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Wenn der Körper zum Feind wird

Bei allen Formen der Essstörungen entwickeln sich beim Patienten hinsichtlich Nahrungsaufnahme erhebliche psychosomatische Probleme, oft mit körperlichen, psychischen und sozialen Konsequenzen. Ständiges Gedankenkreisen um das Essen beziehungsweise Nichtessen gelten als erste Hinweise einer Störung. Psychotherapie wird mittlerweile häufig mit Neuroleptika oder Antidepressiva kombiniert.

Gezügeltes Essverhalten, verbunden mit ausgeprägter Angst vor Gewichtszunahme, und eine massive Körperschemastörung charakterisieren sowohl die Anorexia nervosa (AN) als auch die Bulimia nervosa (BN). Vorwiegend betroffen sind junge Frauen: Die Anorexie betrifft die 25- bis 35-jährigen mit einer Prävalenz bis zu einem Prozent, überholt von der Bulimie mit einer Häufigkeit bis zu drei Prozent. Zu betonen ist besonders die hohe Dunkelziffer, von der ausgegangen werden muss.
Die Binge eating disorder (BED) zeigt eine Prävalenz von zwei bis fünf Prozent in der Gesamtbevölkerung, hier macht der Anteil der betroffenen Männer 35 bis 40 Prozent aus, so OA Dr. Alexandra Strnad von der Universitätsklinik für Psychiatrie Wien.
"Typisch für PatientInnen mit Anorexia nervosa ist die massive Verweigerung eines alters- und körpergrößenadäquaten Gewichtes. So beträgt der BMI weniger als 17,5 kg/m2. Der Gewichtsverlust ist bewusst und selbst herbeigeführt. Ein weiteres Charakteristikum stellt die massive Befürchtung der Gewichtszunahme, auch bei Untergewicht, dar", so Strnad.
Die Symptome der AN sind Ich-synton, aus diesem Grund besteht auch kaum Krankheitseinsicht. Die Krankheit wird von den PatientInnen verleugnet oder als harmlos dargestellt, der therapeutische Zugang ist somit oft erschwert. Bei den zu unterscheidenden Subtypen der AN handelt es sich um den restriktiven und den bulimischen Typ: Der restriktive Typ leidet weder an Essanfällen noch an selbstinduziertem Erbrechen oder Laxantien- und Diuretikaabusus.
Beim bulimischen Typ hingegen finden sich regelmäßig Essanfälle oder Erbrechen sowie Laxantien- und Diuretikamissbrauch.

Bulimia nervosa

Oft sind PatientInnen mit BN trotz wiederholt auftretender Heißhungeranfälle normalgewichtig, jedoch finden sich häufig Zeichen von Mangelernährung.
"Gekennzeichnet sind diese Essanfälle durch Zufuhr großer Nahrungsmengen, die in kurzer Zeit verzehrt werden, sowie dem begleitenden Gefühl, mit dem Essen nicht mehr aufhören zu können", erklärt Strnad. Vom Kompensationsverhalten ist es abhängig, ob die Betroffenen dem "Purging-Type" angehören, der selbst herbeigeführtes Erbrechen, Laxantien oder Diuretikamissbrauch zur Gewichtsregulation einsetzt, oder zum "Non-purging-Type", der exzessiv Sport treibt oder Fastenkuren durchführt.

Binge Eating Disorder

Diese Essstörung ist durch rezidivierende Episoden von Essanfällen gekennzeichnet, die jenen der Bulimie gleichen.
Zusätzlich treten als Zeichen des Kontrollverlustes bestimmte Verhaltensauffälligkeiten hinzu:

  • schnelles Essen

  • unangenehmes Völlegefühl

  • Nahrungszufuhr ohne Hungergefühl

  • Die PatientInnen essen alleine

  • sie fühlen sich nach einem Essanfall abstoßend

Bei dieser Form der Essstörung kommt es zu keinem regelmäßigen Kompensationsverhalten gegen die drohende Gewichtszunahme.

Strnad: "Zum Verlauf der Anorexie ist zu betonen, dass es in 20 Prozent zu einer Chronifizierung der Erkrankung kommt und die Zehnjahresmortalität bei nahezu sechs Prozent liegt." PatientInnen mit bulimischer Anorexie haben im Vergleich zum restriktiven Subtyp aufgrund der internistischen Komplikationsrate eine deutlich schlechtere Prognose. BulimikerInnen hingegen weisen bei gleicher Mortalität eine höhere Rückfallsrate auf.

Therapeutische Intervention

"Die Anorexie ist aufgrund der Schwere sowie der Tendenz zur Chronifizierung multimodal sowie möglichst frühzeitig zu therapieren. Bei ausgeprägter, nicht selten lebensbedrohlicher Untergewichtigkeit, die zumeist von massiven Elektrolytverschiebungen begleitet ist, bedarf es einer stationären Behandlung zur Gewichtsrestitution sowie zum Ausgleich des Elektrolythaushaltes", so Strnad.

Psychotherapie - Standard in der Therapie von Essstörungen

Psychotherapie (kognitive Verhaltenstherapie, systemische Therapie sowie tiefenpsychologische Ansätze) ist Standard in der Behandlung der Essstörungen und wird neben Selbsthilfemanualen eingesetzt.
Psychopharmakologisch zeigt sich die Gabe des Neuroleptikums Olanzapin aufgrund der gewichtssteigernden Nebenwirkung viel versprechend, diesbezüglich sind weitere Untersuchungen ausständig.
In der Bulimiebehandlung stellt die Psychotherapie das "Mittel der ersten Wahl" dar. Antidepressiva sind bei entsprechender Indikation zusätzliche Therapiemaßnahme, zum Beispiel konnte in zahlreichen Studien die direkte antibulimische Wirksamkeit von Fluoxetin bei gleichzeitig guter Verträglichkeit belegt werden.
Die Bulimiebehandlung sollte nach einem Stufenplan (stepped-care programm) erfolgen. Hier stehen Selbsthilfemanuale und Psychotherapie im Vordergrund, der Einsatz eines Antidepressivums, zum Beispiel Fluvoxamin, führt ergänzend zur Reduktion der Essanfallshäufigkeit.

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