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Bei Frauen, die ihren Bewegungsdrang mit übertriebenem Sport bekämpfen, sollte man genauer hinschauen.
 

Extrem dünn und sportsüchtig

Ärzte sollten besonders bei Sportlern auf Zeichen einer Anorexia nervosa achten.

Ein hoher Bewegungsdrang zusammen mit einem niedrigen Body Mass Index (BMI) — hier sollten die Alarmglocken klingeln. Denn wird eine Anorexia nervosa bei Sportlern nicht rechtzeitig erkannt, ist die Prognose sehr schlecht.

Das Tiermodell für Anorexia nervosa zeigt den Ernst der Lage unmissverständlich: Lässt man Ratten einige Zeit hungern, werden sie hyperaktiv. Dürfen sie dann ins Laufrad, rennen sie, bis sie tot umfallen. Ähnliche Mechanismen lassen sich auch bei Menschen beobachten: Hunger macht unruhig und umtriebig, intensiver Sport dämpft die Unruhe, verstärkt aber auch das Kaloriendefizit – ein Teufelskreis. Er endet erst, wenn die Patienten so mager und geschwächt sind, dass sie keinen Sport mehr treiben können.

Wird der Bewegungsdrang bei Anorexie mit Sport bekämpft, ist die Prognose entsprechend ungünstig, berichtete Prof. Dr. Beate Herpertz-Dahlmann von der Universitätsklinik Aachen. Solche Patienten haben in der Regel einen extrem niedrigen BMI, sind besonders unzufrieden mit ihrem Körper, neigen eher zu einem chronischen Verlauf und sprechen auf Therapien deutlich schlechter an als Anorexie-Patienten ohne Hyperaktivität. Die Kinder- und Jugendpsychiaterin verwies aber auch auf die Chancen, solche Anorexiepatienten noch rechtzeitig zu erkennen. So lohne es sich, bei magersüchtig erscheinenden Patienten gezielt nach einem gesteigerten Bewegungsdrang zu fragen. Viele Anorexiepatienten berichten über einen als fremdartig wahrgenommenen Impuls, sich zu bewegen. Diesen können sie kaum unterdrücken, jedoch empfinden die wenigsten ihren Bewegungsdrang als unangenehm oder gar Furcht einflößend, hat eine Befragung von knapp 40 Patienten ergeben.

Jede siebte Leistungssportlerin ist betroffen

Umgekehrt sollten Ärzte besonders auch bei Sportlern auf Zeichen einer Anorexie achten, so Herpertz-Dahlmann. Nach Daten einer norwegischen Studie lässt sich bei etwa sieben Prozent der männlichen Leistungssportler und rund 14 Prozent der Sportlerinnen eine Anorexie diagnostizieren – in der übrigen Bevölkerung liegt der Anteil lediglich bei 2–3 Prozent. Untersuchungen legen ein besonders hohes Risiko bei Sportlern nahe, die figurbetonte Sportarten wie Gymnastik, Tanzen oder Turnen betreiben. Aber auch bei Sportarten mit Gewichtskategorien wie Fliegen- oder Strohgewicht, die zum Teil bei einem Körpergewicht unterhalb von 50 Kilogramm beginnen, ist das Anorexierisiko hoch. Zu solchen Sportarten zählen etwa Boxen, Rudern, Gewichtheben, Karate und Judo.

Saisonale Sportarten gehen ebenfalls mit einem erhöhten Anorexierisiko einher: Hier versuchen die Sportler oft, vor dem Saisonbeginn ihr Gewicht herunterzuhungern. Starke Gewichtsschwankungen im Jahresverlauf sind dann nicht selten. Häufige Verletzungen, ein hoher psychischer Druck sowie ein Beginn des Trainings in einem besonders jungen Alter sind weitere Faktoren, die auf eine erhöhte Anorexiegefahr deuten, sagte Herpertz-Dahlmann.

Essstörung, Osteopenie und Menstruationsprobleme

Gerade bei Frauen mit Essstörungen komme es häufig zur sogenannten „Triade der Sport treibenden Frau“, berichtete die Psychiaterin. Eine chronisch insuffiziente Kalorienzufuhr tritt dann zusammen mit Menstruationsstörungen sowie einer Osteoporose oder Osteopenie auf. „Erkennt man eines dieser Symptome, findet man in der Regel auch die anderen“, so Herpertz-Dahlmann.

Lässt sich eine Anorexie klar nachweisen, müssen die Patienten aber nicht auf jeglichen Sport verzichten, vielmehr geht es darum, einen adäquaten Umgang mit sportlichen Aktivitäten zu erlernen. Dazu zählen eine höhere Kalorienzufuhr, ausreichend Ruhepausen nach dem Training sowie eine Reduktion der Wettkämpfe. Eine therapeutisch begleitete Psychoedukation könne auch darauf hinwirken, eine besser geeignete Sportart zu wählen, etwa einen Mannschaftssportart, bei der nicht allein die körperliche Leistung zählt.

Die Psychiaterin verwies auf ein Pilotprojekt in Freiburg zur ambulanten Sporttherapie für Frauen mit Essstörungen. Im Fokus stehen dabei der eigene Umgang mit Sport und Bewegung sowie Leistungsaspekte und die Sensibilisierung für die eigenen Grenzen. Die Teilnehmerinnen lernen dabei auch wieder, mehr die spielerischen Aspekte von Sport zu schätzen, etwa durch Tanzübungen und gemeinsames Badminton-, Volleyball- oder Handballspielen. Wenig hilfreich seien hingegen medikamentöse Therapien. Atypische Neuroleptika könnten zwar die Hyperaktivität etwas dämpfen, den Therapieerfolg aber nicht verbessern. Gegen den Knochenschwund sei mitunter eine transdermale Östrogentherapie vielversprechend. In Studien kam es damit zu einer signifikanten Zunahme der Knochendichte im Bereich der Wirbelsäule und des Hüftknochens, erläuterte Herpertz-Dahlmann.

 

basierend auf: Symposium „Sport und Bewegung zur Prävention und Therapie psychischer Erkrankungen“, DGPPN-Kongress 2013, Berlin, 28.11.2013

Originalpublikation: Der Neurologe & Psychiater 2014/1 © Urban & Vogel (2014) DOI: 10.1007/s15202-014-0004-x

springermedizin.de/KK, Ärzte Woche 7/2014

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