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Krank ist krank – ob physisch oder psychisch

Von essenzieller Bedeutung ist die Entstigmatisierung.

Was bedeuten psychische Erkrankungen für den Einzelnen sowie die Gesellschaft und wie stellt sich die Versorgungssituation in Österreich dar? Antworten auf diese Fragen gaben Experten im Rahmen eines Presseforums.

Psychische Erkrankungen zählen schon jetzt in Europa zu den am häufigsten gestellten Diagnosen, vor allem im erwerbsfähigen Alter. „Besonders bedeutend sind mit 10 bis 20 Prozent affektive Erkrankungen, zu denen auch Depressionen gehören, Angsterkrankungen mit 14 bis 25 Prozent, Anpassungsstörungen, einschließlich des sogenannten Burn-out Syndroms mit 20 bis 50 Prozent und Suchterkrankungen mit einer Prävalenz von 15 bis 27 Prozent“, berichtete Gesundheitsökonom Prof. Dr. Bernhard Schwarz, Zentrum für Public Health der MedUni Wien. Die WHO-Prognose 2030 für Industriestaaten sieht sogar unipolare Depressionen an erster Stelle der Krankheitslast, vor kardiovaskulären Erkrankungen. Psychiatrische Leiden verursachen durchschnittlich längere Krankenstände mit durchschnittlich 40 Tagen gegenüber 11 Tagen bei anderen Erkrankungen. Trotz des großen medizinischen Bedarfes gäbe es in Österreich zu wenig Fachärzte für Psychiatrie, kritisierte Schwarz..

Paradigmenwechsel bei der Einschätzung der Krankheit

Immer noch ist der Begriff „psychisch krank“ mit Vorurteilen und Unkenntnis behaftet, der sich in einem abwertenden Umgang mit den Betroffenen zeigt. „Reiß Dich zusammen, das wird schon wieder“, sind häufig die verständnislosen Ratschläge. „Es ist Zeit für einen Paradigmenwechsel in der Einschätzung der Krankheiten. Psychische Erkrankungen sind ebenso zu beurteilen wir Körperliche“, betonte Dr. Georg Psota, Chefarzt des Kuratoriums für psychosoziale Dienste in Wien. „Sie haben viele gemeinsame Merkmale, innere und äußere Faktoren spielen in Interaktion eine Rolle, sie treten schleichend oder akut auf, episodisch oder chronisch, in allen Lebensaltern und bei beiderlei Geschlecht, sie sind keine homogene Gruppe“.

Was ist objektivierbar ?

Ein Beinbruch ist leicht objektivierbar, sind es psychische Erkrankungen auch? Diese Frage wird immer wieder gestellt. „In der Regel nein“, antwortet darauf Prof. DDr.Gabriele Sachs, ärztliche Direktorin der Oberösterreichischen Landes-Nervenklinik Wagner-Jauregg, Linz. „Die Beobachtung einzelner Symptome erlaubt jedoch recht objektive Einordnungen eines Krankheitsgeschehens. Diagnosen stützen sich jedenfalls auf charakteristische Symptome in ihrem charakteristischen Verlauf.“ Die Bewertung einzelner Symptome sei dagegen schwierig, weil sie der Patient freiwillig und wahrheitsgemäß berichten muss.

Ganzheitliches Krankheitskonzept: Umwelt-Interaktion

Ein ganzheitliches Krankheitskonzept, die Interaktion von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren ist ein wesentlicher Ausgangspunkt für die Planung von pharmakologischen und psychotherapeutischen Interventionen. Die Kombination von Psychotherapie und Psychopharmakologie hat sich dabei gegenüber anderen Therapien als überlegen erwiesen. Die Kognitive und Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie und die Gesprächspsychotherapie sind dabei anerkannte Methoden mit empirisch erbrachtem klinischen Wirknachweis. In den letzten Jahren wird vermehrt eine störungsspezifische Therapie zielgerichtet auf Symptomatik praktiziert.

Hinsichtlich der Verschreibung von Psychopharmaka wies Schwarz darauf hin, dass Medikamente wie Antidepressiva, Antipsychotika und Stimmungsstabilisierer kein Abhängigkeitspotenzial haben. Diese Medikamente erreichen erst nach einigen Tagen ihren Wirkungsspiegel im Blut. Gewisse Psychopharmaka hingegen, wie die Benzodiazepine, sind Suchtstoffe und haben ein Abhängigkeitspotenzial.

Umweltbedingte Risikofaktoren

Ein wichtiger umweltbedingter Faktor für die Entwicklung von Psychosen ist das Aufwachsen in Städten, das ein um mehr als das Zweifache erhöhtes Risiko bedingt. Bei Immigranten, ebenso bei Kindheitstraumata, physischer und psychischer Gewalt, sexuellem Missbrauch steigt das Risiko einer psychischen Erkrankung ebenso wie durch den Konsum von Cannabis. Hingegen zeigt eine Studie, in der 1.900 Personen über einen Zeitraum von zehn Jahren untersucht wurden, dass sozioökonomische Faktoren oder der Konsum anderer Drogen keinen Einfluss haben.

Quelle: Presseforum Psychiatrie „Was heißt ‚psychisch krank‘?“, 20. Februar 2013, Wien.

G. Niebauer, Ärzte Woche 10/2013

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