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Die Angst des Psychiaters vor dem Depot

Kasuistik einer Patientin, die nach der Geburt ihres ersten Kindes erstmals psychotisch wurde

Einleitung

Zahlreiche Studien zeigen, dass die prophylaktische Wirkung der Depotapplikation von Antipsychotika der oralen Gabe deutlich überlegen ist (Gutwinski et al. 2007, Haddad et al. 2009, Leucht et al. 2011). Als zentrale Ursache dafür ist die zumeist schlechte medikamentöse Compliance von unter einer schizophrenen Erkrankung leidenden Menschen anzusehen (Lacro et al. 2002, Gilmer et al. 2004, Rittmannsberger et al. 2004, Weiden et al. 2004, Byerly et al. 2005, Valenstein et al. 2006). Eine Follow-up-Studie über 4 Jahre mit 34.128 Patienten mit Schizophrenie zeigte, dass pro Jahr jeweils 36–37 % der Patienten noncompliant waren, bei 61 % fanden sich irgendwann während des Untersuchungszeitraums von 4 Jahren Perioden von Noncompliance und nur 39 % zeigten durchgehend eine gute Adhärenz (Valenstein et al. 2006).

Die Depotapplikation von Antipsychotika ist der oralen Gabe überlegen

Die Langzeitfolgen der daraus resultierenden häufigeren psychotischen Rückfälle sind sowohl für die Betroffenen als auch für die Angehörigen und die Gesellschaft mitunter dramatisch. Hervorstechend sind neben der schlechteren Krankheitsprognose und dem damit verbundenen sozialen Abstieg (Fichter et al. 1996, Eikelmann 2008) besonders die erhöhte Mortalität durch körperliche Erkrankungen und Selbsttötungen (Saha et al. 2007) sowie eine gegenüber stabil medikamentös eingestellten Kranken gesteigerte Aggressionsneigung, die mitunter zu schwerwiegenden Delikten führt (Fazel et al. 2010).

Wenn die Noncompliance so schwerwiegende Folgen zeitigt und die antipsychotische Depotmedikation eine nachgewiesene prophylaktische Wirksamkeit hat, ist es erstaunlich, dass Studien aus den letzten 20 Jahren zeigen, dass nur zwischen 10 und 30 % der unter einer Schizophrenie leidenden Menschen auf intramuskulär zu applizierende retardierte Antipsychotika eingestellt sind (Foster et al. 1996, Jablensky et al. 2000, Covell et al. 2002, Patan et al. 2003, Humberstone et al. 2004, Hanssens et al. 2006, Heres et al. 2006, Xiang et al. 2006, Glazer 2007). Noch Ende der 1980er Jahre erhielten etwa 50 % der an einer schizophrenen Erkrankung leidenden Patienten ein Depotpräparat verabreicht (Kissling 1989, Meise et al. 1994).

Die Vorteile einer kontinuierlichen antipsychotischen Depotbehandlung sind aufgrund der vorliegenden Untersuchungen offenkundig. Anhand einer Kasuistik sollen die möglichen Gründe für diese gegen jede Evidenz zu beobachtende Entwicklung diskutiert werden.

