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Junge besonders betroffen

Psychische Störungen verursachen weltweit die meisten Krankheitsjahre.

Psychische Probleme kosten weltweit die meisten gesunden Lebensjahre. Sie sind Ursache für knapp ein Viertel der mit Krankheit und Behinderung verbrachten Zeit. Immer mehr an Bedeutung gewinnen auch neurologische Leiden.

Etwa elf Prozent ihrer Lebenszeit verbringen Menschen mit Krankheiten und Behinderungen, und den größten Einzelbeitrag zu dieser Last liefern psychische Erkrankungen. Depressionen, Angststörungen, Schizophrenie, Alkoholmissbrauch sowie 18 weitere psychische Störungen sind nach der „Global Burden of Disease Study 2010“ Ursache für weltweit knapp 23 Prozent aller Krankheitstage und -jahre. Sie liegen damit noch vor Muskel- und Skeletterkrankungen sowie Infektionen. Die Daten dieser großen Studie wurden in einer Sonderausgabe der Zeitschrift „The Lancet“ veröffentlicht.

Die Bedeutung psychischer und auch neurologischer Erkrankungen ist in den vergangenen 20 Jahren zudem deutlich gestiegen. Zwar belegten sie in einer Studie aus dem Jahr 1990 auch schon Spitzenplätze, haben ihre Position aber weiter ausgebaut. Während die Zahl der Krankheitsjahre durch armutsbedingte Erkrankungen wie schwere Infektionen oder Mangelernährung bezogen auf die Populationsgröße um etwa ein Fünftel zurückging, nahm die Zahl der psychisch bedingten Krankheitsjahre um fünf Prozent und die der neurologisch verursachten um über zwölf Prozent zu.

Depression bei verursachten Krankheitsjahren auf Platz 2

Hauptgrund für die globale Bedeutung psychischer Erkrankungen ist die hohe Prävalenz von Depressionen. Werden die einzelnen Diagnosen danach angeordnet, wie viel gesunde Lebenszeit sie kosten, dann sind Depressionen hinter chronischem Rückenschmerz die zweitwichtigste Ursache, Angststörungen liegen auf Platz 7, Drogenabhängigkeit auf Platz 12, Alkoholsucht auf Platz 15, Schizophrenie auf Platz 16 und bipolaren Störungen auf Platz 18. Bei den neurologischen Krankheiten liegen Migräne (Platz 8) und Epilepsie (20) an der Spitze, Alzheimer folgt erst an 24. Stelle.

Die Auswertung zeigt, dass psychische Störungen vor allem bei jungen Erwachsenen und im mittleren Lebensalter ein Problem sind: Hier wird etwa ein Drittel aller Krankheitstage durch psychische Störungen verursacht. Dagegen steigt die Bedeutung neurologischer Leiden vor allem im höheren Lebensalter.

Alkoholsucht vor allem in Osteuropa und Lateinamerika

Interessant sind auch die regionalen Unterschiede: Liegen Depressionen als Krankheitsursache in allen Weltregionen auf einem der ersten drei Plätze, so ist der Alkoholmissbrauch vor allem in Osteuropa und Lateinamerika ein Problem. Schizophrenie wiederum trägt in Afrika und Westeuropa deutlich weniger zur Krankheitslast bei als im Rest der Welt. Dagegen ist Morbus Alzheimer in Westeuropa der zehntwichtigste Einzelfaktor, in Afrika aber ohne Bedeutung, was sich wohl mit der unterschiedlichen Lebenserwartung erklären lässt. Auffallend ist auch der geringe Beitrag von Epilepsie zur Krankheitslast in Industrieländern (zwischen 32. und 44. Stelle) – in Mittelamerika schafft es das Leiden auf Platz 9. Da die Prävalenzen von Epilepsien weltweit ähnlich sind, lassen sich die Unterschiede wohl am besten mit der guten medikamentösen Versorgung in Industrienationen deuten.

Gravierende Folgen werden verkannt

Addiert man zu den mit Krankheit verbrachten Lebensjahren auch diejenige Lebenszeit, die durch vorzeitigen krankheitsbedingten Tod verloren geht, so verschiebt sich das Ursachenspektrum: Bei diesen „disability-adjusted life years“ (DALY) liegen global betrachtet Infektionserkrankungen und neonatale Störungen als Ursachen mit großem Abstand an vorderster Stelle.

In der Altersgruppe von 15 bis 30 Jahren verursachen psychische Störungen aber ähnlich viele DALYs wie Infektionen. Zudem zeigen sich auch hier deutliche Verschiebungen. Während die Zahl der DALYs durch Infekte in den vergangenen 20 Jahren bezogen auf die Bevölkerungsgröße fast um die Hälfte abnahm, steigerte sich die der Zahl der DALYs bedingt durch psychische Störungen um sechs Prozent, durch neurologische Störungen gar um 17 Prozent. Bei den Einzeldiagnosen liegt die Depression hier auf Platz 11 der wichtigsten Ursachen für Tod und Krankheit, vor 20 Jahren war es noch Platz 15. Ganz oben auf der Liste platziert sind inzwischen ischämische Herzerkrankungen, gefolgt von Atemwegsinfekten und Schlaganfall. In Westeuropa steht die Depression allerdings bereits an vierter Stelle nach Rückenschmerz, Herzinfarkt und Schlaganfall.

Die Studienautoren kommen aufgrund dieser Daten zu der Schlussfolgerung, dass die gravierenden Folgen gerade bei psychischen Störungen noch immer verkannt werden. Es sei dringend nötig, effektive und kostengünstige Strategien zu entwickeln, um die immense globale Last durch psychische Krankheiten zu senken.

 

springermedizin.de , Ärzte Woche 5/2013

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