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© Stiftung Maria Ebene
v.l.n.r.: Dr. Herbert Mayrhofer, Substitutionsarzt der Suchtfachstelle der Caritas, Prof. Dr. Reinhard Haller, Chefarzt Stiftung Maria Ebene, und Dr. Roland Wölfle, Stellenleiter der Therapiestation Lukasfeld.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 2. September 2013

Sterben auf Rezept?

Gefahren einer unkritischen Verordnung von Substitutionsmitteln.

Die österreichische Substitutionstherapie steht auf dem Prüfstand. Die Hauptziele, die Reduktion des intravenösen Opiatkonsums sowie der Zahl der Drogentoten, werden klar verfehlt, so Vorarlbergs Suchtexperten bei einer Pressekonferenz am 21. August 2013 in Götzis. Ihre Forderung: die sicherere Reglementierung der retardierten Morphine für die Substitution in Österreich.

Zentrales Thema der Pressekonferenz, zu der Prof. Dr. Reinhard Haller, Chefarzt Stiftung Maria Ebene, Dr. Herbert Mayrhofer, Substitutionsarzt der Suchtfachstelle der Caritas und Dr. Roland Wölfle, Stellenleiter der Therapiestation Lukasfeld, einluden, war die unkritische Abgabe von Substitutionsmittel im Rahmen der Substitutionstherapie in Österreich.

Die Hauptziele der Substitutionstherapie, die Reduktion des intravenösen Drogenkonsums und der Zahl der Drogentoten, werden in Österreich laut den Experten klar verfehlt. Daher fordern sie die sicherere Reglementierung der retardierten Morphine für die Substitution in Österreich sowie die Einhaltung und Überprüfung der eigenen Richtlinien durch das Gesundheitsministerium. „Die Substitutionstherapie von Opiatabhängigen ist eine etablierte Behandlungsform, deren Nutzen eindeutig belegt ist – bezogen auf die weltweit verwendeten Ersatzmittel Methadon und Buprenorphin.

In Österreich wird die Substitutionstherapie allerdings in einer Form angewandt, die wesentlich mehr Schaden als Nutzen bringt. Als weltweit nahezu einzigem Land sind hier außerdem Morphine wie das Medikament Substitol als Ersatzmittel zugelassen“, erklärte Haller (Abbildung) und führt weiter an: „Österreich weist im Europavergleich die höchste Zahl von Opiatsüchtigen, falsch Substituierten und Drogentoten auf. Das lässt sich ganz klar auf die isolierte, unkritische und unkontrollierte Verschreibung von hochpotenten Ersatzmitteln zurückführen. Hier herrscht dringender Handlungsbedarf.“

Massives Missbrauchspotenzial und attraktive Ersatzdroge

Obwohl alle Substitutionsmittel auf den Schwarzmarkt gelangen, gibt es bei Ausmaß und Folge gravierende Unterschiede. „Methadon wird verflüssigt und mit Sirup vermischt abgegeben. Ein intravenöser Missbrauch wird dadurch erschwert und Methadon ist somit für den Schwarzmarkt nur bedingt attraktiv.

Das zweite international bewährte Ersatzmittel, Buprenorphin, gelangt ebenfalls auf den Schwarzmarkt und wird auch missbräuchlich intravenös verwendet, jedoch ist die Wahrscheinlichkeit von Todesfällen sehr gering. Die Nutzen-Schadens-Bilanz ist bei beiden Medikamenten positiv.

Bei den in Österreich stark verschriebenen retardierten Morphinen wie beispielsweise Substitol zeigt sich im Gegensatz jedoch nachweislich kein genereller Vorteil gegenüber den genannten Ersatzmitteln, das Missbrauchspotenzial ist hingegen massiv – Süchtige lösen die Medikamente auf und spritzen sie. Die Ersatzdroge führt aufgrund ihrer Attraktivität zudem zur Überflutung des Schwarzmarktes“, machte Mayrhofer deutlich. Dies bestätigt auch Wölfle: „Zwei Drittel der Betroffenen, die sich in Lukasfeld in Therapie begeben, haben Opiate konsumiert, sind mit der Szene vertraut, waren selbst substituiert und haben Freunde oder Bekannte durch Überdosen verloren. Dealen mit Substitol ist ein lukratives Geschäft, zumal die Wirkung von vielen als attraktiver eingeschätzt wird als die von Heroin. Bekommt man in Wien eine Tablette um 10 Euro, kostet sie in Linz schon 20 Euro, in Vorarlberg gar 40 Euro.“

