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Mobbing macht krank

Medizinische Versorgung und Unterstützung von Betroffenen stellen die ersten Schritte der zumeist dringend notwendigen Intervention dar. Dazu gehört auch die gezielte Hilfestellung bei der Suche nach kompetenten Einrichtungen sowie spezialisierten Ärzten und Anwälten. Die ÄRZTE WOCHE sprach mit Dr. Brigitte Schmidl-Mohl, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie, Mobbingexpertin und Gutachterin.

Wie lange sind Sie schon mit diesem Thema befasst?
Schmidl-Mohl: Ich beschäftige mich seit 1992 mit dem Phänomen Mobbing, anfänglich gemeinsam mit Dr. Rudolf Karazman. Wir waren die Ersten, die sich von ärztlicher Seite mit diesem Problem auseinandersetzten.

Wie sieht Ihre Arbeit, auf Mobbing bezogen, heute aus?
Schmidl-Mohl: Es hat sich eine sinnvolle und hilfreiche Zusammenarbeit mit Arbeiterkammer und Gewerkschaft entwickelt, wodurch über informelle Schienen eine Verbesserung oder sogar Lösung der Situationen, in denen sich „Gemobbte“ befinden, zu erzielen ist. Im Lauf der Zeit stellte sich klar heraus, dass das einzig sinnvolle und für den Klienten zielführende Vorgehen das Verhandeln ist.

Wie ist Ihr Verständnis von Mobbingberatung?
Schmidl-Mohl: Mobbingberatung unterscheidet sich ganz grundsätzlich von der üblichen ärztlichen oder psychotherapeutischen Tätigkeit. Im Zentrum sollte immer das absolute Ernstnehmen des Klienten stehen. Psychotherapie hingegen hinterfrägt, und diese Herangehensweise ist bei Traumatisierten wirklich das Ungünstigste, was man tun kann.

Zu welchem Zeitpunkt suchen Mobbingbetroffene Ihrer Erfahrung nach Hilfe?
Schmidl-Mohl: Vor Jahren noch kamen Mobbingopfer sehr spät und viele bereits von einer posttraumatischen Belastungsstörung gezeichnet. In den letzten Jahren vollzog sich ein Wandel, die Hilfesuche erfolgt häufg schon am Anfang eines solchen Geschehens, weil bereits Sensibilisierung stattgefunden hat. Die Fragen sind, ob es sich im jeweiligen Fall um Mobbing handelt und welche Lösungsmöglichkeiten gefunden werden können.

Wie sehen solche „frühen“ Lösungen aus?
Schmidl-Mohl: Das „junge“ Mobbinggeschehen abzufangen, sodass die Entwicklung zum Vollbild erst gar nicht möglich wird. Wichtig ist es zu schauen, dass eine Veränderung der Konstellation möglich wird, in der der Betroffene an schwächster Stelle sitzt. Das ist der wesentliche Punkt, es geht ums „Umdrehen“, es geht um Gruppendynamik. So gut wie nie ist es die Persönlichkeit der Betroffenen, sondern die Person wird sozusagen als Schwachpunkt attackiert. Die Stärkste im Team kann die Schwächste sein, weil die anderen sich gegen sie verbünden. Die Gründe dafür sind vielfältig.

Worin sehen Sie die Ursache für gehäuft auftretendes Mobbing?
Schmidl-Mohl: Es ist immer eine Frage der Gesamtkonstellation. Lässt man die letzten zwölf Jahre Revue passieren, wird deutlich, wie es auch im deutschen Mobbingreport beschrieben wird, dass der Organisationsstress die eigentliche Ursache für epidemieartig auftretendes Mobbing darstellt. Wenn in einer Branche Mobbing gehäuft vorkommt, so ist das als Problemindikator zu sehen. Anfang der 90er-Jahre kam es fast ausschließlich in der Privatwirtschaft vor, ab Mitte des vergangenen Jahrhunderts kam es offenbar zu einer Entspannung am Arbeitsmarkt. Derzeit ist der öffentliche Dienst betroffen, und zwar mit einer unfassbaren Vehemenz. Tatsache ist, dass wo immer von außen getriggert Unruhe in ein System gebracht wird – durch Kürzungen, Fusionierungen und Entlassungen – , dort Mobbing auch bestimmt auftritt.