Kasuistik

Bis vor 4 Jahren war die nunmehr 40-jährige Frau M. psychisch gesund, sie arbeitete als Kanzleikraft in einem Amt und kam mit ihren Arbeitskollegen gut aus. Fünfzehn Jahre zuvor hatte sie ihren Mann, mit dem sie sich eng verbunden fühlte, geheiratet. Nachdem sie ihren Kinderwunsch fast schon ad acta gelegt hatte, wurde sie schließlich mit 37 Jahren schwanger. Die Schwangerschaft verlief komplikationslos. Nach der Entlassung aus dem Spital stellte sich allerdings eine düstere Verstimmung ein, das Neugeborene irritierte sie, die Gegenwart ihres Mannes empfand sie als nervend. Sie hatte den Eindruck, dass er andauernd um sie herumschleichen würde, als ob er etwas im Schilde führte. Sie fühlte sich zunehmend beklommen, irgendwie war alles unheimlich. Es fiel auf, dass ihr wichtige Gegenstände plötzlich verschwunden waren. Als sie dann einen an sie gerichteten Glückwunschbrief geöffnet vorfand, war ihr mit einem Schlag klar, dass hinter dem Ganzen ihr Mann stecken würde, oder besser gesagt, nicht ihr Mann, sondern sein Doppelgänger, der seine Stelle eingenommen hatte. Er sah zwar genauso aus wie ihr richtiger Mann, aber irgendetwas war doch anders an ihm. Er hatte „so etwas Neues im Blick“, nein, so hatte sie ihr Mann nie angesehen. Sie konnte sich nicht erklären, woher der Doppelgänger gekommen war, vielleicht hatte er ja etwas mit der Russenmafia zu tun.

Sie suchte daher in seiner Abwesenheit die Wohnung nach Hinweisen auf seine eigentliche Identität ab. Auf einige Dinge konnte sie sich keinen Reim machen. Durch die „süßliche, falsche Art“ des Mannes fühlte sie sich besonders provoziert und hatte oft das Gefühl, ihm „an die Gurgel springen“ zu müssen. Und dann war auf einmal dieses Klopfen da. Zuerst nur ganz leise, wie von weit her, am darauf folgenden Tag bereits deutlicher, „wie wenn der Wasserhahn tropft, nur viel tiefer und irgendwie unnatürlich“. Manchmal dachte sie, das sei eine Botschaft für sie, um sie zu warnen, ein anderes Mal glaubte sie, der Mann wollte sie dadurch verrückt machen. Einmal hörte sie eine Stimme, die ihr sagte, „spring!“. Auf der Suche nach der Quelle der Geräusche irrte sie den ganzen Tag in der Wohnung herum.

Ihr Mann brachte schließlich das Baby zu seiner Mutter, angeblich, um sie zu schonen. Ihr wurde sofort klar, dass die beiden mit dem Kind etwas im Schilde führten. Sie sprach schließlich ihren Mann darauf an, der stritt aber alles ab und sagte, dass sie verrückt sei, war aber dabei irgendwie verlegen und unsicher. Jetzt war ihr klar, dass sie etwas tun müsse, um ihr Leben und das ihres Kindes zu retten. Als ihr Mann das Haus verließ, um zur Arbeit zu gehen, fasste sie den Entschluss, die Polizei zu kontaktieren, fand aber die Wohnungstür verschlossen vor. Ihr Mann hatte sie offensichtlich eingesperrt und den Wohnungsschlüssel mitgenommen. Sie geriet in Panik und rief vom Fenster aus um Hilfe. Schließlich wurde eine Nachbarin auf sie aufmerksam und verständigte die Polizei, die durch die Feuerwehr die Wohnungstüre aufbrechen ließ.

Sie erzählte den Beamten die ganze Geschichte und wurde auf die Dienststelle mitgenommen. Sie erwartete, dass dort ein Protokoll aufgenommen würde, wurde allerdings in ein Nebenzimmer geführt, wo ein Mann auf sie wartete, der sich als Arzt vorstellte. Sie sagte ihm zunächst, dass sie keinen Arzt bräuchte, erzählte ihm dann doch noch einmal die ganze Geschichte. Auf einmal ging die Tür auf und die Beamten kamen mit ihrem Mann herein. Sie rief „ja, das ist er“. Die Beamten schüttelten aber nur den Kopf und meinten, sie solle nur ruhig sein und mitkommen. Da wurde ihr klar, dass die Polizisten mit ihrem Mann unter einer Decke steckten und dass sie nun entführt und vielleicht umgebracht werden solle. Sie wurde entsetzlich wütend und brüllte alle an. Zwei Polizisten stürzten sich auf sie, und sie wehrte sich mit allen ihr zur Verfügung stehenden Kräften. Schließlich rangen die Beamten sie nieder und legten ihr Handschellen an. „Wie eine Verbrecherin“ wurde sie in das Polizeiauto gedrängt und ins Spital gebracht.

