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Psychiatrie und Psychotherapie 20. Dezember 2013

Cyber-Sex-Sucht

Die neue Dimension der Sexsucht.

Die Sexsucht ist ein in der Medizin seit langem bekanntes Phänomen und in den ICD-Klassifikationskriterien unter Punkt F52 („Sexuelle Funktionsstörungen, nicht verursacht durch eine organische Störung oder Krankheit") als „gesteigertes sexuelles Verlangen" gelistet.

Briken et al. (2007) liefern als diagnostische Kriterien für sexuelle Sucht:

- Über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten wiederkehrende Schwierigkeiten, sexuelle Phantasien oder Verhaltensweisen zu kontrollieren.

- Die sexuellen Phantasien und Verhaltensweisen beinhalten nicht-paraphile Symptome wie exzessive Masturbation, Pornografie, Telefon-, Cybersex oder protrahierte Promiskuität.

- Die sexuellen Phantasien und Verhaltensweisen verursachen klinisch relevante Schwierigkeiten oder Einschränkungen in sozialen, beruflichen oder anderen funktionell wichtigen Bereichen.

- Die Störung wird nicht durch eine andere psychische Störung besser erklärt und ist nicht Folge einer körperlichen Erkrankung.

Die Internetsucht ist dagegen ein relativ neues Gebiet. Betroffene können sich auf verschiedenen Ebenen im Internet „verlieren": in sozialen Netzwerken, in Spielen oder eben auf Pornografie-Seiten.

Kriterien für die Internetsucht liefert Jerald J. Block (Am J Psych 2008):

exzessiver Gebrauch des Internets, verbunden mit Verlust an Zeitgefühl oder Vernachlässigen basaler Bedürfnisse (z. B. essen, trinken)

Entzugssymptome wie Ärger, Spannung und/oder Depressionsgefühle, wenn der Computer nicht erreichbar ist

Dosissteigerung: immer bessere Rechner, mehr Software, mehr Stunden vor dem Bildschirm

negative soziale Interaktionen inklusive Streit, Lügen, Leistungsabfall, soziale Isolation und konsekutiven Erschöpfungsgefühlen

Kein Vergnügen

Für die Cybersexsucht gibt es noch keine Definition, als Kombination aus Sex- und Internetsucht ergibt sich jedoch das Krankheitsbild: Betroffene verbringen mehrere Stunden pro Tag mit Internetpornografie, zeigen dabei selbstschädigendes Verhalten, vernachlässigen soziale Kontakte und– als besonders wichtiges Kriterium – sind unglücklich dabei. „Die Betroffenen stehen unter großem Leidensdruck", betont Bonelli. „Sie tun etwas, was sie nicht tun wollen." Manche haben durch die Sucht Freunde und Partner verloren, die Berufsausübung ist bedroht, die Lebensqualität ist massiv beeinträchtigt.

Negative Konsequenzen der Internetpornografie beobachten aber bereits Männer und Frauen an sich selbst, die noch nicht als süchtig einzustufen sind, z. B. nachlassendes Interesse an realen sexuellen Aktivitäten und Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und dem des Partners (Albright JM: J Sex Res 2008).

Neue Gefahren

„Die Möglichkeiten des Internet bringen die Sexsucht in eine neue Dimension", sagt Doz. Dr. Raphael Bonelli, Psychologe und Neurologe an der Sigmund Freud Privatuniversität Wien. „Cyberpornografie ist oft gewalttätiger als Print- oder Videopornografie, sie bietet mehr Freiräume für deviante Praktiken." Mit der Zeit tritt ein Gewöhnungseffekt ein: das Ungewöhnliche wird normal, das Normale erscheint langweilig. „Das Internet fördert die Late-onset-Entwicklung von fetischistischen Präferenzen und die Verbreitung von riskanten Sexualpraktiken wie Asphyxie."

Laut einer US-amerikanischen Studie (Albright JM: J Sex Res 2008) hatten 75 Prozent der befragten Männer und 41 Prozent der Frauen schon einmal willentlich Pornografie im Internet konsumiert oder heruntergeladen. Zwei Prozent davon erfüllten alle Kriterien der Sucht. „Auf Österreich umgelegt würde das bedeuten, dass wir etwa 80.000 Betroffene haben", rechnet Bonelli. Männer sind laut dieser Studie mehr gefährdet als Frauen, homosexuelle mehr als heterosexuelle. Zum gleichen Ergebnis kommt eine norwegische Studie (Traeen B: J Sex Res 2006).

Sabina C et al. (Cyberpsychol Behav 2008) analysierten das Internetpornografie-Verhalten von Kindern unter 18 Jahren und stellten fest, dass auch in dieser Altersgruppe das männliche Geschlecht deutlich häufiger Erfahrungen mit Cybersex hat (93% vs. 62%).

Beziehungsdimension stärken

Unter dem massiven Leidensdruck, den Cybersexsucht mit sich bringt, suchen etliche Betroffene Hilfe. Sie finden sie aber nicht immer, weil - so Bonelli - „viele Therapeuten vor der Behandlung zurückschrecken".  Er selbst setzt die Behandlung auf der Dimension der „Cooperativeness" nach Cloninger an: „In der Pornografie hat die kunstlose, kurzfristige, reflexartige Befriedigung Vorrang. In der Therapie wird versucht, den Beziehungscharakter der Sexualität wieder zu stärken."

Quelle: Vortrag im Rahmen des Kongresses „Menopause – Andropause – AntiAging", 5.- 7. Dezember 2013, Wien

C. Lindengrün, springermedizin.at

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