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Neue Wege in der Burnout-Therapie

Die Körperpsychotherapie ist ein innovativer und erfolgreicher Ansatz.

Zwischen 13 und 18 Prozent der Bevölkerung in westlichen Ländern gelten als Burnout-gefährdet. Burnout ist ein andauernder Zustand körperlicher und emotionaler Erschöpfung, der bei Betroffenen zur verminderten Leistungsfähigkeit in allen Lebensbereichen führt. In der Klinik Pirawarth werden im Rahmen eines Modellprojektes Menschen mit stressassoziierten Krankheitssymptomen behandelt.

Die Auswirkungen von psychosozialen Risiken am Arbeitsplatz und im Privatleben sind durch eine zunehmende Anzahl von Menschen, die sich „ausgebrannt“ fühlen, nicht zuletzt in Hinblick auf den volkswirtschaftlichen Schaden zu reflektieren. So belaufen sich die durch psychische Erkrankungen in Österreich verursachten Kosten auf immerhin sieben Milliarden Euro pro Jahr. EU-weit wird der Schaden sogar mit 117 Milliarden Euro beziffert.

„Burnout ist in einer Effizienz- und Leistungs-maximierten Welt zu einer gesellschaftlichen Diagnose geworden, woraus sich viele stressbezogene Probleme ergeben“, so Dr. Regina Hochmair, MSc, Leiterin der Abteilung für Psychosomatik der Klinik Pirawarth. Beim Burnout-Syndrom handelt es sich um keine Versicherungsdiagnose, es bietet laut Hochmair Ärzten und Therapeuten allerdings die Möglichkeit, sich diesem Problem auf körperlicher, emotionaler und geistiger Ebene zuzuwenden.

Das Burnout-Syndrom wird im ICD 10 bei den „Faktoren, die den Gesundheitszustand beeinflussen und zur Inanspruchnahme von Gesundheitsdienstleistungen führen“ unter „Probleme verbunden mit Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung“ (Z 73) zugeordnet und unter Z 73.0 Erschöpfungssyndrom (Burnout-Syndrom) angeführt. Wesentlich ist die subjektiv erlebte Arbeitsüberforderung, die zu Erschöpfung und verminderter Leistungsfähigkeit führt und vom Patienten in allen Bereichen des Lebens verspürt werden.

Komorbiditäten und Differenzialdiagnosen

Für die Entstehung eines Burnout-Syndroms können arbeitsplatzbezogene und individuelle Faktoren verantwortlich sein. So bilden einerseits Arbeitsflut und anhaltendes Stresserleben bei gleichzeitigem Verlust der Bewältigungsressourcen bei mangelnder Anerkennung durch Vorgesetzte und fehlender Abgrenzung zum Privatleben die Entwicklungsbedingung für Burnout. Biologische Risikokonstellationen spielen bei Burnout eine Rolle, indem sich die Belastbarkeit von Mensch zu Mensch stark unterscheidet. Der Zusammenbruch des Gemeinschaftsgefühls, mangelnde Fairness und Wertkonflikte aggravieren die Problematik. An individuellen Faktoren sind es stark überhöhter Leistungsanspruch im Hinblick auf Selbstverwirklichung, Selbstbestätigung, mangelnde Erholungsphasen, Perfektionismus oder mangelnde Qualifikation, die ins Burnout führen können.

Burnout ist mit einer Reihe von Komorbiditäten, wie Depressionen oder Suchterkrankungen assoziiert und kann das Risiko für spätere körperliche und/oder psychische Erkrankungen erhöhen. Darüber hinaus werden Korrelationen mit Herz-Kreislauf- und muskuloskelettalen Erkrankungen sowie mit Hyperlipidämie und Diabetes mellitus beschrieben.

Burnout-ähnliche Beschwerden sind von Eisenmangel, Schilddrüsenerkrankungen, Schlafstörungen, Infektionskrankheiten, chronischen Schmerzsyndromen, Tumorerkrankungen oder Multiple Sklerose differenzialdiagnostisch abzugrenzen. Eine erfolgreiche Therapie der Grunderkrankung wird in diesen Fällen in der Regel das sekundäre Burnout-Problem beheben.

Chance zur grundlegenden Reflexion

Das gängigste Instrument zur Diagnose eines Burnout-Syndroms ist der Maslach Burnout Inventory (MBI), welches von Maslach & Jackson entwickelt wurde. Andere Methoden sind die Herz-Ratenvariabilitätsmessung (HRV), der BOSS-Test sowie das Clinical Stress Assessment (CSA) als metabolisches Stress-Analyseverfahren.

