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Demenz = de mente?

In einem Presseinterview vom 22. November 2012 beklagt die Begründerin der Validation Naomi Feil die nivellierende und entwürdigende Diagnose „Demenz“. Dieser Begriff sei sehr respektlos, denn das hieße soviel wie „ohne Geist“ und das stimme einfach nicht mit der Wirklichkeit betroffener Menschen überein. Diese Kritik am Begriff „Demenz“ ist berechtigt, betrachtet man die vielen Jahre, welche PatientInnen nach früh gestellter Diagnose einer Alzheimerdemenz im Stadium der leichten Demenz verleben. In diesem Stadium droht definitionsgemäß auch ohne Hilfestellungen keine Verwahrlosung. Die 1980 von der Amerikanischen Psychiatrievereinigung APA für die USA und 1991 weltweit von der WHO eingeführte Diagnose „Demenz“, wobei der alte Demenzbegriff von Eugen Bleuler in der Diagnose schwere Demenz aufgeht, schadet der selbstbestimmten Lebensführung von Demenzpatienten. Nach meinem Gefühl werden viele beginnende AlzheimerpatientInnen zu früh in allen Belangen besachwaltet, obwohl sie eindeutig und wiederholt, jedenfalls die weitaus überwiegende Zeit des Tages, klar und unmissverständlich ihren Willen äußern und die Tragweite ihrer Entscheidungen einschätzen können. Auch der Wiener Chefarzt Dr. Georg Psota kritisiert in einem Standardinterview vom 14. Jänner 2013 die gegenwärtige Praxis der Besachwaltung alter Menschen.

Die Diagnose „Demenz“ fördert so auf sprachlicher Ebene die Besachwaltung betroffener Menschen in fachärztlichen Gutachten und bei Sachwalterschafts-Gerichten. Inzwischen zeigten eindrucksvolle wissenschaftliche Arbeiten, dass sowohl die alzheimertypische Atrophie des medialen Temporalkortex im MRT, die alzheimerspezifischen Stoffwechselminderungen im FDG-PET, als auch die alzheimertypischen Veränderungen im Liquor cerebrospinalis der Diagnose einer leichten Demenz um viele Jahre vorausgehen können. Es besteht also Gefahr, dass die Diagnose Alzheimerdemenz noch früher gestellt und so die Möglichkeit zur Selbstbestimmung vieler alter Menschen noch weiter bedroht wird. Die breite unkritische Anwendung dieser Hilfsbefunde dürfte die Gefahr der „krankmachenden“ Diagnose „Demenz“ weiter steigern. Die Neuropsychiatrie hat für die vielen Abbausyndrome bei Durchblutungsstörungen den Begriff der vaskulären kognitiven Störung – VCI für Vascular Cognitive Impairment - geprägt. Vielleicht wäre es besser, analog von degenerativen kognitiven Störungen – DCI für Degenerative Cognitive Impairment - zu sprechen.

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Peter Fischer

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