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Antiepileptikum als Therapieansatz bei Esssucht

Entwicklungs- und Persönlichkeitsstörungen können eine latente oder manifeste Esssucht sowie Bulimie oder Anorexia nervosa auslösen. Die Prävalenz von Essstörungen nimmt vor allem in Industrieländern zu. Für zehn Prozent aller Magersüchtigen und bis zu 20 Prozent aller Bulimikerinnen endet die Krankheit tödlich. Das Antiepileptikum Topiramat stellt einen neuen Therapieansatz bei Essstörungen dar.

"Mehr Kraft hätte ich sehr gerne. Aber ich werde hysterisch, wenn die Zahl auf der Waage steigt", viele Frauen kontrollieren ihr Gewicht mehrmals täglich. Fühlen sie sich zu schwer, werden sie nervös und fürchten, völlig die Beherrschung zu verlieren und "unbeschreiblich fett?zu werden. Manche Frauen halten ihr geringes Gewicht durch Hungern, andere auch durch tägliches Erbrechen.
200.000 Österreicherinnen leiden an der Krankheit Anorexie (Magersucht) oder Bulimie (Ess-Brech-Sucht). Tendenz steigend. Für zehn Prozent aller Magersüchtigen und bis zu 20 Prozent aller Bulimikerinnen endet dieser Leidensweg tödlich. Der gemarterte Körper zerstört aber schon lange davor jede Lebensqualität.

Selbstwertgefühl über das „Hungern“

Im Leben der Magersüchtigen dreht sich alles ums Essen. Sie gehen den Gerüchen der Lebensmittel nach, nur um vom Essen zu träumen. Sie holen sich aber ihr Selbstwertgefühl ?ber das "Hungern". Bis es so weit kommt, ist bereits viel falsch gelaufen - oft schon von Kindheit an, vor allem durch überfürsorgliche Mütter. Traumen in der Kindheit sind aber nur eine Wurzel des Übels. "Letztendlich sind die Gründe für diese schweren psychischen Krankheiten vielfältig", sagt Beate Guldenschuh, die für ihr Buch "Wege aus der Essstörung" den Lebensweg von 56 Betroffenen nachgezeichnet hat: "Es ist eine Kombination von niedrigem Selbstwertgefühl, unsicheren Bindungen, Problemen im Umgang mit Emotionen und einem negativen Körpergefühl."
Die Prävalenz von Essstörungen nimmt vor allem in Industrieländern deutlich zu. Die McKnight Studie untersuchte 1.103 Mädchen im Alter zwischen 12 und 15 Jahren drei Jahre lang auf Essstörungen. Dabei zeigte sich bei rund drei Prozent der Mädchen eine Essstörung, wobei die Ess-Brech-Sucht (Bulimie) deutlich im Vordergrund stand, gefolgt von Esssucht (binge eating disorder). In dieser Untersuchung konnte noch kein Fall von Anorexia nervosa festgestellt werden, weil diese Essstörung meist bei älteren Teenagern auftritt.

Persönlichkeitsstörungen als Prädisposition für Esssucht

Anderluh und Mitarbeiter versuchten mit Hilfe einer gezielten Umfrage retrospektive Informationen über Essstörungen und ihre prädiktiven Risikofaktoren zu erhalten.
Zahlreiche Persönlichkeitsstörungen stellen eine Prädisposition für Essstörungen dar: Perfektionismus, Inflexibilität, Zwanghaftigkeit, übertriebener Ordnungssinn sowie exzessiver Zweifel und übermäßige Vorsicht. Zwei Drittel der Patienten mit Anorexia nervosa und ein Drittel der Patienten mit Bulimie berichteten über ihren extremen Perfektionismus und ihre strenge Kindheit. Anorexia nervosa wird auch als Fett- und Ess-Phobie sowie als sexuelle Reifungsphobie bezeichnet. Durch die Beibehaltung einer untergewichtigen Erscheinung im Sinne des "Peter Pan" verhindert der anorektische Jugendliche seine sexuelle Reifung und die damit verbundene Verantwortung. Woodside und Mitarbeiter konnten in einer Studie zeigen, dass Mütter von Patienten mit Essstörungen oft an einem weitaus höheren Perfektionismus leiden als Mütter von gesunden Jugendlichen.
Im Gegensatz zur Anorexia nervosa tritt die Esssucht (binge eating disorder) meist mit Adipositas in Erscheinung. Diese Patienten können mit Hilfe von kognitiven Verhaltenstherapien nur geringe Verbesserungen ihrer Essstörung erzielen. Eine im Februar 2003 veröffentlichte Placebo-kontrollierte, doppelblinde, randomisierte Studie, in welcher Patienten mit Esssucht Topiramat (Topamax®) erhielten, zeigte erfolgsversprechende Ergebnisse. Zusätzlich zur günstigen Beeinflussung ihres Essverhaltens erzielten die Patienten unter Topiramat eine signifikante Gewichtsabnahme.

Doppelblinde zehnwöchige Studie

Fred Reimherr und Mitarbeiter verabreichten im Rahmen einer randomisierten, doppelblinden, zehnwöchigen Studie an insgesamt 69 Patienten mit Bulimie entweder Topiramat oder Placebo.
In zahlreichen Testverfahren, beispielsweise Eating Disorder Inventory Scale, Eating Attitudes, Hamilton Anxiety und Depression Scales, zeigten die Patienten unter Topiramat deutlich bessere Ergebnisse als die Placebogruppe. Die Verbesserungen betrafen sämtliche Bulimie-typischen Essstörungen.
Außerdem konnten das Selbstwertgefühl, die Zufriedenheit und das Körpergewicht der Patienten günstig beeinflusst werden.

Quellen: Susan L. McElroy, M.D. et al.,
Am J Psychiatry 160:2, February 2003;
Fred Reimherr, MD et al., Topiramate in the Treatment of Bulimia Nervosa: Additional
Efficacy, presented at the American Psychiatric Association 155th Annual Meeting;
Internet: www.nedic.ca;
www.nationaleatingdisorders.org; www.dfi-luzern.ch/suchtpraevention/1500.htm;  
www.drogenhilfe.at/info/infocenter/i-c-20001204.htm;
www.anad-pathways.de;

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