Zuerst dachte sie, dass das alles nur eine Inszenierung sei, schließlich war sie ja nicht krank. Die Ärztin nahm sie jedoch nicht ernst, sodass sie zuletzt jedes Gespräch verweigerte. Wegen Fremdgefährdung wurde sie sofort untergebracht.

In den ersten Wochen des stationären Aufenthalts wurde sie mit Quetiapin, Olanzapin und Risperidon behandelt, ohne dass sich eine Besserung einstellte. Erst die Umstellung auf Haloperidol oral hatte einen positiven Effekt. Nach etwa 4 Wochen wurde sie schließlich auf Haloperidol-Depot umgestellt, worauf sie nach weiteren 8 Wochen nahezu symptomfrei war. Lediglich eine raschere Ermüdbarkeit und leichte Konzentrationsstörungen blieben ihr. Nach der Entlassung erhielt sie die Depotmedikation alle 4 Wochen von einem niedergelassenen Psychiater.

Erst die Umstellung auf Haloperidol oral hatte einen positiven Effekt.

Nach dem Ende der Karenzzeit trat sie wieder ihre Stelle als Kanzleikraft an, wurde aber 9 Monate später erneut schwanger. Auf Empfehlung ihres Arztes setzte sie die Depotmedikation ab. In den ersten Monaten bemerkte sie keine Veränderung, in den letzten acht Schwangerschaftswochen wurde sie vermehrt reizbar. Sie empfand die Betreuung ihres zweijährigen Sohn als äußerst anstrengend, auch „nervte“ sie ihr Mann mit seiner überfürsorglichen Art. Beide meinten, dass dies auf die veränderten Lebensumstände und die erneute Schwangerschaft zurückzuführen wäre. Die Geburt und die ersten Wochen danach verliefen problemlos, sie konnte allerdings schlecht schlafen, was sie auf den noch instabilen Schlafwachrhythmus des Säuglings zurückführte. Schließlich war sie so erschöpft, dass sie ihre Mutter um Hilfe bat, die tatsächlich die Kinder für eine Woche zu sich nahm. Es trat aber keine Besserung ein, sie konnte weiterhin nur zwei bis drei Stunden schlafen und erwachte häufig nach Albträumen. Ihr fiel auf, dass sich ihr Mann anders verhielt. Am vierten Tag ohne ihre beiden Kinder hörte sie beim Fernsehen auf einmal die Stimme ihrer Mutter, die ihr sagte, „nimm dich in Acht“. Im ersten Augenblick dachte sie, sich getäuscht zu haben, aber dann sagte die Stimme, „du hast schon richtig gehört“. Schließlich rief sie in Panik ihren Mann an, der auch sofort nach Hause kam. Er war sehr besorgt und meinte, dass sie wieder krank sei und mit ihm zum Arzt gehen solle. Ganz war sie nicht davon überzeugt, ließ sich aber schließlich doch überreden, da sie sich erinnerte, dass es nach der ersten Geburt ganz ähnlich gewesen sei.

Ihr Psychiater war allerdings „zu dieser Zeit auf Urlaub“, weshalb sie dessen Vertretung aufsuchte, um sich wieder die Depotmedikation verabreichen zu lassen. Die konsultierte Ärztin diagnostizierte eine Wochenbettpsychose und meinte, dass eine dauerhafte antipsychotische Behandlung, vor allem mit einem Neuroleptikum der ersten Generation, nicht angezeigt wäre. Die Beschwerden würden nach ein paar Tagen Ruhe und Entspannung von selbst vergehen, sie bräuchte vielleicht auch noch etwas Zeit, bis die Hormonumstellung vorbei sei. Zur Überbrückung gab sie der Patientin für 3 Tage Olanzapin 10 mg sowie Lorazepam als Bedarfsmedikation mit.

