe deutlich erhöht. Etwa 25 bis 50 Prozent der Erkrankten unternehmen mindestens einen Suizidversuch im Laufe ihrer Erkrankung.
Unbehandelte Patienten mit einer bipolaren Erkrankung weisen auch eine signifikant erhöhte Morbidität und Mortalität an nicht psychiatrischen Erkrankungen (zum Beispiel kardiovaskuläre Leiden) gegenüber der Allgemeinbevölkerung auf, weil auch diese Erkrankungen auf Grund der seelischen Missgestimmtheit nicht behandelt werden. Das Selbstwertgefühl jedes Menschen wird von inneren und äußeren Einflüssen gesteuert und unterliegt gewissen Schwankungen. Enttäuschungen, Todesfälle oder Krankheiten lösen depressive Gemütszustände aus. Erfolgserlebnisse, Lotteriegewinne oder Verliebtheit bewirken eher leicht manisch-euphorische Zustände.

Regulation des Selbstwertgefühles

Prof. Dr. Rainer Danzinger, Landesnervenklinik Sigmund Freud Graz: „Diese Regulierung entgleitet bei manisch-depressiven Erkrankungen in extremer Weise, aber prinzipiell sind dieses emotionalen Ausnahmezustände für Außenstehende einfühlbar.“ Das System der Regulation des Selbstwertgefühles wird durch innere Selbstbestrafung, Abwertung und Gewissensbisse einerseits, durch Belohnungs- und Anerkennungsimpulse andererseits gesteuert. Fällt das kritische, abwertende System fast völlig aus, kommt es zur Manie, im umgekehrten Fall zur Depression.
„Das soziale Erscheinungsbild einer Person kann sich dabei vollständig verändern. Eine gut angepasste, eher zurückhaltende 40-jährige Dame, die normalerweise eher eine unauffällige graue Maus ist, beginnt während einer manischen Phase sich grell und auffallend zu schminken, kleidet sich bunt und redet wie ein Wasserfall, sodass Bekannte, die sie vorher als einsilbig und bescheiden erlebt haben, sie fast nicht wieder erkennen“, meint Danzinger.

Danzinger auf die Frage, ob es einen Gegensatz zwischen biologischen und psychologischen Erklärungsmodellen dieser affektiven Entgleisungen gibt: „Keineswegs, es ist bekannt, dass genetische Faktoren und Fehlprogrammierungen der inneren Selbststeuerung zu neurochemischen und sogar morphologischen Veränderungen in bestimmten Hirnregionen führen. Bei Untersuchungen findet man, dass Neurotransmitter, Neuromodulatoren und bestimmte Hormonsysteme aus dem Gleichgewicht gefallen sind.
In der verbalen Kommunikation mit dem Patienten erlebt man, dass die innere Regulation des Selbstwertgefühles entweder die Bremsen der Selbstkritik zu stark angezogen hat oder dass es zu einer vollständigen Enthemmung und Antriebssteigerung kommt.“

Soziale Verwüstungen Familienangehörige, Freunde, Ärzte oder Psychotherapeuten reagieren mit ganz typischen Beziehungsmustern auf Maniker. Entweder sie begeben sich in eine kontrollierende, steuernde und strafende Position, oder aber sie lassen sich von der Manie sozusagen „anstecken“. Im letzteren Fall entsteht eine flüchtige, leichtsinnige, sozusagen angeheiterte zwischenmenschliche Beziehung. Dies kann zu erhöhter Promiskuität, Geldverschwendung, gelegentlich jedoch auch zu vermehrter Kreativität führen.
Häufig richten unbehandelte oder zu spät behandelte manische Erkrankungen schwere soziale Verwüstungen an, die die Betroffenen nach Abklingen der Krankheitsphase sogar in den Suizid treiben können.

Gelegentlich allerdings können leichte, so genannte hypomanische Zustände geschäftlichen Erfolg oder künstlerische Kreativität begünstigen. Pablo Picasso beispielweise litt an einer manisch-depressiven Störung im Sinne eines „Rapid Cycling“. Bis Mittag war Picasso nahezu gelähmt, dysphorisch und lustlos und konnte nichts arbeiten. Nachmittags und in den Abendstunden hingegen war er ein überaus produktiver, fast getriebener Künstler.