Gibt es interdisziplinäre Zusammenarbeit?
Schmidl-Mohl: Ich arbeite sehr gut mit Allgemeinmedizinern zusammen. Sie sind gut informiert über Mobbing und der große Vorteil ist, dass sie ihre Patienten meist lange kennen. Sie sehen, wie sich ein Mensch plötzlich verändert, und stellen diese Veränderung dann auch nicht in Frage. Kontaktierte dieser Patient zum Beispiel einen Psychiater zur Begutachtung, so würde bei ihm wahrscheinlich eine psychopathische Struktur beschrieben werden. Bei den Ärzten für Allgemeinmedizin erlebe ich meist einen sehr respektvollen Umgang mit den Patienten und den sich entwickelnden Störungen, natürlich gibt es auch hier Ausnahmen. Zum Beispiel ein Mensch, den man seit 25 Jahren kennt und der immer normal gearbeitet hat, verändert sich plötzlich – hier wird deutlich sichtbar, dass es sich nicht um einen ab origine persönlichkeitsgestörten Patienten handelt.

Was sollten für den Hausarzt Alarmsignale sein, um bei seinem Patienten an Mobbing zu denken?
Schmidl-Mohl: Häufige Krankenstände und deutliche Veränderung der Person, eine scheinbar reaktive Depression, die aber ein ungewöhnliches Muster zeigt. In der alten Nomenklatur als Mischzustand bezeichnet, finden sich „schnelle und langsame“ Symptome bei einem an sich depressiv wirkenden Menschen. Erhöhte Empfindlichkeit, schreckhaft, getrieben und gleichzeitig depressiv verstimmt. Kommt es im tiefergehenden Gespräch zum Auftreten von Flash backs – ein Indikator für eine schon länger bestehende Belastungssituation – ist eine rasche Abklärung dringend erforderlich und eine entlastende Akutmedikation sinnvoll. Ich erkläre den Betroffenen, dass die Medikamente nicht sehr lange genommen werden müssen, es jedoch sinnvoll ist, Schlaflosigkeit oder Gedankenkreisen zu unterbrechen. Wichtig ist es auch, profunde Information über Beratungsstellen wie etwa Gewerkschaft, Arbeiterkammer oder auch auf Mobbing spezialisierte Rechtsanwälte bieten zu können. In Österreich laufen derzeit die ersten Schmerzensgeldprozesse. Die Arbeiterkammer Wien, um nur ein Beispiel zu nennen, bietet mit „Work & People“ eine kompetente Anlaufstelle.

Wie sieht es mit Prävention aus?
Schmidl-Mohl: Für das von Karazman gegründete „Institut für betriebliche Gesundheitsförderung“ wurde unter meiner Mitarbeit ein Mobbingpräventionsprojekt geplant; Ähnliches gibt es im Sozialministerium. Seit etwa fünf Jahren gibt es in den öffentlichen Betrieben in München eine Betriebsvereinbarung gegen Mobbing, in Anlehnung daran wollen wir in Österreich im öffentlichen Dienst Richtlinien erarbeiten. Verbindliche Regeln bezüglich des Vorgehens bei Verdacht auf Mobbing. Kontraproduktiv erwiesen sich Mediationsversuche. Mediation ist ein unverbindlicher Vermittlungsversuch, und ein neutraler Mediator bei einem Geschehen, wo es Täter und Opfer gibt, wird vom Täter für seine Zwecke instrumentalisiert.

Gibt es allgemeine Präventionsmaßnahmen?
Schmidl-Mohl: Diverse Führungskräfte, Schuldirektoren et cetera müssen im Umgang mit Mobbing ausgebildet werden.

Sie arbeiten im Verein UP STREAM vorwiegend mit Mobbingbetroffenen?
Schmidl-Mohl: Ja, ich biete Abklärung, Akutbehandlung, also auch medikamentöse Therapie und Case-Management an. Weiters gehört das Verfassen von Befundberichten, Mobbing- und Schmerzensgeldgutachten zu meiner Arbeit. Die ersten Stunden werden von der Gewerkschaft rückvergütet.

Verein UP STREAM
Alserstraße 25, 1080 Wien
Telefonische Terminvereinbarung unter
0664/16 32 024

  • Frau Lilith Lilith, 17.07.2013 um 15:34:

