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Stigma bei Versorgung von Menschen mit psychischen Problemen

Das Stigma "psychisch krank" trifft offensichtlich nicht nur den direkt Betroffenen. "In den letzten Jahrzehnten war es immer so: Psychiatrische Abteilungen wurden im hintersten und dunkelsten Winkel von Spitälern gebaut, hatten die geringsten Ressourcen", bedauert Prim. Dr. Werner Schöny, Obmann von pro mente Oberösterreich und Leiter der Landesnervenklinik Wagner-Jauregg in Linz. Auch bei laufenden Dezentralisierungen würden psychiatrische Abteilungen teils in unattraktiven Bereichen angesiedelt, auch wenn es hier manche positive Ausnahmen gebe.

"Im extramuralen Bereich sind die Psychiatrie oder sozialpsychiatrische Einrichtungen aber oft ein Stiefkind", sagte Schöny bei einem Journalistenseminar zur Anti-Stigma-Kampagne in Linz. Laut Dr. Egon M. Haberfellner, niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und Fachgruppenobmann, gibt es "gerade in Oberösterreich eine eklatant schlechte Versorgung mit Fachärzten für Psychiatrie: 600 Patienten kommen auf einen Arzt, damit bleiben in drei Monaten für jeden nur 25 Minuten Zeit. In Deutschland kommen etwa 100 bis 125 Patienten auf jeden Psychiater." Ebenso negativ zu bewerten sei der nach wie vor schwierige Zugang zu Psychotherapeuten.

In allen erwähnten Bereichen sind jedenfalls wochenlange Wartezeiten auf Termine keine Seltenheit. Akute Phasen einer psychischen Erkrankung fallen daher besonders "aus dem Rahmen", was in zu vielen Fällen nicht am fehlenden Behandlungswillen der Betroffenen liege. "Viele von diesen erhalten aus eben diesen Gründen keine rechtzeitige oder angemessene Unterstützung und Behandlung", kritisiert Schöny.

Falschen Vorstellungen der Umwelt

Menschen mit psychischen Krankheiten, besonders jene mit schizophrenen Störungen, sind häufig mit völlig falschen Vorstellungen ihrer Umwelt über die Erkrankung konfrontiert. Zu den häufigen Vorurteilen und Mythen zählt, dass diese nicht nur unzuverlässig, sondern auch unberechenbar und ständig gefährlich seien. Noch dazu seien sie unheilbar, außerdem würden selbst Psychiater ständig am Rande des "Wahnsinns" spazieren gehen. Auch andere Personen, die Menschen mit psychischen Erkrankungen begleiten oder betreuen oder darüber berichten, werden oft so stigmatisiert.

Ein zweiteiliger Sessel namens "Schizo"

"In vielen Medien wird sehr unbedacht mit Worten wie ’Irrer’ oder ’schizophren’ umgegangen", kritisierte Schöny anhand zweier Beispiele: ein zweiteiliger Sessel namens "Schizo" und ein Duschvorhang "Psycho" mit dem Motiv des "verrückten" Mörders aus dem bekannten Film. Stephanus Binder vom "netzwerk spinnen", einem Verein für Menschen mit Psychiatrieerfahrung, brachte beim Journalistenseminar seine Erfahrungen als "Betroffener" ein: "Wird in einer Zeitung einmal mehr über einen angeblich verrückten Verbrecher berichtet, dann hat das spürbare Auswirkungen, das Stigma wird noch verstärkt." Er wünscht sich mehr Informationen über seine Krankheit - die Schizophrenie - für die Öffentlichkeit und fordert ebenfalls eine objektive Berichterstattung ein.

Anti-Stigma- Kampagne geht weiter

Das Journalistenseminar der pro mente ist nur ein Teil der Anti-Stigma-Kampagne der Weltorganisation für Psychiatrie (WPA), die in Österreich in die erste Halbzeit geht. Starke Resonanz hatten bisher die Folder, Flyer und Flugblätter, häufig angerufen wurde die eigens errichtete Telefon-Hotline zum Thema Schizophrenie. In den kommenden Monaten sind wieder Schulaktionen - in Oberösterreich gemeinsam mit dem "netzwerk spinnen" - geplant. Die Anti-Stigma Kampagne läuft inzwischen in zahlreichen Ländern weltweit.

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