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Angst vor dem schwarzen Mann

Im Kindes- und Jugendalter kommen behandlungsbedürftige Angststörungen mit fünf Prozent relativ häufig vor. Eine Verhaltenstherapie ist indiziert, wenn hoher Leidensdruck besteht.

Bestimmte Ängste sind in verschiedenen Altersstufen physiologisch: Kinder im ersten Lebenshalbjahr erschrecken bei lauten Geräuschen, Kinder zwischen sechs und neun Monaten haben Angst vor fremden Personen. Typisch für Kinder zwischen neun und zwölf Monaten ist die Trennungsangst. Zweijährige fürchten sich vor imaginären Figuren oder Einbrechern. Angst vor dem Alleinsein oder der Dunkelheit entwickelt sich im Alter von drei bis vier Jahren. Nach dem sechsten Lebensjahr gewinnen soziale Ängste und Angst vor Verletzungen und Krankheiten an Bedeutung.

Wenn Angst einsam macht

Pathologisch ist Angst dann, wenn sie der Situation nicht angemessen ist, die Angst machende Situation überdauert, der Betroffene die Reaktion nicht kontrollieren kann, wenn der Angstinhalt nicht der Entwicklungsstufe des Kindes entspricht und wenn die Lebensqualität oder soziale Funktionen durch die Angst beeinträchtigt werden. Wenn Angst verhindert, dass ein Kind an einem Schulausflug teilnimmt, ist dies ganz eindeutig pathologisch. Generalisierte Angststörungen sowie Trennungsängste treten mit einer Prävalenz von etwa drei Prozent am häufigsten auf. Die Prävalenz spezifischer Phobien liegt bei etwa zwei Komma fünf, die sozialer Phobien bei nur einem Prozent. Phobische Störungen und soziale Ängstlichkeit kommen im Vor- und Grundschulalter häufig, emotionale Störungen mit Trennungsangst bevorzugt zwischen sechs und elf Jahren vor. Spezifische Phobien, soziale Phobien, Panikstörungen und generalisierte Angst treten nahezu ausschließlich im Jugendalter auf. Viele entwickeln zusätzlich eine Depression
Häufig finden sich bei Angststörungen weitere Komorbiditäten: Etwa ein Drittel der jungen Patienten leidet zusätzlich an einer weiteren Angststörung, ebenso viele zeigen ein gestörtes Sozialverhalten und bis zu ein Viertel weist ein hyperkinetisches Syndrom auf. Am schwersten wiegt nicht nur in der Häufigkeit, sondern auch in der Bedrohlichkeit die Komorbidität von Angst und Depression. Zwischen 30 und 70 Prozent der Angstpatienten, vor allem Jugendliche, leiden gleichzeitig an einer Depression. Ist dies der Fall, besteht eine starke Chronifizierungstendenz sowie ein hohes Suizidrisiko.

„Angstkinder” sind besonders angepasst

In zwei Drittel der Fälle geht die Angststörung der Depression voraus und überdauert diese auch. Kinder mit Trennungsangst entwickeln im Erwachsenenalter häufiger Panikstörungen oder Agoraphobien, Kinder mit sozialer Phobie weisen ein erhöhtes Risiko für Substanzmissbrauch im Erwachsenenalter auf. Angststörungen des Kindesalters im Allgemeinen sind auch häufig Vorläufer von depressiven Störungen im Erwachsenenalter. Bei pathologischen Ängsten ist es sinnvoll, möglichst frühzeitig mit einer strukturierten Verhaltenstherapie zu beginnen. Bei Trennungsangst, Agoraphobie und sozialer Phobie besteht größter Behandlungsbedarf, da diese Zustände häufig chronisch werden und die soziale Entwicklung besonders stark beeinträchtigen. Zu beachten ist in der Therapie, dass ängstliche Kinder zu sozial erwünschtem angepassten Verhalten neigen, besonders perfekt erscheinen möchten und deshalb sehr ungern über ihre Probleme sprechen. In der Therapie sollte deshalb nicht so sehr auf die Störung, sondern auf positive Aspekte, vorhandene Stärken und Kompetenzerwerb fokussiert werden. Verhaltenstherapie gegen Vermeidungsstrategie Es wird empfohlen, früh mit einem strukturierten Programm zu beginnen. Das Vermeidungsverhalten, das viele Kinder entwickeln, sollte abzubauen versucht werden, denn es kann zwar kurzfristig die Angst lindern, führt aber in weiterer Folge sehr leicht zur Chronifizierung. Je mehr ängstliche Modelle in der Familie zu finden sind und je überprotektiver der Erziehungsstil der Eltern ist, desto wichtiger ist es, die Familie in die Therapie miteinzubeziehen und systemische Änderungen herbeizuführen. Pharmaka kommen nur im Ausnahmefall zum Einsatz, dann nämlich, wenn eine Angststörung auf Psychotherapie nicht anspricht.

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