In den folgenden Tagen verschlechterte sich der Zustand von Frau M. deutlich. Sie interpretierte die Versuche ihres Mannes, sie zu einer Behandlung zu überreden als Zeichen, dass er gegen ein Double ausgetauscht worden sei. Schließlich willigte sie aber doch ein, sich behandeln zu lassen. Da ihr Arzt noch immer auf Urlaub war, fuhren sie gemeinsam zu einem Neurologen, der in einer zwanzig Kilometer entfernten Kleinstadt eine Ordination hatte. Bei diesem Kontakt war die Patientin aufgrund der oralen Medikation sediert und machte auf den Arzt einen lethargischen Eindruck, der fand keine Anzeichen für eine aktuelle Fremdgefährdung. (Die Patientin berichtet im Nachhinein, dass ihr damals alles egal gewesen sei, sie hätte sich in ihr Schicksal gefügt und sei sicher gewesen, dass der Doppelgänger ihres Mannes sie umbringen werde oder ihrem Baby etwas geschehen würde.) Der Mann beschwor den Arzt, seiner Frau doch die Depotmedikation zu verabreichen, da er aus der Vorgeschichte wusste, dass seine Frau in Phasen, in denen sie so gereizt war, keine Tabletten eingenommen hätte. Der Neurologe versuchte, ihn zu beruhigen und meinte, dass es keine Anzeichen für eine Eskalation gebe, die Patientin solle einfach die orale Medikation weiter nehmen. In den folgenden Tagen verschlechterte sich die psychische Verfassung von Frau M. dramatisch. Wie der Ehemann befürchtet hatte, verweigerte sie die Medikamenteneinnahme.

In einer Konditorei verkannte die Patientin erneut ihren Mann. Sie vermutete, er sei entführt worden und durch einen fremden Mann ersetzt worden. Möglicherweise war dies doch das Werk der Brüder ihres Mannes, die ihr ihren Mann nicht vergönnen würden. Sie wollte dem vermeintlichen Doppelgänger den Pass abnehmen und die Polizei verständigen, um anhand der Fingerabdrücke die Richtigkeit ihrer Beobachtung zu beweisen. Der riss ihr das Mobiltelefon weg und rief seinerseits die Polizei an. Die Beamten schenkten ihr keinen Glauben, sondern behandelten sie wie eine Schwerverbrecherin und brachten sie ins Spital. Hier fühlte sie sich in Sicherheit und erzählte, dass sie daheim durch Zigaretten vergiftet und durch den Fernseher hypnotisiert worden sei.

Im Aufnahmegespräch war die Patientin hochgradig gereizt, affektiv gespannt, dysphorisch und psychomotorisch unruhig, die Impulskontrolle war gelockert, in mehreren Gesprächssequenzen war Frau M. verbal drohend. Bereits am Aufnahmetag musste sie untergebracht werden, da sie angstüberflutet war, keine Kontrolle über ihre aggressiven Impulse hatte und weder krankheitseinsichtig noch paktfähig war.

Während der ersten Tage verweigerte sie die angebotenen Medikamente aus Angst, vergiftet zu werden, ihr Affekt war kräftig und starr. Auch den sie besuchenden Gatten verkannte sie regelmäßig und geriet rasch in eine zwischen Verzweiflung und Gereiztheit schwankende Stimmungslage. Dazwischen rief sie aber auch mehrmals täglich ihren Gatten an und bat ihn um Hilfe. Die Telefongespräche mündeten allerdings rasch in ein aggressiv-ratloses Schweigen und wurden von Frau M. nach kurzer Zeit abgebrochen. Schließlich war sie aber doch bereit, die angebotene antipsychotische Medikation einzunehmen. Unter Einstellung auf Haloperidol oral kam es nach anfänglichen Schwankungen zu einer deutlichen Remission der psychotischen Symptomatik. Sie verkannte den Ehemann seltener, die Reizbarkeit wich einem etwas affektflachen Zustandsbild.

