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Die echte Gefahr im Hintergrund erkennen

Stress, Mobbing im Beruf und hohe Belastungen durch die moderne Leistungsgesellschaft - wer kennt das nicht? Diese Lebensumstände sind als Ursache von "Volksleiden" zwar bekannt, die angebotenen Strategien zur Erhaltung der Gesundheit finden aber kein allzu wirkungsvolles Echo.

500.000 Depressive

Nicht nur erhöhte Cholesterinwerte bedeuten Gefahr im Verzug, auch die Depression schwebt über den Köpfen der Österreicherinnen und Österreicher. Schätzungen zufolge leiden derzeit etwa 500.000 an Depressionen. Vor diesem Hintergrund präsentierte die neu gegründete Österreichische Gesellschaft für depressive Erkrankungen (ÖGDE) vergangene Woche ihre Pläne. "Zunächst müssen wir uns fragen, wie wir unseren Lebensstil ändern können, um in weniger depressionsfördernde, depressionsbedingte Umstände zu geraten", sagte der Präsident der neuen Gesellschaft, Prof. Dr. Hans-Georg Zapotoczky, Graz. "Ein Umdenken ist notwendig, das auch Folgen auf das ärztliche Handeln hat." Zum Umdenkprozess soll einerseits eine bessere Ausbildung beitragen, deren Hauptkomponente Erfahrung mit Patienten sein müsse.
"Auch die neuen Curricula für das Medizinstudium sehen eine Ausweitung der Ausbildung in Psychiatrie vor", ergänzte Prof. Dr. Hartmann Hinterhuber aus Innsbruck, ebenfalls Präsident der ÖGDE. Dafür seien die Konzepte aber noch nicht ausdiskutiert. Nur durch eine bessere Ausbildung der Ärzte könnten Depressionen häufiger und vor allem auch frühzeitig erkannt werden.

Alle Altersgruppen

"Das Fatale an dieser Krankheit ist, dass sich die psychischen Symptome oft hinter organischen Beschwerden verstecken und auch keine Altersgruppe davon ausgenommen ist", betonte Zapotoczky. Dies treffe für jeden fünften bis sechsten Patienten in der Praxis eines Allgemeinmediziners zu. Früherkennung und Abbau der Hemmschwelle, einen Psychiater zu konsultieren, sollen auch die hohen Suizidrate bei depressiven Menschen reduzieren. "Dies gilt insbesondere im Bereich der Gerontopsychiatrie", erklärte OA Dr. Georg Psota, Wien, Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Gerontopsychiatrie. "Bei über 75-Jährigen ist die Suizidrate dreimal so hoch wie im Bevölkerungsdurchschnitt."

Das Verkennen depressiver Symptome gelte ganz besonders für alte Patienten, deren depressive Wahrnehmung häufig sehr körperbezogen sei. Ähnlich wie bei Schmerzmitteln, kämen hier die gut dokumentierten und gut wirksamen modernen Antidepressiva zu wenig zum Einsatz. Die Lösung der mit depressiven Erkrankungen verbundenen Probleme kann nur, so die Experten, im Übergreifen fachgerechter Strategien auf andere medizinische Fächer liegen. Aufgrund der zu erwartenden hohen Patientenzahlen, aber auch wegen der nach wie vor weit verbreiteten Scheu, zu einem Facharzt für Psychiatrie zu gehen, steht eine intensivere Zusammenarbeit mit den Ärzten für Allgemeinmedizin ganz oben auf der Wunschliste der neuen Gesellschaft.

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