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Leben am Tropf des Taschenrechners

Ein Patient, der immer viel zu früh zu einem vereinbarten Termin kommt und dann lange im Wartezimmer herumsitzt: Das könnte ein Fall von Dyskalkulie sein. Diese Menschen können einfach nicht mit Zahlen umgehen, sie müssen als Erwachsene noch mit den Fingern rechnen und haben nicht nur Probleme mit der Uhrzeit, sondern generell mit unserer „durchnummerierten“ Welt.

Nicht für jeden hören mit dem letzten Tag der Schulzeit die Probleme mit den Rechenkünsten auf. Vor allem nicht für jene Mitmenschen, die an einer nicht oder nicht adäquat behandelten Dyskalkulie oder Rechenschwäche leiden. Viele von ihnen tragen zum Beispiel ständig größere Summen Geldes bei sich, nur damit es auch ja für den täglichen Einkauf reicht. Oder sie stehen weit vor der Zeit an der Bushaltestelle, weil sie ihren Fertigkeiten beim Ablesen der Uhr gründlich misstrauen. Ein Leben ohne Taschenrechner wird vor diesem Hintergrund nahezu undenkbar.

Kein kinderpsychiatrisches Leichtgewicht

Mit einer geschätzten Prävalenz zwischen 4,4 und 6,7% der Bevölkerung gehört die „umschriebene Rechenstörung“ nicht eben zu den kinderpsychiatrischen Leichtgewichten. Genauer gesagt kann sie es mit der zweiten bedeutenden Teilleistungsstörung, der Legasthenie, nummerisch durchaus aufnehmen, dennoch ist sie in der Öffentlichkeit weit weniger bekannt, sie ist weniger gut erforscht und wird im Normalfall weniger intensiv behandelt. Die Dyskalkulie ist definitonsgemäß nach ICD-10 eine „... Beeinträchtigung von Rechenfertigkeiten, die nicht allein durch eine allgemeine Intelligenzminderung oder eine unangemessene Beschulung erklärbar ist. Das Defizit betrifft vor allem die Beherrschung grundlegender Rechenfertigkeiten wie Addition, Subtraktion, Multiplikation und Division ...“ Keinesfalls handelt es sich bei dieser Störung um ein Spezifikum westlicher Zivilisation, was auf eine deutliche genetische Basierung hinweist. Meist liegen die Wurzeln der Rechenschwäche schon sehr früh in der kindlichen Entwicklung. Denn bereits mit Beginn des Spracherwerbs erlernen Kinder erste Zahlworte und ansatzweise auch das Prinzip des Zählens sowie das Zu- und Wegzählen zum Verändern von Mengen. Diese Fertigkeiten eignet sich das Kind im Kontakt mit der Umwelt auch ohne systematische Unterweisung an. Die schrittweise Strukturierung des Zahlenraums mit seinen Quantifizierungsprinzipien und differenzierten Nähe-Distanz-Beziehungen bildet sich beim Dyskalkuliker hingegen nicht adäquat aus.

Woher kommen die Probleme?