Wurde die Patientin auf die psychotischen Erlebnisse angesprochen, gewann der Affekt rasch an Kraft, sie wirkte wiederum angespannt und dysphorisch. In solchen Situationen verlangte sie aber erstaunlicherweise von sich aus eine Bedarfsmedikation, auf die sie auch gut ansprach. Auf eigenen Wunsch wurde sie schließlich, wie bereits während ihrer ersten stationären Behandlung vor 2 Jahren, auf Haloperidol-Depot eingestellt.

Diskussion

Die vorliegende Kasuistik zeigt den Fall einer 40-jährigen Patientin, die nach der Geburt ihres ersten Kindes mit 37 Jahren erstmals psychotisch wurde. Die Symptomatik remittierte nach mehreren Therapieversuchen mit oral verabreichten Antipsychotika der zweiten Generation erst unter der Gabe von Haloperidol-Depot. Unter dieser Medikation hatte sie keine psychotischen Symptome, wohl aber ein diskretes affektiv-aktionales Residuum. Als die Patientin neuerlich schwanger war, wurde korrekterweise die antipsychotische Medikation abgesetzt. Nach Geburt des zweiten Kindes entwickelte sich erneut innerhalb kurzer Zeit eine psychotische Symptomatik. Frau M. war über weite Strecken dysphorisch-gereizt, bot einen Verfolgungswahn, in dessen Zentrum wiederum der Ehemann stand, der im Sinne eines Capgras-Syndroms als Doppelgänger verkannt wurde. Wie aus der forensisch-psychiatrischen Literatur bekannt, findet sich diese Konstellation häufig in der Vorgeschichte von schweren Gewaltdelikten psychotisch Kranker (Silva et al. 1993, Stompe u. Schanda 2012).

Trotz mehrfacher Appelle des Ehemanns und der prinzipiellen Bereitschaft der Patientin nahmen die konsultierten Fachärzte von einer neuerlichen Einstellung auf einer intramuskulär verabreichte antipsychotische Depotmedikation Abstand. Trotz der Erfahrungen, die in ersten psychotischen Episoden gemacht wurden, meinten beide, dass eine orale Medikation ausreichend sei. Die zuerst aufgesuchte Psychiaterin war darüber hinaus der Meinung, dass die Symptomatik bei ausreichender Schonung in kürzester Zeit spontan remittieren werde. Schließlich eskalierte die Situation wenige Tage später und Frau M. musste unter Polizeibegleitung in eine psychiatrische Abteilung gebracht werden und wurde dort nach dem Unterbringungsgesetz aufgenommen.

Nach einigen erneuten frustranen Behandlungsversuchen mit in ausreichender Dosierung oral verabreichten Antipsychotika der zweiten Generation wurde sie schließlich wieder auf Haloperidol eingestellt. Unter dieser Medikation erfolgte eine schrittweise Remission, und schließlich war sie so weit von der Überzeugung, dass ihr Ehemann durch einen Doppelgänger ersetzt worden sei, distanziert, dass sie die Möglichkeit einräumen konnte, dass es sich um eine Krankheit handeln könnte. Auf eigenen Wunsch erhielt sie schließlich wieder Haloperidol intramuskulär als Depot.

Warum hatten die beiden Fachärzte so gehandelt? Da Frau M. von sich eine Depotmedikation verlangt hatte, muss davon ausgegangen werden, dass die Entscheidung, dem Wunsch in diesem Fall nicht zu entsprechen, den Wissensstand der konsultierten Ärztinnen über Psychopathologie, Verlauf und Ausgang postpartaler Psychosen und die Einstellung zur parenteralen Langzeitgabe von Antipsychotika widerspiegeln.

