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v.l.n.r: Prim. Dr. Christa Radoš, Doz. Dr. Margot Schmitz, Dr. Georg Schönbeck, Prof. Dr. Michael Freissmuth.
 

Psychopharmaka – Fluch oder Segen?

Heimische Experten plädieren für eine Entstigmatisierung psychischer Erkrankungen und von Psychopharmaka.

Psychopharmaka sind bei vielen Menschen mit Vorurteilen behaftet: „Sie machen abhängig“, „Psychopharmaka verändern die Persönlichkeit“, „Ob sie überhaupt wirken, ist fraglich“, „Patienten werden nur ‚niedergespritzt‘, um ‚klein und ruhig‘ gehalten zu werden“. Im Rahmen des 3. Lundbeck Presseforums Psychiatrie setzten sich Experten mit diesen „Mythen“ auseinander und informierten und diskutierten über die Möglichkeiten und Grenzen der pharmakologischen Therapie bei psychischen Erkrankungen.

„Zahlreiche Wirkstoffe können psychische Funktionen beeinflussen, als Psychopharmaka werden aber nur Arzneistoffe bezeichnet, die Angstzustände, Störungen der Stimmung und Wahrnehmung sowie wahnhaftes Erleben und Denkstörungen beeinflussen“, so Prof. Dr. Michael Freissmuth, Leiter des Instituts für Pharmakologie der MedUni Wien.

Die heute verwendeten Psychopharmaka sind laut dem Pharmakologen das Ergebnis von mehr oder minder zufälligen Entdeckungen, die in den 1950er-Jahren gemacht wurden. So wurde bei der Suche nach Schlafmitteln mit der Benzodiazepin-Struktur ein bis dahin unbekanntes Ringsystem synthetisiert, das neuartige pharmakologische Eigenschaften hatte. Im Vordergrund stand nicht mehr die dämpfende, sedierende Wirkung, sondern der angstlösende Effekt.

Aus der Antihistaminika-Forschung gingen sowohl die trizyklischen Antidepressiva als auch die Neuroleptika, heute als Antipsychotika bekannt, hervor. „Diese drei Substanzklassen stellen die Vorläufer der meisten heute verwendeten Psychopharmaka dar“, so Freissmuth.

Psychopharmaka-Einnahme als Niederlage

Tatsache ist, so Dr. Christa Radoš, Primaria der Abteilung für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, LKH Villach, dass die nach wie vor verbreiteten Vorurteile und Vorbehalte gegenüber psychischen Erkrankungen häufig auch die Methoden zu deren Behandlung umfassen. „Während in anderen medizinischen Disziplinen die medikamentöse Therapie relativ hohe Akzeptanz findet und Innovationen überwiegend positiv wahrgenommen werden, ist die Haltung gegenüber Psychopharmaka deutlich kritischer“, umriss Radoš die Situation. Dies spiegle sich im allgemeinen Diskurs wider und Betroffene und Angehörige blieben davon naturgemäß nicht unberührt.

Dem stimmte auch Dr. Georg Schönbeck, niedergelassener Facharzt für Psychiatrie und Neurologie, zu. Er betonte die Wichtigkeit der Arzt-Patienten-Kommunikation gerade bei psychiatrischen Erkrankungen: „Nur so kann ein stabiles Arzt-Patient-Verhältnis aufgebaut werden. Und dieses ist aufgrund der Spezifika, mit welchen ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin bei der Verordnung von Psychopharmaka in der Praxis konfrontiert ist, außerordentlich wichtig.“ Zu diesen Spezifika gehört unter anderem, dass viele Menschen die Psychopharmaka-Einnahme als Niederlage erlebten. Weiters bestünde bei vielen Patienten bezüglich der Einnahme von Psychopharmaka ein Misstrauen, verursacht durch eine negative Presse, durch schlechte Vorerfahrungen bei sich selbst oder bei nahestehenden Personen. Schönbeck: „Es ist also wichtig, sich als Arzt die Zeit zu nehmen, den Patienten zu zuhören, ihre Ängste ernst zu nehmen und sie ausreichend aufzuklären. Es bedarf hier des Wissens und der Erfahrung, aber auch des nötigen Einfühlungsvermögens des behandelnden Facharztes. Nur so können die Ängste, Vorurteile und andere „Hürden“ bei der Therapie psychiatrischer Erkrankung gemeistert werden.“

Ein weiterer Punkt für den „schlechten Ruf von Psychopharmaka“ sei, so Radoš, dass sie oft pauschal beurteilt werden. Dabei stellten diese keineswegs eine homogene Gruppe dar. Vielmehr handle es sich um ein sehr breites Spektrum unterschiedlicher Wirkstoffe, deren Indikationen, Wirkungsweisen und Nutzen/Risiko-Profile so vielfältig sind, wie das Einsatzgebiet im Rahmen der unterschiedlichen psychischen Störungen.

