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Orthorexie: Grauzone der Essstörungen

Neben Bulimie, Anorexie und Adipositas taucht ein neues, grenzgängerisches Krankheitsbild am Horizont der Essstörungen auf: die pathologische Fixierung auf gesunde Ernährung.

„Essen ist mehr als Ernährung.“ Mit diesem Satz eröffnete Prof. Dr. Michael Kunze, Vorstand des Sozialmedizinischen Institutes der Universität Wien, eine Diskussionsrunde um den neu eingeführten Begriff der Orthorexie. Neben Stressbewältigung stehen Lustgewinn und – von zunehmender Wichtigkeit – das soziale Ereignis des gemeinsamen Essens im Vordergrund. Kunze: „In unserer Gesellschaft leben viele in relativem Überfluss, worauf die Anorexie als Essensverweigerung eine reaktive pathologische Entwicklung darstellt.“
Auch entwicklungsgeschichtlich kommen wir aus dem permanenten Nahrungsmangel und der Frage „Was werde ich morgen essen?“ hin zur Ritualisierung des regelmäßigen Essens – in unserem Kulturkreis drei Mal täglich, wovon zumindest eine der Mahlzeiten warm sein sollte. In Österreich finden sich als Extrempositionen die AnorektikerInnen und die Adipösen, mit diversen Abstufungen dazwischen. Neben Bulimie, Anorexie und Adipositas taucht nun ein neues, grenzgängerisches Krankheitsbild am Horizont der Essstörungen auf: die Orthorexie. Zur Begriffsdefinition der Orthorexie erklärte Doz. Dr. Ingrid Kiefer, ebenfalls vom Institut für Sozialmedizin der Universität Wien, dass unter „ortho“ mittel, gerade zu verstehen ist und „Orexie“ sich auf Appetit bezieht. Die Beschäftigung mit gesundem, richtigem Essen und die krankhafte Sorge darum rückt in den Vordergrund.

Seltener als Anorexie

Die Prävalenz dieser krankhaften Beschäftigung mit gesundem Essen liegt deutlich unter der Anorexiehäufigkeit. Vorwiegend betroffen sind auch hier wieder junge Frauen zwischen dem zweiten und vierten Lebensjahrzehnt. Häufig steht am Beginn der Erkrankung die Beschäftigung mit gesunder Ernährung im Rahmen einer Diät zur Gewichtsreduktion. Auffallend ist die verminderte Genussfähigkeit während des Essens und die eingeschränkte Nahrungsmittelvielfalt. Im Speiseplan dominieren Obst und Gemüse die Mahlzeiten.

Das Umfeld wird missioniert

Mit Fortschreiten der Orthorexie, der strikten Einteilung in „gute und schlechte“ Nahrungsmittel, wird zunehmend versucht, auch die Umgebung, also Familie und Freunde, zu dieser „gesunden Ernährungsform“ zu bekehren. Die Pathologisierung beginnt, wenn der Partner, die Kinder nicht mehr essen dürfen, was sie wollen. Gefolgt ist dieses Stadium zumeist von der Ausweitung der „Missionstätigkeit“ auf den Arbeitsplatz und von sozialem Rückzug. Gesund, ausgewogen und reichlich überlegt ist der Speiseplan. Um die Beschäftigung mit gesunder Nahrung und Ernährung nicht a priori zu pathologisieren, ist es sinnvoll zu betonen, dass der Krankheitsbeginn ein schleichender ist. Zur „Normalisierung“ des Essverhaltens bedarf es des Wiedererlernens einer „ungestraften“ Genussfähigkeit, die ohne Angst oder Zwang lustvoll aus der Vielfalt des Nahrungsangebotes wählen lässt. Eine Prädisposition durch entsprechende Persönlichkeitsstruktur kann es durchaus erforderlich machen, mit psychotherapeutischer Unterstützung die Bewusstheit wiederzuerlangen, aus der Reichhaltigkeit des Warenangebotes unbesorgt wählen zu lernen.

Es gibt keine allgemeingültigen Ernährungsempfehlungen! Bereits im frühen Kindesalter ist es sinnvoll, Kinder spielerisch an das Thema Ernährung heranzuführen, anstatt interessante Speisen diskussionslos zu verbieten. Unsere Jüngsten sollen frühzeitig lernen, aus der Vielfalt bewusst auszuwählen und sich damit für oder gegen etwas zu entscheiden. So zeigt auch das strikte Verbot bestimmter Speisen oft die gegenteilige Wirkung zum gewünschten Erfolg, denn „Ausschluss macht interessant“.

Buchtipp:
„Besessen vom Essen“
Autoren: Prof. Dr. Johann F. Kienzl, Doz. Mag. Dr. Ingrid Kiefer, Prof. Dr. Michael Kunze,
Kneipp Verlag

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