Wie Valdimarsdottir et al. (2009) an einer schwedischen Kohorte von 745.596 Erstgebärenden nachwiesen, entwickeln 1,2 von 1000 Frauen pro Jahr eine postpartale Psychose, davon die Hälfte, 0,6 von 1000 pro Jahr, eine Erstmanifestation. Wie im Falle unserer Patientin steigt die Wahrscheinlichkeit, an einer Wochenbettpsychose zu erkranken, mit zunehmendem Alter an. Die Rückfallrate, irgendwann erneut an einer psychotischen Störung zu erkranken, liegt bei 75 %, das Risiko, bei einer weiteren Schwangerschaft nochmals zu erkranken bei 29 %. Insgesamt sind Verlauf und Ausgang bei entsprechender Behandlung als günstig anzusehen (Robling et al. 2000). Somit lag die zuerst konsultierte Fachärztin mit ihrer optimistischen Sichtweise grundsätzlich nicht ganz falsch. Allerdings geben die meisten Arbeiten über postpartale Psychosen keine Auskunft, welche Patientinnen nun intensiveren Betreuungsbedarf aufweisen. Um sich diesem Problem anzunähern, lohnt es sich, auf die differenzierte Klassifikation der endogenen Psychosen nach Leonhard (2003) zurückzugreifen, da dieses Diagnosesystem eine komplexe Erfassung der psychopathologischen Querschnittssymptomatik mit wohldefinierten Verlaufstypen verbindet ( Abb. 1 ).

Leonhard unterscheidet in verschiedene Formen unterteilte phasische, monopolare (affektive) Erkrankungen von der bipolaren manisch-depressiven Erkrankung, den zykloiden Psychosen mit drei Unterformen (Angst-Glücks-Psychosen, Verwirrtheitspsychosen, Motilitätspsychosen) und der Gruppe der Schizophrenien. Letztere teilt er in die unsystematischen Schizophrenien mit drei Formen (affektvolle Paraphrenie, Schizophasie, periodische Katatonie) und die systematischen Schizophrenien mit ebenfalls drei Formen, die wiederum in insgesamt 16 Unterformen unterteilt werden können (6 systematische Paraphrenien, 4 Hebephrenien, 6 systematische Katatonien). Die zykloiden Psychosen zeichnen sich durch einen akuten Beginn, eine bunte psychotische Symptomatik und eine komplette Remission ohne Residuum aus. Die unsystematischen Schizophrenien zeigen einen schubhaften Verlauf, zumeist ein Prodromalstadium vor dem eigentlichen Ausbruch der Psychose und eine inkomplette Remission. Die systematischen Schizophrenien sind in ihrer Symptomatik einförmig, der Verlauf ist chronisch-progredient.

Zykloide Psychosen sprechen in der akuten Phase gut auf Antipsychotika an, nach Remission sollten allerdings nach einigen Wochen die Neuroleptika ausgeschlichen werden, da eine Dauermedikation zu einem (medikamentös induzierten) Defektzustand führen kann. Es gibt allerdings Verläufe mit zahlreichen Episoden, bei denen sich eine Phasenprophylaxe mit Lithium, Carbamazepin oder Valproat bewährt. Bei den unsystematischen Schizophrenien ist der prophylaktische Effekt einer antipsychotischen Dauermedikation als sehr hoch einzuschätzen, während sich der Behandlungserfolg bei systematischen Schizophrenien in den meisten Fällen auf eine gewisse Distanzierung von den unverändert fortbestehenden psychotischen Inhalten beschränken muss.

