zur Navigation zum Inhalt
© Robert Kneschke / fotolia.com
Je gläubiger man ist, umso dicker ist der Kortex.
 

Kann Religion vor Depression schützen?

Studie ermittelte Assoziation zwischen Kortexdicke und Einstellung zu Glaube und Spiritualität.

Wem Religion und Spiritualität besonders viel bedeuten, bei dem spiegelt sich das offenbar auch in der Dicke des Kortex wider. Zumindest konnten US-Psychiater bei Probanden unabhängig vom Risiko für eine Depression einen dickeren Kortex nachweisen, wenn diese besonders gläubig waren.

Bereits 2012 hatten die Wissenschaftler um Dr. Lisa Miller von der Columbia-Universität in New York in einer prospektiven Studie über zehn Jahre festgestellt, dass familiär belastete Probanden, für die Religion besonders wichtig ist, ein um 90 Prozent geringeres Risiko für eine Major-Depression haben als Menschen ohne den Hang zu Religion und Spiritualität. Diesen Zusammenhang konnten sie jedoch nicht bei Probanden sehen, die eher „nur“ Wert auf Religionszugehörigkeit und Liturgie legten.

Drei Jahre zuvor hatten Miller und ihre Kollegen entdeckt, dass Probanden der Hochrisikogruppe in ganz bestimmten Hirnregionen dünnere Kortizes hatten als Gesunde. Beide Befunde brachten die Wissenschaftler auf die Idee, sich genau diese Hirnareale bei jenen genauer anzuschauen, für die Religion und Spiritualität einen großen Stellenwert in ihrem Leben haben. Dabei geht es unter anderem um das laterale Areal der rechten sowie um den präfrontalen Kortex der linken Hemisphäre.

Fast jeder zweite Proband war Katholik

Mehr als 100 Erwachsene im Alter zwischen 18 und 54 Jahren haben an der Studie teilgenommen, die bereits seit mehr als 30 Jahren läuft. 67 Teilnehmer zählten zur Gruppe mit hohem Risiko für Major-Depression, 36 Teilnehmer zur Gruppe mit niedrigem Risiko. Mit knapp 49 Prozent waren die meisten Katholiken, 8,7 Prozent waren Protestanten und 5,8 Prozent Juden. Insgesamt 23,3 Prozent der Teilnehmer gaben an, zwar gläubig zu sein, sich aber keiner der bekannten Religionsgemeinschaften zugehörig zu fühlen. Eine Magnetresonanztomografie (MRT)-Aufnahme des Gehirns wurde 25 Jahre nach Studienbeginn gemacht.

Drei Fragen zum Glauben

Zu diesem Zeitpunkt wurde die Assoziation zwischen Kortexdicke und Einstellung zu Glaube und Spiritualität ermittelt. Diese Einstellung war auch zuvor bereits zwei, zehn und 20 Jahre nach Studienbeginn dokumentiert worden, und zwar mithilfe der drei Fragen „Wie wichtig ist Ihnen Religion und Spiritualität?“, „Wie oft nehmen Sie an liturgischen oder ähnlichen Feiern nicht christlichen Ursprungs teil?“ und „Wie würden Sie Ihre derzeitige Glaubenshaltung beschreiben?“

Die Teilnehmer, für die Glaube einen hohen Stellenwert hat, hatten einen dickeren Kortex als Teilnehmer, denen das nicht so wichtig war, und zwar in Bereichen des Okzipital- und des oberen Parietallappens sowie auf der medialen Seite der rechten Hemisphäre und im Bereich des Precuneus und des Cuneus. Das war unabhängig vom familiären Risiko für Depressionen auch bei jenen der Fall, bei denen diese Lebenshaltung über einen Zeitraum von wenigstens fünf Jahren konstant geblieben war. Einen entsprechenden Zusammenhang gab es dagegen nicht bei Teilnehmern, die „nur“ regelmäßige Kirchgänger waren.

Wirkt Zuwachs an Hirnmasse möglicherweise protektiv?

Dabei war die Tatsache, dass Religion und Spiritualität einen hohen Stellenwert haben, bei Hochrisikopatienten mit einem dickeren Kortex assoziiert als bei Patienten mit niedrigem Depressionsrisiko.

Auffallend ist, dass dies vor allem für mediale Areale der linken Hemisphäre zutraf, also jene Regionen, die in früheren Studien bei Teilnehmern mit einem erhöhten Risiko für Major-Depression dünner als bei Gesunden waren.

Weil zudem die Symptome einer Depression bei jenen schwächer waren, die einen dickeren Kortex hatten, spekulieren Miller und ihre Kollegen, dass der Zuwachs an Hirnmasse in den entsprechenden Regionen eine gewisse Schutzfunktion hat.

Da bei jedem Studienteilnehmer jeweils nur eine MRT-Aufnahme im Verlauf der Studie gemacht worden ist, können die Wissenschaftler nicht sagen, was Henne und was Ei ist: Führt die Tatsache, dass Religiosität eine große Bedeutung im Leben eines Menschen hat, an manchen Stellen zu einer Verdickung des Kortex oder trägt ein verdickter Kortex dazu bei, dass sich Menschen besonders für Religion und Spiritualität interessieren. Unklar bleibt, ob sich das jemals herausfinden lässt.

Originalpublikation: Miller L et al. Neuroanatomical Correlates of Religiosity and Spirituality. A Study in Adults at High and Low Familial Risk for Depression. JAMA Psychiatry 2014; 71(2):128–135

springermedizin.de, Ärzte Woche 10/2014

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben