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Der unwiderstehliche Drang zu stehlen

Zumeist sind die Betroffenen junge Frauen, typische Komorbiditäten Depression und Essstörung. Der Impuls zum Stehlen wird psychotherapeutisch und mit Antidepressiva behandelt.

Kleptomanen sind nicht in der Lage, dem Impuls zu widerstehen, Dinge, die für sie keinen persönlichen Wert besitzen, zu stehlen. Zu diesem ausgeprägten Drang gehört auch die Erregung vor dem Diebstahl sowie die Erleichterung danach, so die typischen Charakteristika dieser seltenen Krankheit. Grundsätzlich besteht Einsicht in das Unrechtmäßigkeit der Tat, häufig werden die PatientInnen nach dem Vergehen auch von Schuldgefühlen und depressiven Verstimmungen geplagt. Diagnostische Hinweise Eines der Diagnosekriterien ist, dass gegen den Diebstahlsimpuls kein Widerstand geleistet werden kann. Besonderes Augenmerk sollte auch auf die Empfindungen der PatientInnen gelegt und entsprechend exploriert werden. Nicht selten werden Zustände der Erregung bis hin zum Lustempfinden vor dem Diebstahl und das Gefühl der Erleichterung sowie der Selbstbestätigung während der Tat beschrieben. Weder vorbereitende Planung der Aktion, was die Chance, unentdeckt zu bleiben, erhöhen könnte, noch Komplizenschaft gehören zum Symptomenbild. Auch wird der Diebstahl nicht begangen, um negative Emotionen, wie etwa Rachegefühle, auszuagieren. Es fehlt also typischerweise jegliches erkennbare Motiv für die Tat. An assoziierten psychischen Erkrankungen sind häufig depressive Episoden, Angst- und Essstörungen, hier wiederum speziell die Bulimia nervosa. Auch sind die Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung sowie eine ganze Reihe von Persönlichkeitsstörungen überzufällig oft bei diesen PatientInnen zu finden. Neueren kontrollierten Studien von McElroy und Mitarbeitern zufolge werden von KleptomanInnen die Kriterien einer affektiven Störung zu 36 bis 100 Prozent erfüllt. Und diese affektive Symptomatik scheint bei einigen PatientInnen auch gut mit deren Stehlintensität zu korrelieren.

Differentialdiagnose

Zu den differenzialdiagnostischen Überlegungen sollte unbedingt der Ladendiebstahl im Rahmen anderer Störungen des Sozialverhaltens bei Jugendlichen und dissoziale Persönlichkeitsstörungen bei Erwachsenen in Betracht gezogen werden. Ist wiederholter Diebstahl in diese psychischen Störungen eingebettet, sollte nicht gesondert die Diagnose Kleptomanie gestellt werden. Ob die Kleptomanie nun eher der Suchterkrankung oder eher dem Formenkreis der Zwangsstörungen zuzuordnen ist, wird unter Psychologen und Psychiatern im Übrigen kontrovers diskutiert. Die Frauenquote ist bei keinem anderen Vergehen höher oder gleich hoch wie bei der Kleptomanie, so die Statistik des Bundeskriminalamts. Die Gesellschaft für klinische Psychologie und Beratung in Münster vertritt dazu folgende Hypothese: Betroffene versuchten, eine bestimmte Sehnsucht in einem ihnen vertrauten Bereich zu stillen: „Alkoholismus und Spielsucht sind eher unter Männern verbreitet, wohingegen Frauen zu Magersucht, Bulimie und Kleptomanie neigen.“ Unbestritten scheint hier die Psychotherapie einen unverzichtbaren Bestandteil der Behandlung darzustellen. Untersuchungen zu verhaltenstherapeutischen Interventionen liegen derzeit nur in Einzelfallstudien vor. Diese allerdings lassen den Schluss zu, dass das Erlernen von Selbstkontrolltechniken (Reglementierung des Einkaufens durch schriftliche Aufzeichnungen, Erarbeitung von Strategien bei aufkommendem Diebstahlsimpuls) die Diebstahlsimpulse am besten zu unterbinden vermögen.
Auch verhaltenstherapeutische Methoden wie Konditionierung oder kognitive Techniken werden als hilfreich beschrieben, allerdings fehlen auch zu diesen Therapieschemata aussagekräftige Studien. An medikamentösen Behandlungsmöglichkeiten stehen vor allem Antidepressiva unterschiedlicher Substanzklassen zur Verfügung. Besonders bei der Subgruppe mit gleichzeitig ausgeprägten affektiven Symptomen ist beim Absetzen der Medikation mit erneutem Auftreten der Symptomatik zu rechnen und daher eine entsprechend längerfristige Therapie zu planen. Das ist insbesondere bei den PatientInnen zu erwarten, die im Rahmen depressiver Episoden stehlen.

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