Zahlen zeigen deutliches Bild

Die Zahl der problematischen Drogenkonsumenten stieg in Österreich im Zeitraum von 2001 bis 2006 um 45 Prozent auf 32.000. Der Schätzwert hat sich seitdem nicht verändert. Zwischen 1999 und 2001 beklagte Österreich etwa 140 Drogentote pro Jahr. Diese Zahl ist aufgrund der Zunahme der Konsumentenzahlen bis 2006 auf etwa 200 pro Jahr gestiegen. Im Jahr 2011 waren 201 Todesfälle auf Suchtgift zurückzuführen. In der Mehrzahl der tödlichen Überdosierungen war Morphin beteiligt.

2002 befanden sich 4.800 Personen in Österreich in Substitutionsbehandlung, derzeit sind es fast 17.000 Personen. „Dramatisch ist, dass trotz einer Vervierfachung der Substitutionszahlen in den letzten 12 Jahren eine Reduktion der Drogentodeszahlen ausblieb. Ganz im Gegenteil: Anfänglich erhöhte sich die Zahl und stagniert seit dato. Und der Vergleich mit unserem Nachbarland Deutschland, das nach internationalem Standard mit Methadon und Buprenorphin substituiert, macht betroffen (Tabelle). Denn im Jahr 2000 starben dort noch 2.000 Personen durch Drogenkonsum, durch den Ausbau der Substitution – derzeit etwa 80.000 Substituierte – wurden 2011 nur mehr 986 Drogentode verzeichnet. Deutschland hat somit das wichtigste Ziel der Substitution erreicht: Die Reduktion der Drogentoten“, führt Mayrhofer.

Quelle: Pressekonferenz zur Substitutionstherapie in Österreich, 21. August 2013, Götzis

Zahlen, Daten, Fakten

• Substitutionstherapie: weltweit anerkannte und bewährte Methode in der Behandlung von Drogensüchtigen. In Österreich seit den 1980er Jahren etabliert. Seit 1998 sind retardierte Morphine wie beispielsweise das Medikament Substitol in Österreich zugelassen.

• In Österreich werden Morphine in einem Ausmaß von derzeit 55 Prozent eingesetzt.

• Substitutionstherapie ist fester Bestandteil des Behandlungsangebots der Stiftung Maria Ebene. In den Ambulanzen werden über 300 Opiatabhängige nach internationalen Richtlinien substituiert.

• Bei unbehandelten Opiatabhängigkeiten wird mit einer Sterberate von 2,5 bis 3 Prozent pro Jahr gerechnet.

• Die Zahl der problematischen Drogenkonsumenten in Österreich stieg von 2001 bis 2006 um 45 Prozent auf 32.000 Personen. Seither wird der Schätzwert in gleicher Höhe angegeben.

• Drogentote in Österreich: 1999 bis 2001: etwa 140 Drogentote pro Jahr, bis 2006: etwa 200 Drogentote pro Jahr, im Jahr 2011: 201 direkt suchtgiftbezogene Todesfälle

• Substitutionszahlen in Österreich: Im Jahr 2002: 4.800 Personen in Substitutionsbehandlung, derzeit: etwa 17.000 Personen; Vervierfachung der Substitutionszahlen in den letzten 12 Jahren (im Jahr 2000 noch 4.000 Personen), aber keine Reduktion der Drogentodeszahlen.

• Substitutionszahlen in Deutschland: Im Jahr 2002: 46.000 Personen in Substitutionsbehandlung, derzeit etwa 80.000 Personen; im Jahr 2000: 2.000 Drogentote, im Jahr 2011: 986 Drogentote. Eine Erhöhung der Substitutionszahlen auf fast das Doppelte führte zu einer Halbierung der Anzahl der Drogentoten.

• Etwa 50 Prozent der in der Substitution verschriebenen retardierten Morphine landen auf dem Schwarzmarkt.

• Allein die in den Schwarzmarkt einfließenden Opiate verursachen den Krankenkassen Medikamentenkosten in der Höhe von etwa 8 Millionen Euro.

• Etwa 90 Prozent der Morphine werden gespritzt.

• Die Zahl der Drogentoten durch unkontrolliert abgegebene retardierte Morphine wird auf etwa 80 Personen pro Jahr geschätzt.

Verwendete Substitutionsmittel in der EU

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