Der Zürcher Kinder- und Jugendpsychiater Prof. Dr. Michael von Aster unterscheidet auf neuropsychologisch gesicherter Basis drei Subtypen der Störung:
– Eine „tief greifende“ Störung, bei der eine hohe genetische Belastung oder eine frühkindlich bedingte Hirnfunktionsstörung als kausal anzunehmen ist. Die Schwierigkeiten manifestieren sich hier bereits in mangelnden vorsprachlichen nummerischen Kompetenzen.
– Eine vorwiegend „sprachliche“ Störung, die sich durch häufige Fehler beim Abzählen auszeichnet. Die Kinder verharren dadurch über Gebühr bei unreifen, langsamen Zähl- und Abrufstrategien, was den Aufbau von Faktenwissen erschwert. Die Finger bleiben hier lange Zeit als Abzählhilfe unentbehrlich.
–l Einen „arabischen“ Subtyp; hier fällt das Erlernen des arabischen Zahlennotationssystems und der entsprechenden Übersetzungsregeln schwer. Weiter kompliziert wird die Adaptation an dieses Regelwerk durch die der deutschen Zahlwortsequenz eigene Zehner-Einer-Inversion („Zahlendreher“), wonach die Zahl 21 etwa nicht, wie in den meisten anderen Sprachen üblich, „zwanzig und eins“, sondern „einundzwanzig“ gesprochen wird. Der Dyskalkuliker muss unter Umständen zeitlebens erst einmal innehalten, wenn er mit der Frage konfrontiert wird, ob „neunundvierzig“ nun größer ist als „einundfünfzig“ – oder umgekehrt.
Screeningverfahren (s. Kasten) sind hinsichtlich einer möglichst frühzeitigen Diagnose von unschätzbarem Wert, denn zuweilen verstehen es gerade intelligente Dyskalkuliker, sich mit Geschick und recht passablen Mathematik-Noten durch die ersten Volksschulklassen zu mogeln. Letztlich ist diese bewundernswerte Leistung jedoch maladaptiv, denn die deutlich dünnere Luft der höheren Jahrgangsstufen enttarnt so manch vermeintlichen Rechenkünstler recht unsanft – und das mit dann zumeist irreparablen Lerndefiziten. Daher ist zu fordern, dass so früh wie möglich, am besten bereits im Kindergartenalter, ein wachsames Auge auf eventuelle Auffälligkeiten geworfen wird. Die Verdachtsdiagnose Dyskalkulie bedarf, sobald erhoben, eingehender differenzialdiagnostischer Abklärung. Denn nicht immer steckt eine Rechenschwäche im engeren Sinne hinter mangelnder Rechenleistung. Vor allem dem Gesamt-Intelligenzprofil ist in diesem Zusammenhang Aufmerksamkeit zu widmen. Aber auch den psychosozialen Status, die bisherige Schulbiografie, mögliche komorbide Störungen wie Legasthenie und ADHS (beide zu je zirka 30 Prozent mit Dyskalkulie assoziiert), gegebenenfalls ophthalmologische und neurologische Defizite oder etwa die Graphomotorik gilt es unter die Lupe zu nehmen.

Mütter sind schlechte Therapeuten

Ausgehend von dem erhobenen Befund sind jahrgangsstufenentsprechend Interventionsmaßnahmen zu planen. Standardisierte Therapieprogramme gibt es nicht, da die Symptomatik stets individuell angegangen werden muss. Instrumente der Wahl sind verhaltenstherapeutisch basierte Übungsmaßnahmen, von denen im Regelfall zwar keine Beseitigung der Rechenschwäche, aber doch eine gute kompensatorische Anpassung erwartet werden darf. Nicht zuletzt gilt es, durch rechtzeitiges Handeln sekundäre Traumatisierungen wie die Entwicklung phobischer Mathematikängste bereits im Vorfeld abzufangen. Eltern sind bei der Behandlung von Teilleistungsstörungen nicht unbedingt die besten Therapeuten. Zumindest bedürften Eltern, um ihrer Rolle als „Coach“ gerecht zu werden, in aller Regel fachkompetenter Anleitung. Mütter zeigen bei der Hausaufgabenbetreuung oft zu wenig Geduld – verständlich bei den vielen frustranen Erfahrungen, die Mutter und Kind auf diesem Gebiet oft schon miteinander gesammelt haben. Problematisch ist insbesondere, dass Mütter, wenn ihre Kinder Hilfe heischend den Blickkontakt zu ihnen suchen, sich regelmäßig erweichen lassen und den kleinen Nervensägen die Aufgabenlösung soufflieren statt, wie es günstiger wäre, lediglich mit Korrekturhinweisen beizuspringen und so dem Kind die viel größere Befriedigung der eigenständigen Problemlösung zu ermöglichen. Die Erziehungspersonen solltenstets möglichst anschauliche Hilfen geben und Ziel führende Lösungsansätze konsequent verstärken, nicht aufgabenbezogenes Verhalten dagegen ebenso konsequent ignorieren.

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