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Wenn Mutterglück zur Depression führt

Eigentlich sollte alles so toll sein: Die Geburt des herbeigesehnten Töchterchens oder Söhnchens ist geschafft, die Anstrengung ist vorbei, jetzt müsste die frisch gebackene Mutter eigentlich erschöpft in den Kissen liegen und mit einem seligen Lächeln ihr neues Familienmitglied begutachten.

Bei 80 Prozent Baby-Blues

Doch die Praxis sieht oft anders aus: Viele Mütter verspüren leider nach der Geburt gar nichts vom überströmenden Glück - im Gegenteil. Sie weinen, sind erschöpft und können sich nicht richtig über den Familienzuwachs freuen. "Das ist der Baby-Blues", erklärte Prof. Dr. Heinz Katschnig, Klinikvorstand der Psychiatrie im Wiener AKH und Initiator des 10. State-of-the-Art-Symposiums zum Thema "Mutterglück und Mutterleid - Diagnose und Therapie der postpartalen Depression" am 13. Jänner 2001 im Etablissement Ronacher, Wien.

Etwa 80 Prozent der Frauen leiden am Baby-Blues. "Doch die Symptome des Baby-Blues gehen rasch vorüber und verschwinden gewöhnlich von selbst so schnell, wie sie gekommen sind", sagte Dr. Claudia Klier, Fachärztin für Psychiatrie und Neurologie im AKH-Wien. Die Ursachen sind noch nicht restlos geklärt. Zu einem Gutteil dürfte das "heulende Elend" aber mit der Hormonumstellung nach der Geburt zusammenhängen. Eine weitaus schlimmere Erkrankung, die nach der Geburt eines Kindes auftreten kann, wird als so genannte postpartale Depression (PPD) bezeichnet. Etwa jede sechste Frau leidet darunter. Häufig tritt sie zwischen dem dritten und sechsten Monat nach der Geburt eines Kindes auf. "Eine solche postpartale Depression liegt dann vor, wenn Symptome wie Antriebslosigkeit, Freudlosigkeit, Müdigkeit, Schuldgefühle, Ängste und Reizbarkeit länger als 14 Tage andauern", erklärte Katschnig. Das Problem laut Klier: "Nur wenige Mütter finden den Weg in eine Behandlung, und dann wird ihnen leider oft das Falsche gesagt, zum Beispiel: ’Naja, Frauen geht es immer schlecht nach der Geburt.’ Dann heißt es, sie sollen sich zusammenreißen." "Zusammenreißen" - das hat Menschen mit Depressionen noch nie geholfen. Die derzeitige Behandlungsstrategie der postpartalen Depression: Zwar legen sich die Symptome zumeist nach sechs bis neun Monaten, doch jede Betroffene muss in ärztliche Behandlung kommen.

Psychotherapie bevorzugt

Die Psychiaterin: "Die Mutter hat in dieser Zeit eine schwierige Aufgabe, nämlich ein Baby zu versorgen. Viele Mütter sind nach der Depression oft sehr traurig, weil sie gleichsam das erste Jahr mit ihrem Baby versäumt haben." Die Therapie der PPD erfolgt heute meistens auf zwei Ebenen: Medikamentös und/oder psychotherapeutisch, wobei viele Frauen psychotherapeutische Verfahren bevorzugen. Manche antidepressiv wirkende Medikamente dürfen, wenn das Kind gesund ist, auch während des Stillens eingenommen werden.

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