Verzögerte Wirkung

Freissmuth sprach darüber hinaus das Problem des verzögerten Wirkeintritts an: „Das Gehirn ist ein plastisches Organ, in dem synaptische Kontakte ständig neu organisiert werden. Die Nervenzellen lernen mit dem neuen Input fertig zu werden, sie werden reprogrammiert, weil sich ihre Genexpression ändert. Und das dauert.“ Dazu kommt, dass es beispielsweise bei Antidepressiva nicht nur einer gewissen Zeit bedarf, bis sie wirken, auch die Nebenwirkungen sind in den ersten Tagen am stärksten, verschwinden aber im Lauf der Zeit zumeist nahezu vollständig. Darüber müssen die Patienten ausreichend informiert werden.

Radoš: „Behandlungen psychischer Erkrankungen erfordern meist einen mehrmonatigen Behandlungszeitraum. Auch Dauertherapien zur Rückfallverhütung können bei schweren Erkrankungen indiziert sein. In der somatischen Medizin ist eine langfristige Therapie bzw. Dauermedikation beispielsweise bei Bluthochdruck oder Diabetes mellitus eine selbstverständliche Praxis. Diese sollte daher auch bei vergleichbarer Chronizität psychiatrischer Diagnosen anerkannt werden.“

Doz. Dr. Margot Schmitz, Institut für Psychosomatik, wies in ihren Ausführungen auf einen weiteren Aspekt des „Faktors Zeit“ bei der Behandlung psychiatrischer Erkrankungen hin und betonte nochmals die Wichtigkeit der Therapietreue. Denn die Erfahrung zeige, dass jede Therapie, für die mindestens ein halbes Jahr in Anspruch genommen wird, eine Verbesserung der Ausgangssituation bewirkt, unabhängig davon, ob es sich um eine pharmakologische oder psychotherapeutische Therapie handle.

Daran sind aber einige Fragen geknüpft: „Wir kann man Menschen motivieren, Zeit in ihre psychische Gesundheit zu investieren? Und: Sind die Vertreter der Psychiatrie in der Lage, ihre Patienten langfristig zu betreuen? Zusätzlich stellt sich auch die Frage der Finanzierung: Wer übernimmt die Kosten für Therapien, die ein halbes Jahr dauern? Schmitz: „Diese Zeit ist aber eben unbedingt erforderlich, damit Therapeuten gemeinsam mit den Patienten auch tatsächlich Schritte setzen können, die die Lebenssituation der Patienten nachhaltig verbessern. Rasche Erfolge sind auch unter noch so großem Druck mit Sicherheit nicht zu erzielen.“

Um Vertrauen in eine Therapie zu entwickeln, bedürfe es auch eines stabilen Gefühlshaushalts, der Orientierung gibt, so Schmitz. Bei psychischen Erkrankungen gerate jedoch gerade der Gefühlshaushalt völlig aus den Fugen. Beispielsweise der „Totalausfall“ von Gefühlen bei einer Depression, in Paniksituationen oder beim „Ultra-Gau“ der Gefühlsüberflutung in der Schizophrenie. Schmitz: „In solchen Fällen ist der Einsatz von Psychopharmaka unabdingbar. Die Frage, ob man Psychopharmaka ablehnt, stellt sich dann ganz einfach nicht. Nur mithilfe einer entsprechenden Medikation kann der ‚Gefühlsstrom‘ wieder ins Gleichgewicht gebracht werden. Ohne diese ‚Basisversorgung‘ der inneren Gefühlswelt gibt es keine Freiheit und keine Therapiefähigkeit durch die unterschiedlichen Angebote der Psychotherapie und Psychiatrie.“

 

Quelle: Lundbeck Presseforum Psychiatrie, 11. 11. 2013, Wien

Von H. Leitner, Ärzte Woche 4/2014

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