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Abb : Jährlich sind in Österreich rund 200.000 Personen von einer Sozialphobie betroffen
 

An die Angst gewöhnen

In einer, in der aktuellen Ausgabe des Magazins PLOs One publizierten Arbeit einer Wiener Forschergruppe konnte gezeigt werden, dass Fehlregulationen im Gehirn von Menschen mit Sozialphobie zum Teil kompensiert werden können [1], was Anstoß zur Entwicklung individualisierter Trainingsprogramme sein könnte.

Angst ist eine überlebensnotwendige Schutzfunktion vor möglichen Gefahren. Im Fall einer Angststörung wird diese positive Wirkung außer Kraft gesetzt: Sozialphobie-PatientInnen ängstigen sich vor ganz normalen, sozialen Situationen im Alltag, weil sie fürchten, sich unpassend zu verhalten oder von anderen für dumm gehalten zu werden. WissenschafterInnen vom Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik und der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie der MedUni Wien haben nun herausgefunden, dass dieses Angstnetzwerk zumindest teilweise deaktiviert werden kann.
In der aktuellen, in PLOS One veröffentlichten, Studie von Ronald Sladky unter der Leitung von Christian Windischberger (Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik) wurden mit Hilfe der funktionellen Magnetresonanztomographie die Änderungen der Gehirnaktivität von Sozialphobie-PatientInnen und gesunden ProbandInnen gemessen, während sie Gesichter betrachteten. Dieses Experiment simuliert die soziale Konfrontation mit anderen Menschen, ohne die Person tatsächlich in eine für sie unerträgliche Angstsituation zu bringen.

Dauerhafte Konfrontation
„Dabei zeigte sich, dass Menschen mit Sozialphobie zwar anfangs eine stärkere Aktivierung im Mandelkern und im medialen, präfrontalen Cortex des Gehirns aufweisen, nach einigen Durchgängen geht diese Aktivität allerdings zurück“, so Sladky. Das widerspricht der bisherigen Annahme, dass sich das emotionale Netzwerk von SozialphobikerInnen nicht genügend an die stressauslösende Situation anpassen kann.
Die dauerhafte Konfrontation mit der Testaufgabe führte bei den AngstpatientInnen nicht nur dazu, schneller eine Lösung für das „Problem“ zu finden, sondern auch dazu, dass manche Gehirnregionen umgangen wurden, die sonst, und krankheitstypisch, überaktiviert waren. Sladky: „Daher liegt der Schluss nahe, dass es auch im Emotionsnetzwerk von SozialphobikerInnen funktionierende Regulationsstrategien gibt, wenngleich es bei diesen Menschen etwas länger dauert, bis diese Mechanismen greifen. Die Fehlregulation dieser Gehirnteile kann also zu einem Teil kompensiert werden.“
Diese Erkenntnisse könnte, so Sladky, der Anstoß zur Entwicklung von personalisierten Trainingsprogrammen sein, die den Betroffenen im Alltag helfen, die unangenehmen Situationen besser zu meistern. In Österreich sind jährlich rund 200.000 Personen von einer Sozialphobie betroffen. Die Dunkelziffer dürfte darüber hinaus sehr hoch sein, da viele Betroffene aufgrund Ihrer Angst nicht oder erst zu spät fachkundige Betreuung suchen.

Kooperation für ein besseres Verständnis
Die aktuelle Studie entspringt einer interdisziplinären Forschungs-Zusammenarbeit zwischen dem Zentrum für Medizinische Physik und Biomedizinische Technik und der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie. Ziel der Kooperation ist ein besseres, neurowissenschaftliches Verständnis für psychiatrische Erkrankungen, um neue Therapie- und Diagnosemöglichkeiten entwickeln zu können.
Neurowissenschaften und Bildgebung sind zugleich zwei der fünf Forschungscluster der MedUni Wien. In diesen Fachgebieten werden in der Grundlagen- wie in der klinischen Forschung vermehrt Schwerpunkte gesetzt. Die weiteren drei Forschungscluster der MedUni Wien sind Krebsforschung/Onkologie, Allergologie/Immunologie/Infektiologie und vaskuläre/kardiale Medizin.

Quelle: OTS/MedUni Wien

Literatur:
1 Ronald Sladky, Anna Höflich, Jacqueline Atanelov, Christoph Kraus, Pia Baldinger, Ewald Moser, Rupert Lanzenberger, Christian Windischberger: „Increased Neural Habituation in the Amygdala and Orbitofrontal Cortex in Social Anxiety Disorder Revealed by fMRI.“ PLoS ONE 7(11): e50050. doi:10.1371/journal.pone.0050050.

 

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