Von der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) wurde nun ein österreichweiter Konsensus zur Diagnostik (siehe Kasten) und Behandlung der bipolaren Erkrankungen veröffentlicht.
In den meisten Fällen ist eine Langzeitbehandlung notwendig. Prof. Dr. Johannes Tauscher, Klinische Abteilung für Allgemeine Psychiatrie, AKH Wien

: „Optimal ist eine Kombination von Medikamenten und psychosozialer Hilfe.
Eine kontinuierliche Behandlung auch in asymptomatischen Zeiten ist auf lange Sicht wirksamer als eine, die nur dann begonnen wird, wenn wieder Symptome auftreten.“ Es gibt verschiedene Medikamente zur Behandlung der bipolaren Erkrankung, die als Stimmungsstabilisierer bezeichnet werden und über längere Zeit eingenommen werden müssen:
Lithium, das wirksam zur akuten Behandlung manischer Episoden ist und außerdem gegen das Wiederauftreten von manischen und depressiven Episoden hilft.

Antiepileptika, wie zum Beispiel Valproinsäure, Carbamazepin, zeigen einen stimmungsstabilisierenden Effekt. Darüber hinaus gibt es neuere Präparate wie Lamotrigin, das besonders gut gegen den depressiven Pol der Krankheit wirkt, oder Gabapentin, das vor allem bei gleichzeitig ausgeprägter Ängstlichkeit zur Anwendung kommt. Antidepressiva sollten immer in Kombination mit einem der oben angeführten Medikamente verabreicht werden, weil sonst die Gefahr der neuerlichen Auslösung manischer Symptome besteht.
ö Antipsychotika, wobei vor allem Medikamente aus der Gruppe der neuen, atypischen Antipsychotika (z.B. Olanzapin, Quetiapin oder Risperidon) einen stimmungsstabilisierenden Effekt aufweisen.
Die neuere Generation von Medikamenten wird generell gut vertragen. Allerdings können, abhängig von der verwendeten Substanz, verschiedene reversible Nebenwirkungen auftreten, wie Gewichtszunahme, Übelkeit, Zittern, verminderte sexuelle Lust, Ängstlichkeit, Bewegungsstörungen oder trockener Mund. Durch eine Dosisanpassung oder einen Medikamentenwechsel kann in den meisten Fällen rasch geholfen werden.
„In letzter Zeit wurden auch Omega-3-Fettsäuren sowohl alleine als auch in Kombination mit anderen Medikamenten im Hinblick auf ihre Wirksamkeit zur Langzeitbehandlung von bipolaren Störungen untersucht. Eine abschließende Beurteilung ist hier noch nicht möglich“, so Tauscher.

Psychosoziale Interventionen

Wirksame psychosoziale Interventionen bei bipolaren Erkrankungen umfassen kognitive Verhaltenstherapie, Psychoedukation, Familientherapie und „Social Rhythm“-Psychotherapie.
Die kognitive Verhaltenstherapie zielt darauf ab, ungünstige Gedanken- und Verhaltensmuster zu verändern. Die Psychoedukation klärt sowohl Patienten als auch deren Familienmitglieder über die Krankheit und deren Behandlung auf und lehrt, „Frühwarnzeichen“ möglichst bald zu erkennen und damit eine möglichst frühe Behandlung zu beginnen, bevor die Krankheit wieder völlig ausgebrochen ist.
Familientherapie vermittelt Strategien, die den Stress-Level innerhalb einer Familie reduzieren sollen.
Die „Social Rhythm“-Psychotherapie hilft Patienten mit bipolaren Erkrankungen, ihre Beziehungen zu verbessern und die tägliche Routine zu optimieren, da eine regelmäßige Lebensführung und ausreichende Schlafzeiten protektiv gegen manische Episoden wirken.

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben