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Psychiatrie und Psychotherapie 13. November 2013

WPA 2013: Psychiatrie der Zukunft – Herausforderungen und Chancen

Welt-Psychiatriekongress in Wien: Das Programm spiegelt die Vielfalt der modernen Psychiatrie eindrucksvoll wider.

Die Zukunft der Psychiatrie stand im Mittelpunkt des Internationalen Kongresses der Welt-Psychiatriegesellschaft (WPA), der von 27. bis 30. Oktober in Wien stattfand. Die großen Herausforderungen in der psychiatrischen Versorgung der Zukunft betreffen laut Experten Kinder und Jugendliche, alte Menschen sowie Sucht- und Migrationspsychiatrie.

Weltweit leiden etwa 450 Millionen Menschen an psychischen Erkrankungen, allein in Europa sind es rund 165 Millionen. „Die Dimension psychischer Erkrankungen wird nach wie vor jedoch unterschätzt“, betonte Prof. Dr. Michael Musalek vom Anton Proksch Institut in Wien und Präsident des diesjährigen Internationalen Kongresses der WPA.

Laut der umfassenden „Global Burden of Disease Study machen psychische Erkrankungen weltweit 183,9 Millionen sogenannte DALYs (Disablity Adjusted Life Years: Zahl verlorener Lebensjahre durch vorzeitigen Tod kombiniert mit dem Verlust an Lebenszeit durch Behinderung) aus und damit 7,5 Prozent der gesamten weltweiten Krankheitslast. Bei den YLDs (Years Lived with Disability: Verlust an Lebenszeit durch krankheitsbedingte Behinderung) liegen psychische Erkrankungen mit 22,9 Prozent an der Spitze. Besonders häufig sind Depressionen (40,5% der psychischen DALYs), gefolgt von Angststörungen (14,6%), Abhängigkeit von illegalen Substanzen (10,9%), Alkoholmissbrauch und -abhängigkeit (9,6%), Schizophrenie (7,4%) und bipolaren Erkrankungen (7%). Prognostiziert werden massive Anstiege dieser Erkrankungen.

Das bedeutet auch eine erhebliche Belastung für Gesundheitssysteme und Volkswirtschaften: Neuropsychiatrische Erkrankungen insgesamt belasten, wie eine aktuelle Studie belegt, allein die Volkswirtschaften Europas mit jährlich 798 Milliarden, wobei nur 37 Prozent dieser Kosten auf direkte Behandlungskosten zurückzuführen sind. Der Rest sind direkte nicht-medizinische Kosten (23%) und indirekte Kosten (40%), die beispielsweise durch Krankenstände und Frühpensionierungen entstehen.

Mehr psychische Erkrankungen in der Wirtschaftskrise

„Dass die Wirtschaftskrise auch eine Krise der psychischen Gesundheit in Europa ist, unterstrich Dr. Georg Psota, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie (ÖGPP) und Leiter des Psychosozialen Dienstes, Wien. So tragen nicht nur typische Begleiterscheinungen von Rezession wie Arbeitslosigkeit zu einer Zunahme der Häufigkeit psychischer Erkrankungen bei, sondern auch Einsparungen bei Gesundheits- und Sozialausgaben. „Dabei brauchen gerade strauchelnde Volkswirtschaften Investitionen in die soziale Absicherung und die Vorbeugung und Behandlung psychischer Erkrankungen. Jeder hier eingesetzte Euro rechnet sich“, so Psota, da beispielsweise ein Anstieg der Arbeitslosenrate um ein Prozent mit einem Anstieg der Selbsttötungen um 0,79 Prozent einhergeht.

Investitionen rechnen sich

Psota präsentierte auch Beispiele dafür, wie Investitionen in soziale Absicherung und psychische Gesundheit statt Einsparungen nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht positive Effekte entwickeln könnten: „Für je 100 US-Dollar, die pro Person für aktive Arbeitsmarktprogramme ausgegeben werden, reduzierten sich die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit auf die Suizidrate um 0,38 Prozent.“ Aber auch direkte Investitionen in Prävention, Früherkennung und Behandlung von psychischen Erkrankungen rechnen sich, wie Untersuchungen zeigen. Für jeden Euro, der in Interventionen zur Verringerung von Depressionen am Arbeitsplatz gesteckt wird, gibt es je nach Studie einen Nettonutzen von 0,81 bis 13,62 Euro.

Wie und wohin sich die moderne Psychiatrie entwickelt

„Ein Trend ist, dass sich das Leiden der Menschen und der Ausdruck des Leidens verändert haben und damit auch die klinische Erscheinung des Leidens. Standen vor 50 Jahren eher Schizophrenie oder Psychosen im Vordergrund und die Psychiatriepatienten waren überwiegend männliche Erwachsene, sind wir heute wesentlich mehr mit Störungen bei Kindern und Jugendlichen konfrontiert, aber auch die Behandlung älterer Menschen hat sich komplett gewandelt, und Angststörungen, Depressionen und Persönlichkeitsstörungen haben stark zugenommen“, so Psota.

Besonderer Handlungsbedarf für die nahe Zukunft besteht demnach in den Bereichen Kinder- und Jugendpsychiatrie, Alterspsychiatrie sowie psychiatrisch-psychotherapeutische Versorgung mit entsprechend wirksamen und gesicherten Methoden. Zu diesen drei großen Herausforderungen kommen noch die Themenkreise Sucht- und Migrationspsychiatrie.

Erfordernisse einer human-basierte Psychiatrie

Der WPA-Kongress zeigte aber auch, dass die einzelnen Disziplinen wieder mehr zusammenrücken, konstatiert Musalek: „So spricht vieles für die Integration aller Wissensgebiete rund um psychiatrische Erkrankungen. Psychotherapie, Psychologie, Medikamentenforschung und Sozialpsychiatrie sollten sich unter dem Motto ‚mehr Personenkonzentriertheit‘ oder Human-Basierung einander annähern und auf die gesamte Person des Menschen konzentrieren.“

In einer zukunftsorientierten, integrativen, human-basierten Psychiatrie gehe es um Menschen mit psychischen Erkrankungen und all den damit verbundenen Möglichkeiten, betonte Musalek: „Es geht darum, Ressourcen und Lebensquellen freizulegen, die ihnen ein Optimum an gelebter Autonomie und Freude ermöglichen. Ein freudvolles Leben kann nicht verordnet werden, es kann aber mittels individuell ausgerichteter, Ressourcen-orientierter Therapieprogramme erleichtert werden.“

Neues Klassifikationssystem bei Abhängigkeitserkrankungen

7,4 Prozent der gesundheitlichen Störungen und vorzeitigen Todesfällen in Europa werden auf Alkohol zurückgeführt. Damit steht die Krankheit an dritter Stelle als Ursache für vorzeitiges Sterben nach Tabakkonsum und Bluthochdruck. In Österreich sind etwa 340.000 Personen Alkohol-krank, weitere 760.000 (elf Prozent der Erwachsenen) - konsumieren regelmäßig Alkoholmengen, die ein beträchtliches gesundheitliches Risiko darstellen.

Die neuen amerikanischen Diagnose-Kriterien DSM-5 revolutionieren nun die Diagnose und Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen. Eine Alkoholkrankheit kann jetzt nicht erst im Spätstadium diagnostiziert werden können, sondern bereits frühzeitig, wenn die Prognose noch viel besser ist. Was bisher als problematischer Konsum bezeichnet wurde, gilt jetzt als Frühstadium der Alkoholkrankheit.

Frühzeitige Diagnose ist von zentraler Bedeutung

„Die neuen Diagnosekriterien DSM-5 haben im Zusammenhang mit Alkoholabhängigkeit eine kaum zu überschätzende praktische Bedeutung“, so Musalek. „Der zentrale Faktor bei der Behandlung eines Alkoholproblems ist der Zeitpunkt der ersten Intervention. Eine frühzeitige Diagnose ermöglicht eine Einstellungsänderung bei den betroffenen Personen, ist die Voraussetzung für eine frühzeitige Therapie, und beugt Schädigungen in späteren Phasen der Abhängigkeit vor.“ Mit dem Fortschreiten der Abhängigkeitserkrankung nehmen vor allem „Komorbiditäten“ rapide zu. Angststörung, Alkohol und Depression verstärken zudem einander in einem Kreislauf, der durch das soziale Umfeld noch verschlechtert wird.

Psychiatrische Komorbiditäten finden sich aber nicht nur bei Substanzabhängigkeit, sondern auch bei Verhaltenssüchten, die im neuen Diagnosesystem stärker berücksichtigt werden. Zum Beispiel hat jeder 2. pathologische Spieler auch eine Stimmungsstörung („affektive Störung“). In der Literatur finden sich Angaben zu komorbiden Angststörungen von bis zu 69 Prozent.

Hartnäckige Vorurteile erfordern konsequente Aufklärungsarbeit

„Nach wie vor finden sich aber hartnäckige Vorurteile über psychisch Kranke, die vom Verstandes- und Vernunftverlust über das Selbstverschulden des Kranken bis hin zum Absprechen eines eigentlichen Kranksein reichen“, hob Musalek abschließend hervor. „Nie wurden psychische Erkrankungen in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung zum Beispiel chronischem Bluthochdruck oder Diabetes mellitus Typ II gleichgesetzt. Hier ist noch intensiver Aufklärungsarbeit nötig, zumal die von der Stigmatisierung Betroffenen einer besonderen Fürsorge und Obhut bedürfen“.

Quelle: Pressekonferenz: Internationaler Kongress der Welt-Psychiatriegesellschaft (WPA), 28. Oktober 2013, Wien

Elf Kriterien für die Substanzgebrauchsstörung

  • Wiederholter Konsum, der zu einem Versagen bei der Erfüllung wichtiger Verpflichtungen bei der Arbeit, in der Schule oder zu Hause führt;
  • Wiederholter Konsum in Situationen, in denen es aufgrund des Konsums zu einer körperlichen Gefährdung kommen kann;
  • Wiederholter Konsum trotz ständiger oder wiederholter sozialer oder zwischenmenschlicher Probleme;
  • Toleranzentwicklung gekennzeichnet durch Dosissteigerung oder verminderte Wirkung;
  • Entzugssymptome oder deren Vermeidung durch Substanzkonsum;
  • Konsum länger oder in größeren Mengen als geplant (Kontrollverlust);
  • Anhaltender Wunsch oder erfolglose Versuche der Kontrolle;
  • Hoher Zeitaufwand für Beschaffung und Konsum der Substanz sowie Erholen von der Wirkung;
  • Aufgabe oder Reduzierung von Aktivitäten zugunsten des Substanzkonsums;
  • Fortgesetzter Gebrauch trotz Kenntnis von körperlichen oder psychischen Problemen;
  • Craving: starkes Verlangen oder Drang die Substanz zu konsumieren.

Bei Auftreten von 2 Merkmalen innerhalb eines 12-Monats-Zeitraums gilt die Substanzgebrauchsstörung als gegeben. Die Schwere der Symptomatik wird weiter spezifiziert: Die Störung ist „leicht“, „moderat“ oder „schwer“, je nachdem ob 2 bis 3, 4 bis 5 oder mehr als 6 Kriterien erfüllt sind.

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