Burnout als ein multifaktorielles Geschehen sollte durch ein multiprofessionelles Team mit dem Ziel behandelt werden, Bewältigungs-Strategien zu entwickeln, um mit belastenden Faktoren umzugehen. In fortgeschrittenen Stadien von Burnout kann eine pharmakologische Therapie von Schlafstörungen, depressiven Symptomen, Angstzuständen und kardiovegetativen Symptomen nötig sein. Dabei ist zu beachten, dass Burnout nicht nur als möglichst rasch zu beseitigende pathologische Störung zu betrachten ist, sondern viel mehr als Ausdruck einer Lebenskrise, die den Betroffenen vor die Notwendigkeit, aber auch die Chance zur grundlegenden Reflexion der eigenen Lebensgestaltung und -ziele stellt.

Das therapeutische Angebot an der Klinik Pirawarth besteht aus den Modulen psychosomatische Gesundheit, Bewegung, Ernährung, Kreativität und hydrophysikalische Therapie. Es erfolgt eine biopsychosoziale Diagnostik unter Berücksichtigung der somatischen, psychischen und sozialen Einflussfaktoren auf das Krankheitsgeschehen.

Das Angebot umfasst einerseits einwöchige Kurzzeitaufenthalte mit weiterführenden sogenannten Refresher-Kursen zur Burnout-Prävention und andererseits dreiwöchige stationäre Aufenthalte zur psychosomatischen Rehabilitation. „Im Sinne der Nachhaltigkeit und Kontrolle des Therapieerfolges hat sich die Weiterbetreuung der Patienten durch Arbeitsmediziner und gegebenenfalls ambulante Psychotherapie/Coaching sowie die Refresher-Kurse sehr gut bewährt“, berichtet Hochmair. Das niederschwellige Behandlungskonzept soll den Patienten, die aus Angst um den Arbeitsplatz längerfristige Rehabilitation nicht wahrnehmen, die Möglichkeit bieten, sich psychophysisch so weit zu konsolidieren, um längere Arbeitsunfähigkeitszeiten und zukünftig drohende Erwerbsunfähigkeit zu verhindern.

Körperpsychotherapie und Verhaltenstherapie

Eine der Säulen der Burnout-Behandlung in der Klinik Pirawarth ist die Körperpsychotherapie (KPT). „Dabei handelt es sich um eine Psychotherapie-Methode, welche die „Erinnerungen“, die im Körper verankert sind, die „Sprache des Körpers“ – den Ausdruck, den ein Mensch nur mittels Haltung und Bewegung vermittelt – in die Therapie mit einbezieht und explizit auch damit arbeitet“, erklärt Dr. Elfriede Kastenberger, Ärztin für Allgemeinmedizin und Psychotherapeutin in Wien sowie Vorsitzende der Austrian Association for Bodypsychotherapy (AABP). Emotionen, wie etwa Ärger, spielen sich nicht nur im Gehirn ab, sondern verändern auch die Spannung in bestimmten Muskeln, können zu Bewegungsimpulsen und zu Veränderungen im Vegetativum – wie etwa Blutdruckanstieg, Herzklopfen oder Druck im Hals – führen. „Abgeblockter“, verdrängter Ärger kann in all diesen Systemen erhalten bleiben und Symptome verursachen. „In der Körperpsychotherapie kann man dann auch mit diesen körperlichen Phänomenen konkret arbeiten und Zugang zu verdrängten Gefühlen bekommen. Das ist eine von vielen Möglichkeiten, in der Körperpsychotherapie zu arbeiten“, so Kastenberger.

Auch verhaltenstherapeutische Ansätze haben sich als effektiv in der Behandlung des Burnout-Syndroms erwiesen. Ruth Werdigier, Psychotherapeutin in Wien, erklärt die sogenannte Schematherapie: „Die Schematherapie ist eine Art „Missing Link“ zwischen Tiefenpsychologie und der Verhaltenstherapie, bei der es darum geht, bestimmte Muster im Körper und der Seele, sogenannte maladaptive Schemata, aufzulösen.“ Solche Schemata können der Drang zur Selbstaufopferung oder mangelndes Selbstwertgefühl sein. Bei jedem Patienten mit Burnout-Syndrom ist eine Analyse zu machen, auf welcher der vier Ebenen Verhalten, Gefühl, Kognition oder Vegetativum das Hauptproblem liegt, worauf individuelle Behandlungsziele festzulegen sind.

Mit diesen therapeutischen Ansätzen soll die, aufgrund der starken Außenorientierung der Patienten oft nicht wahrgenommene oder nicht wichtig gewonnen innere Wahrnehmung geschärft werden und zur Früherkennung von Stress-bedingten Erkrankungen und Burnout beitragen.

Quelle: „Neue Wege in der Burnout-Therapie“–- Körperpsychotherapie als integrativer Ansatz in der Burnout-Behandlung. Kamingespräch 19. Februar 2014, Wien

H. Leitner, Ärzte Woche 10/2014

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