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Wunden heilen bedeutet Vertrauen herstellen

Häufig wird das Internet genutzt, um an kinderpornografische Darstellungen zu gelangen. Nur ein kleiner Teil der Pädophilen aber gibt sich auf Dauer mit Bildmaterial zufrieden. Die Mehrzahl der Täter ist im Familienkontext zu finden. Betroffene Kinder und Jugendliche werden, sobald sie es zulassen, in eine Therapie eingebunden. Ziel der Intervention sollte die Bewältigung des Traumas sein.

„Noch viel schwieriger als bei körperlicher Misshandlung ist die Symptomatik bei sexuellen Vergehen an Kindern zu beurteilen“, sagt Dr. Othmar Fohlinger, Oberarzt an der Abteilung für Kinder- und Jugendheilkunde der KA Rudolfsstiftung Wien. Häufig findet sich sexualisiertes Verhalten, etwa im Spiel mit Puppen, in altersunan gemessenem sexuellem Wissen sowie posttraumatischen Belastungsstörungen wie Furcht, Albträumen, Rückzugsverhalten oder auch Enuresis. Verhaltensveränderungen sind jedoch fast immer ein Indiz, sie sollten auf jeden Fall beobachtet und hinterfragt werden. Stichhaltigere Hinweise können Infektionen im Urogenitaltrakt oder blutiger Stuhl sein. „Allerdings müssen gerade bei Infektionen, die sexuell übertragen werden können, auch alle anderen möglichen Infektionswege in Betracht gezogen werden“, erläutert Fohlinger. Ein weiteres Problem, das die Diagnose erschwert: Das Regenerationspotenzial des kindlichen Genitales ist so ausgeprägt, dass nach kurzer Zeit keine eindeutigen Verletzungszeichen mehr gefunden werden. Die Diagnosesicherung sollte auf jeden Fall multidisziplinär erfolgen. Dazu Fohlinger: „Eine Untersuchung der Genitalien muss nicht zwangsläufig erneut traumatisierend sein. Voraussetzung ist aber, sie verläuft qualifiziert und einfühlsam, weshalb wir als Pädiater immer mit der Jugendgynäkologie kooperieren.“ Allerdings: Ein negativer Untersuchungsbefund bedeute noch lange nicht, dass nichts passiert sei. Daher ergänzt das Gespräch mit dem Kind schwerpunktmäßig die Untersuchung.
In jedem Verdachtsfall auf sexuellen Missbrauch ist das Zuziehen eines erfahrenen Psychiaters oder die Kontaktaufnahme mit einer Kinderschutzeinrichtung unbedingt zu empfehlen. Sinnvoll ist auch eine exakte Dokumentation am besten durch Fotos und Videoaufnahmen. Seit der Novelle des Ärztegesetzes § 54 ist der Arzt zur sofortigen Anzeigeerstattung verpflichtet, sobald sich der Verdacht auf sexuellen Missbrauch erhärtet. Unter der Voraussetzung, dass die Sicherheit des Kindes gewährleistet ist, kann die Anzeige jedoch in Absprache mit dem Jugendamt aufgeschoben werden, wenn der Täter aus der Familie stammt.

Sich dem Schmerz stellen

„Eines der größten Probleme für das Kind ist der Loyalitätskonflikt zum Täter, der zumeist in einem Naheverhältnis steht“, weiß Prof. Dr. Max Friedrich, Leiter der Abteilung für Psychiatrie des Kindes- und Jugendalters im AKH Wien. Dazu komme der enorme Geheimhaltedruck. Das Tragische: Ist der Missbraucher der Vater oder Stiefvater, stellt sich leider auch oft noch die eigene Mutter gegen das Kind. „Es gibt praktisch keine Frau, die ihrem Mann zutraut, dass er seine Tochter sexuell missbraucht“, so die Erfahrung des Experten. Sich immer wieder diesem Schmerz zu stellen, ist ein essentieller Bestandteil der Therapie, die – so Friedrich – durch alle wichtigen Entwicklungsphasen hindurch ein ganzes Leben dauern kann. Nach seiner Erfahrung können missbrauchte Kinder zwar mit der Zeit über die seelische Verwundung hinwegkommen, völlig verarbeiten können sie ihre Erlebnisse jedoch nie. Dieses oftmalige Wiedererleben der Ereignisse ist schwer zu ertragen, doch ohne die Konfrontation würde der Schmerz lediglich verdrängt.

Präventivmaßnahmen

Um den Missbrauch von Kindern zu verhindern, gibt es mehrere Ansätze. Neben einer vernünftigen Sexualerziehung und Stärkung des Selbstvertrauens müssen Kinder möglichst früh lernen, „Nein“ sagen zu können. „Schon Dreijährige haben ein untrügliches Gespür dafür, was in Ordnung ist und was nicht“, betont der Fachmann. Und dass Täter kein Schild um den Hals tragen, ist hinlänglich bekannt.

Sigrun Rux, Ärzte Woche 35/2004

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