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Und plötzlich ist das Leben wunderbar!

Das Gegenstück zur Depression bewirkt Aktivität und euphorische Stimmung, manchmal aber auch Gereiztheit, die die tragbaren Grenzen überschreitet.

Das Vollbild einer Manie ist für das Umfeld in höchstem Maße befremdlich, zugleich aber auch durchaus interessant. Noch verwirrender wird es dadurch, dass manchmal gerade derjenige Betroffene, der noch vor einigen Tagen antriebslos, hoffnungslos im Bett lag, sich vor allem fürchtete und nun vor Lebendigkeit sprüht, vor Energie und Einfällen überquillt, redet ohne Ende und das Leben plötzlich wunderbar findet. Dieser fast „schalterartige“ Umschwung der Stimmung, des Verhaltens, das wie die Auswechslung der Persönlichkeit imponiert, führte zur Schaffung der diagnostischen Einheit der Zyklothymie. Die aktuelle Bezeichnung lautet „bipolare-affektive Störung“, im ICD 10 mit F31 kodiert.

So war sie noch nie

Ein Arzt berichtet aus seiner Praxis: „Ich kannte die 35-jährige verheiratete Fabrikarbeiterin schon von zwei schweren depressiven Episoden, als sie eines Tages von ihrem Mann in die Praxis gebracht wird. Sie sprüht förmlich vor Lebensenergie, redet im Schwall, schimpft zwischendurch auf ihn ein. Nicht sie, sondern er sei verrückt, gestikuliert und reißt mir ihre Kranken-akte aus der Hand. Sie wolle sehen, ob ich auch alles richtig aufgeschrieben habe. Die Patientin hatte, da es ihr gut ging, ohne weitere Arzttermine die Medikamente abgesetzt. Nach einem kleinen Autounfall vor acht Wochen habe sich plötzlich alles verändert. Nach einigen schlaflosen Nächten sei sie plötzlich laut und umtriebig geworden, habe viel gelacht, eingekauft wie nie. Schließlich, und dies sei der Grund, warum er sie bringe, habe sie in der vorletzten Nacht allen Angestellten des Fernmeldeamtes über Fleurop Blumensträuße geschickt, nur weil die Dame bei der Telefonauskunft so nett gewesen sei – immerhin eine Ausgabe in Höhe ihres monatlichen Gehaltes. Die Diagnose einer manischen Episode (ICD-10: F30) ist eindeutig.

Auffallende Veränderung

Der psychopathologische Befund stellt sich folgendermaßen dar: Die Patientin ist gegenüber sonst gewagt gekleidet und überschminkt. Sie ist motorisch sehr unruhig, spricht laut, schnell und sehr eindringlich und zeigt eine manirierte, fast theatralisch anmutende Mimik und Gestik. Die Emotionen werden ungebremst in Sprache, Mimik und Gestik ausgedrückt. Sie vermittelt den Eindruck des Gehetzten, Aufgebrachten, zudem ist sie im Kontaktverhalten distanzlos, reizbar, hochfahrend und überheblich. Gelegentlich kommt es zu Momenten fast unkontrollierbarer Erregung. Die Aufmerksamkeit der Patientin ist durch erhöhte Ablenkbarkeit reduziert, ihr Denken ist ideenflüchtig und unkoordiniert, dennoch hält sie rücksichtslos und unkorrigierbar daran fest. Die Selbsteinschätzung ist unrealistisch hoch. Neben der gesteigerten Motorik sind ein erheblich reduziertes Schlafbedürfnis und -dauer sowie die erhöhte körperliche Leistungsfähigkeit auffällig. Patienten mit einer Manie bedürfen unbedingt fachärztlicher Diagnostik und Behandlung. Nicht nur wegen der schwierig zu therapierenden bipolaren-affektiven Erkrankung, sondern auch, weil Enzephalitiden sowie Verletzungen oder Tumore im Stirnhirn fast identische Zustandsbilder erzeugen. Diese müssen natürlich ausgeschlossen werden, bevor mit der antipsychotischen Therapie begonnen werden kann.

PD. Dr. med.
A. Zacher
FA für Psychiatrie
und Psychotherapie,
Regensburg

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