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© sonya etchison / shutterstock.com
 

„Wächst“ sich das aus?

Wenn psychisch kranke Kinder erwachsen werden.

Was wird aus Kindern und Jugendlichen mit psychischen Störungen im Laufe ihres Lebens? Die Erforschung dieser Frage beschäftigt die Kinder- und Jugendpsychiater seit Jahrzehnten. In welcher Weise der Lebenslauf durch die jeweiligen Erkrankungen beeinträchtigt wird, ist dabei nicht immer eindeutig zu klären.

„Wir müssen akzeptieren, dass psychische Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter eine hohe Rate an eher ungünstigen Lebensverläufen zeigen“ betonte Prof. Dr. Hans-Christoph Steinhausen von der Universität Aarhus Dänemark anlässlich eines Symposiums im Rahmen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie in Rostock.

Mittlere Prävalenz liegt bei 22 Prozent

Daten aus der EU zeigen, dass die mittlere Prävalenz bei Kindern und Jugendlichen an einer psychischen Störung zu erkranken bei 22 Prozent liegt. „Wir wissen allerdings nicht wie hoch der Anteil von Erwachsenen mit psychischen Störungen, die Vorerkrankungen im Kindes- und Jugendalter hatten, in Europa ist“ so Steinhausen. US-Forschern zufolge fangen die Hälfte aller psychischen Erkrankungen, die im Erwachsenenalter diagnostiziert werden, vor dem 14. Lebensjahr an, Dreiviertel sogar vor einem Alter von 24 Jahren.

Unterschiedliche Forschungsansätze

In unterschiedlichen Ansätzen verfolgten Wissenschaftler in den vergangenen Jahrzehnten die Frage, was aus Kinder- und Jugendlichen mit psychischen Störungen im weiteren Lebensverlauf wird.

Untersuchungen von Langzeitverläufen behandelter Patientenkohorten unterschiedlicher Diagnosen ergaben, dass in dieser Gruppe die Rate psychischer Störungen und der Delinquenz im Erwachsenenalter gegenüber Kontrollprobanden erhöht ist. So leidet etwa ein Drittel (24 – 41%) der Kinder- und Jugendlichen mit psychischen Störungen auch als Erwachsene unter einer psychischen Störung. Weniger als ein Drittel (21 – 30%) werden kriminell auffällig.

Der häufigere Forschungsansatz besteht in der strukturierten klinischen Untersuchung von Verläufen bei Patienten mit jeweils einer spezifischen Störung. Ergebnisse dieser Studien zeigen laut Steinhausen, dass sich einige der Störungen homotyp persistieren, so etwa die Angsterkrankungen und Depressionen, während andere weitere psychische Erkrankungen im Erwachsenenalter nach sich ziehen.

Zappelphilipp-Syndrom: nicht nur eine Kinderkrankheit

So persistiere bei der häufig im Kindesalter gestellten Diagnose der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) bei etwa 15 Prozent der Patienten das Vollbild oder zumindest Residualsymptome (65%) im jungen Erwachsenenalter weiter. Dabei bleibe meist ein Aufmerksamkeitsdefizit bestehen, während die Impulsivität häufig zurückgehe.

Die ADHS-Diagnose im Kindesalter gehe dabei mit einer hohen Rate an heterotypen Störungsbildern im Erwachsenenalter einher, beispielsweise antisozialen Persönlichkeitsstörungen, Substanzmissbrauch, Depressionen und bipolare Störungen, begleitet von einer hohen Quote an psychosozialen Beeinträchtigungen.

Obwohl einige Studien zur medikamentösen Behandlung von ADHS positive Ergebnisse lieferten, sagte Steinhausen: „Wir wissen bisher nicht, ob die Stimulanzientherapie den langfristigen Verlauf der Störung positiv oder negativ beeinflusst“. Dazu seien die meisten Untersuchungszeiträume zu kurz. Jedoch geben neuere Daten Hinweise darauf, dass die Kriminalitätsrate bei ADHS-Patienten unter Medikation sinkt. Lichtenstein et al. (2012, NEJM 367 (21):2006-1) analysierten dafür Informationen von 25.656 Patienten im schwedischen Nationalregister mit der Diagnose einer ADHS und verglichen deren Kriminalitätsrate unter medikamentöser Behandlung mit Perioden ohne Medikation. Dabei fanden sie eine Reduktion der Kriminalitätsrate von 32 Prozent bei Männern (hazard ratio, 0,68; 95% confidence interval (CI), 0,63 – 0,83) und 41 Prozent bei Frauen (hazard ratio, 0,59; 95% CI, 0,05-0,70).

Anorexia nervosa: 47 Prozent im Verlauf geheilt

Bei der Anorexia nervosa ergebe der Überblick der Studienergebnisse, dass in etwa der Hälfte der Fälle die Patienten im Verlauf geheilt werden. Im Gegensatz zur Erstmanifestation im Erwachsenenalter verlaufe die Essstörung mit Beginn in der Adoleszenz deutlich günstiger. Allerdings sei es wichtig darauf zu achten, ob die Untersuchungen nur den Verlauf der Magersucht dokumentieren oder das gesamte Funktionsniveau. Letzteres zeige dann ein häufig schlechteres Outcome.

Autismus, Schizophrenien und Störung des Sozialverhaltens

Sehr ungünstig stelle sich laut Steinhausens Ausführungen dagegen der Verlauf der Autismus-Spektrum-Störungen (ASS) dar: In 56 Prozent werde die Prognose als schlecht oder sehr schlecht, bei etwa 27 Prozent als eingeschränkt beurteilt. Von einer guten Entwicklung könne man in nur etwa 18 Prozent der Fälle sprechen. Und noch etwas bereite den Forschern Sorge: „Die Frage, inwieweit therapeutische Interventionen das Leben von Menschen mit ASS tatsächlich verbessern, ist weitgehend offen“ so Steinhausen. Untersuchungen hierzu seien rar und häufig von ungenügender Qualität.

Auch die früh beginnenden Schizophrenien entwickeln sich in nur 15 Prozent der Fälle gut, während 60 Prozent einen schlechten Verlauf nehme. Damit ist die Prognose deutlich ungünstiger einzustufen als bei Schizophrenien mit Beginn im Erwachsenenalter.

Bei der in der Kinder- und Jugendpsychiatrie häufig gestellten Diagnose der Störung des Sozialverhaltens seien neben einer frühen Manifestation auch andere Prädiktoren für einen problematischen Verlauf bekannt, beispielsweise komorbide ADHS und ein niedriger Intelligenzquotient.

Auswirkung von Interventionen auf Langzeitverlauf noch unklar

Bei fast allen Störungen mit Beginn im Kindes- und Jugendalter stünden Auswertungen der Langzeiteffekte von Frühinterventionen aus. Bisher seien die Beobachtungszeiträume zu kurz, um die Wirkung von therapeutischen Maßnahmen zu beurteilen. Dies sei laut Steinhausen eine der dringendsten Forschungsfragen der kommenden Jahre. Außerdem gebe es nur wenig Studien in der kinder- und jugendpsychiatrischen Forschung, die sich mit einer salutogenen Hypothese beschäftigen. „Die Frage wem geht es gut und warum geht es ihm gut, stellen die wenigsten Forscher“, so Steinhausen abschließend.

 

Quelle: 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie e.V. (DGKJP), 6.– 9. März 2013, Rostock

springermedizin.de, Ärzte Woche 20/2013

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