    „Mobbing auf dem Weg zum Rechtsbegriff – Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz- für Österreich
    Der Begriff Mobbing ist im Zusammenhang mit der Arbeitswelt seit den achtziger Jahren durch die Literatur von Herrn Dr. Leymann bekannt geworden. Mobbing beschreibt einen prozesshaften Verlauf in welcher Vorgesetzte oder/und Kollegen durch seelische Gewaltakte (zB. verbale und nonverbale subtile doppeldeutige Kommunikationsformen, entmündigende, kontrollierende Kommunikation und Handlungen etc.) Mitmenschen in ihrer Integrität destabilisieren, mit dem Ziel diese aus der Arbeitsgemeinschaft zu drängen.
    Der gemobbte Mensch trägt weitgehend die verheerenden Konsequenzen wie Langzeitkrankenstand, Armutsgefährdung, Arbeitslosigkeit, Berufsunfähigkeit, manchmal Suicid. Die Gesellschaft trägt einen großen Teil der Kosten. Für Österreich gibt es keine genauen Zahlen. In Vorarlberg wurden folgende Folgekostenabschätzung in Erwägung gezogen: pro Mobbingfall mindestens 175 000 – 200 000 €. Für Vorarlberg gesamt belaufen sich die Kosten mindestens 616 -680 Millionen (1). Die Mobber haben kaum Konsequenzen zu erwarten und können weiter mobben. In den meisten Fällen scheidet der gemobbte Mensch durch Krankheit, Kündigung etc. aus.
    Um den persönlich erlittenen Schaden und um den ungeheuren wirtschaftlichen Verlust zu sanktionieren bedarf es eines neuen spezifischen Tatbestandes mit Schadensersatzsprüchen Mobbing-Tatbestandes in Form eines Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetzes.
    Derzeit ist die rechtliche Beurteilung massiv erschwert, da bei ein und demselben Mobbinggeschehen zivil-, arbeits- und strafrechtliche Tatbestände rechtsübergreifend geprüft werden müssen. Dazu kommt noch, daß das österreichische Rechtssystem nur einzelne Vorfälle, nicht jedoch einen längerdauernden Verlauf im Rahmen eines einschüchternden, feindseligen oder demütigenden Arbeitsumwelt von den täglichen kleinen Gemeinheiten bis zum Rechtsbrüche durch Über- und Fehlgriffe der Entscheidungsträger sprich Vorgesetzten. Die Berufung auf viel zitierte Fürsorgepflicht wird von mobbinginvolvierten Fachkundigen eher belächelt und achselzuckend zur Kenntnis genommen.
    2006 (2), 2007 (3) wurden parlamentarische Anfragen zum Thema Mobbing eingereicht und abgelehnt mit dem Hinweis die gegenwärtige Rechtslage sei ausreichend.
    2008 (4) BM Hundstorfer hält seit 2008 eine „Verankerung von Mobbing im Strafgesetzbuch für notwendig“
    2009 (5) wurde von Herrn Walter Plutsch der Antrag seiner Bürgerinitiative zur Erreichung eines "Anti-Mobbing-Gesetzes“ eingereicht und ebenfalls abgelehnt.
    Zwischenzeitlich wurde 2009 (6) eine Dienstrechts-Novelle mit einem Mobbing-Verbot im öffentlichen Dienst und 2011 (7) wurden Schutzmaßnahmen für "Whistleblower" im Beamtendienstrecht verankert.
    2011 (8) AK Salzburg Dr. Gabriele Wonnebauer fordert ein Anti-Mobbing-Gesetz, die AK Salzburg fordert seit ca. 10 Jahren ein Anti-Mobbing-Gesetz
    2011 (9) AK Steiermark und ÖGB fordern ein Anti-Mobbing-Gesetz
    2011 (10) AK Kärnten Herr Goach „Anti-Mobbing-Gesetz längst überfällig“
    2013 (11) erfolgte ein neuerlicher Anlauf in Form einer Petition „Österreich braucht ein Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz“ eingebracht. Befürworter eines Anti-(Cyber)Mobbing-Gesetz für Österreich können dieser Petition online zustimmen:
    http://www.parlament.gv.at/PAKT/BB/index.shtml?jsMode=&xdocumentUri=&NRBR=NR&BBET=PET&ZUSTIMM=ZU&SUCH=&listeId=104&LISTE=Anzeigen&FBEZ=FP_004

    (1) http://www.pakte.at/attach/Mobbing-Bericht_Vbg_nov03.pdf
    (2) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXII/J/J_04323/index.shtml
    (3) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIII/J/J_01915/index.shtml
    (4) http://www.oe24.at/oesterrei... eit/257519
    (5) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/BI/BI_00009/index.shtml
    (6) http://www.parlament.gv.at/PAKT/PR/JAHR_2009/PK1070/index.shtml
    (7) http://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXIV/I/I_01610/index.shtml
    (8) http://www.diesalzburgerin.at/bilder/pd... 5_2010.pdf, http://wirtschaftsblatt.at/archiv/1207167/index
    (9) http://steiermark.orf.at/news/stories/2508267/
    (10) http://www.mein-klagenfurt.at/aktuelle-pressemeldungen/pressemeldungen-dezember-2011/goach-anti-mobbing-gesetz-ueberfaellig/
    (11) http://www.parlament.gv.at/PAKT/BB/index.shtml?jsMode=&xdocumentUri=&NRBR=NR&BBET=PET&ZUSTIMM=ZU&SUCH=&listeId=104&LISTE=Anzeigen&FBEZ=FP_004“

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