Eine Dauermedikation kann zu einem medikamentös induzierten Defektzustand führen

Die Würzburger Arbeitsgruppe um Beckmann konnte zeigen, dass mehr als die Hälfte der Patientinnen mit postpartalen Psychosen Bilder einer zykloiden Psychose bot (Pfuhlmann et al. 1998, 1999). Lediglich 10 % der Fälle erfüllten die Kriterien einer Schizophrenie. Damit stellt sich die Frage, wo unsere Patientin einzuordnen ist. Der akute Verlauf mit partieller Remission – zur Erinnerung, Frau M. bot zwischen den beiden psychotischen Episoden ein affektiv-aktionales Residuum – lässt entweder an eine unsystematische Schizophrenie oder an eine zykloide Psychose mit medikamentös induzierter Restsymptomatik denken. Zur besseren Orientierung ist die Phänomenologie der zykloiden Psychosen und der unsystematischen Schizophrenien in Tab. 1 dargestellt.

Da sich weder auffällige formale Denkstörungen noch psychomotorische Symptome fanden und der Schwerpunkt der Phänomenologie ganz auf der paranoid-halluzinatorischen Symptomatik lag, ist davon auszugehen, dass es sich entweder um eine Angst-Glücks-Psychose oder um eine affektvolle Paraphrenie handelt. Der gereizte Affekt, die dysphorische Stimmungslage und der systematisierte Wahn mit wahnhaften Personenverkennungen sowie die langsame, inkomplette Remission sprechen für das Vorliegen einer affektvollen Paraphrenie. Diese Erkrankungsform ist einerseits mit einer erheblichen Fremdgefährlichkeit verbunden (Stompe u. Schanda 2012), spricht andererseits aber auf eine antipsychotische Rezidivprophylaxe gut an. Unter diesem Gesichtspunkt ist der Verzicht auf eine Wiedereinstellung auf eine Depotmedikation als äußerst problematisch einzuschätzen.

Da man allerdings davon ausgehen muss, dass die von dem Ehepaar aufgesuchten Nervenfachärzte nicht mit der Klassifikation nach Leonhard vertraut sind, war – abgesehen von der fehlenden Berücksichtigung des Vorverlaufs – wohl die bedauerlicherweise häufig anzutreffende, im Wesentlichen auf Informationsdefiziten beruhende und durch keinerlei Fakten gestützte Aversion gegen eine sinnvolle und im vorliegenden Fall von der Patientin sogar gewünschte antipsychotische Depotmedikation entscheidend.

Offensichtlich stehen noch immer viele Psychiaterinnen und Psychiater der intramuskulären Gabe skeptisch gegenüber. Als Begründungen angeführt werden, dass 1) Depotpräparate nur für wenige schwere Fälle mit fehlender Krankheitseinsicht und mangelnder Compliance geeignet seien, 2) die Verabreichung von Depotpräparaten einen massiven Eingriff in die Selbstbestimmung eines Patienten darstelle („Niederspritzen“) und daher nur in ganz wenigen Fällen zu rechtfertigen sei und dass, 3) atypische Neuroleptika aufgrund ihres günstigeren Nebenwirkungsprofils automatisch die Compliance verbessern würden, weshalb sich die Verwendung von Depots erübrige. Das am häufigsten vorgebrachte Argument ist, 4) die Vermutung, dass die Patienten die Depotmedikation ablehnen würden. Walburn et al. (2001) und Heres et al. (2006) konnten zeigen, dass besonders diejenigen, die bereits Erfahrungen mit Depotpräparaten gemacht hatten, diesen gegenüber einer oralen Medikation den Vorzug gaben. Alle vier Argumente sind also längst als widerlegt anzusehen (Schanda u. Stompe 2010).

Zum Wohl der Betroffenen wäre ein rationalerer Umgang mit antipsychotischen Depotpräparaten von Nöten, um Behandlungsverläufe wie den hier vorgestellten zu vermeiden.

Literatur beim Verfasser.

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Abb. 1:  System der endogenen Psychosen nach Leonhard (2003)

Abb. 1: System der endogenen Psychosen nach Leonhard (2003)

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