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© (2) Brigindohof
Alpacas sind gutmütige und freundliche Tiere, trotzdem distanziert. Die Annäherung muss in kleinen Schritten erfolgen. (Bei den Personen auf diesen Fotos handelt es sich nicht um Klienten.)

Die ersteBerührung erfolgt meist noch nicht gleich im Rahmen der ersten Begegnung.

 

Tiergestützte Therapie

Behandlungsoption für eine breite Palette an Erkrankungen.

Die Tiergestützte Therapie (TGT) stellt eine nicht-medikamentöse Behandlungsoption in der Versorgung von Klienten mit psychischen Belastungszeichen dar. Ob diese krankheitswertig sind oder noch nicht, spielt dabei eine untergeordnete Rolle. Das „Österreichische Institut für Alpaca-Therapie & Forschung“ (Austrian Institute for Alpaca Therapy & Research, AIATR) bietet diese Möglichkeit als einzige autorisierte Institution in Österreich an.

Die TGT ist eine besondere Form der Beziehungsarbeit, fokussiert also auf Sozialisierungsstörungen. Das Tier ist dabei aber weder „die Therapie“ noch „der Therapeut“. Vielmehr fungiert es zunächst „diagnostisch“, indem es die momentane Befindlichkeit des Klienten widerspiegelt. In weiterer Folge kommt dem Therapietier dann eine klare Symbolfunktion zu: Es steht im Verlauf der Behandlung oft als Stellvertreter in der Bewältigung eines konkreten sozialen Problems.

Dieser Therapieansatz ist ein relativ junger. Erst vor 20 Jahren begann man, sich mit den therapeutischen Möglichkeiten des Einsatzes von Tieren intensiver zu befassen. Große Studien zum Therapieerfolg liegen bislang noch nicht vor. Lediglich Erfahrungsberichte und kleinere Studien belegen die Wirksamkeit der TGT.

Rehavention

Prinzipiell kann die TGT in der Prävention genauso eingesetzt werden wie in der Therapie und Rehabilitation. Der Einsatzbereich ist breit und reicht von Dysthymie über ADHS, Suchtproblematik und schizoide Erkrankungen bis hin zu Fördermaßnahmen bei körperlicher und geistiger Behinderung.

Schwierige Lebenssituationen, wie etwa jene von Scheidungskindern, wären ein typischer Ansatz für die TGT als Präventiv- oder Rehabilitationsmaßnahme. Dr. Wolfgang Schuhmayer, Leiter des AIATR, fasst diese Zielgruppe unter dem Begriff „Rehavention“ zusammen.

Es geht dabei um die Behandlung psychischer Belastungszeichen, die eigentlich noch ohne Krankheitswert sind, wie z. B. Konzentrationsstörungen, Lernschwächen und Schuld- oder Minderwertigkeitsgefühle bei Kindern. Eine sich entwickelnde Krankheitsspirale soll mit der TGT schon im Anfang gestoppt werden. Denn, so Schuhmayer: „Je länger sich solche Symptome manifestieren, desto höher ist das Potenzial einer krankheitswertigen Progression.“

Breites Einsatzgebiet bei Kindern

Differenzialdiagnostisch sind laut Schuhmayer bei jüngeren Kindern vor allem ADHS, Depression, PTSD und das Spektrum der Autismuserkrankungen zu beachten. Bei Jugendlichen kommt noch der schizoide Formenkreis hinzu. Stark traumatische Erlebnisse wie Trennungen und Verluste können bestehende Vulnerabilitäten für psychische Erkrankungen triggern. Wenn nicht sicher ist, ob es sich um eine Symptomatik mit Krankheitswert handelt, sollte die Bewertung der Kinder- und Jugendpsychiatrie überlassen werden. Das gilt insbesondere für das Aussprechen der Diagnose ADHS, da diese Erkrankung häufig mit anderen psychischen Störungen vergesellschaftet ist, so Schuhmayer.

ie TGT diagnostiziert allerdings selbst nicht, sie leistet vielmehr konstruktive Behandlungsarbeit im nicht-medikamentösen Bereich. Damit kommt sie dem Wunsch vieler Eltern nach einer Therapie,, die ohne Pharmaka auskommt, entgegen.

Alpaca-Therapie

Nach den gültigen nationalen und internationalen Standards ist das AIATR in Gföhl im Waldviertel derzeit die einzige zur TGT mit Alpacas autorisierte Institution in Österreich und damit die erste ihrer Art.

Alpacas eignen sich besonders gut für die TGT. Sie sind Menschen gegenüber freundlich und gutmütig eingestellt und spucken auch selten nach Menschen. Sie sind intelligent, neugierig und liebevoll. Diese sanften Eigenschaften und ihre beruhigende Art lieben besonders Kinder. Bei aller Neugierde und Gutmütigkeit zeigen sie aber doch auch eine gewisse Distanziertheit gegenüber Neuankömmlingen, die es schrittweise zu überwinden gilt. Bei der Therapie ist also eine sensible aktive Beteiligung aller Beteiligten gefragt.

Ablauf der Therapie

Das konkrete Vorgehen erfolgt nicht nach standardisierten Krankheitsbildern, sondern wird an jeden Klienten individuell angepasst. Bisweilen erfolgt die Auswahl des Settings sogar unter Berücksichtigung der Tagesverfassung.

Zu Beginn wird ein Assessment-Gespräch geführt, bei dem körperliche, psychische und soziodynamische Faktoren möglichst umfassend erfragt werden. Dieses Gespräch dauert etwa zwei Stunden. Nur so kann der Status quo genau erfasst und das Therapieziel exakt definiert werden.

Am Ende dieses Erstgesprächs steht ein kurzer Besuch auf der Weide, um einen ersten Kontakt mit dem Therapietier herzustellen. Die Annäherung erfolgt in äußerst kleinen Schritten. Das Tier zu berühren, ist bei der ersten Begegnung meist noch nicht vorgesehen.

Die wöchentlichen Therapieeinheiten dauern jeweils mindestens 50 Minuten. Im weiteren Verlauf steht die Beziehungsarbeit im tierassistierten Setting im Zentrum der Bemühungen. Diese richtet sich nach den individuelle erarbeiteten Therapiezielen und enthält dementsprechend psychoedukative und/oder soziotherapeutische Elemente. „In den meisten Fällen geht es – vereinfacht formuliert – um eine gezielte Verbesserung der Sozialkompetenz, wobei Gespräch und gezielter Umgang oder bestimmte Übungen mit den Tieren im Wechsel stehen“, erklärt Schuhmayer. Die wesentlichen Erfolgsvoraussetzungen sind dabei eine natürliche stille Umgebung und die uneingeschränkte Aufmerksamkeit des Therapeuten.

Derzeit ist diese Therapie ausschließlich auf rein privater Basis verfügbar und muss von den Klienten selbst getragen werden.

Nähere Informationen: www.alpacatherapie.at

Quelle: Schuhmayer W: Das verhaltensauffällige Kind, pädiatrie & pädologie 2012; © Springer Verlag GmbH

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