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Dysthymie - die stille Verzweiflung

Bis zum Ende der 80er-Jahre galt die Dysthymie in Anlehnung an die Wortwurzeln (dys = gestört, thymos = Stimmung) als depressionsähnliche Verstimmung und nicht als Form der Depression im eigentlichen Sinne. Man verstand darunter Menschen, die immer "völlig fertig" sind oder denen es "ständig schlecht geht". Teilweise wurde von individuellen, "natürlichen" Charaktereigenschaften gesprochen. Später wurde der Zugang zur Dys thymie deutlich differenzierter - einzelne Episoden dieser depressiven Verstimmung konnten abgegrenzt und identifiziert werden.

Oft nicht erkannt

Die Dysthymie ist eine depressionsartige Negativstimmung, die die Betroffenen über viele Jahre quält. Sie betrifft rund 250.000 ÖsterreicherInnen und wird leider oft nicht erkannt. Insgesamt findet sich ein Überwiegen der weiblichen PatientInnen, ähnlich wie auch bei der klassischen Depression. Die Dysthymie beginnt typischerweise in der späten Adoleszenz und Anfang 20. Die Betroffenen fühlen sich oft monatelang müde, niedergeschlagen, sie grübeln und schlafen schlecht, sind aber in der Regel fähig, mit den Anforderungen des täglichen Lebens fertig zu werden. Prof. Dr. Dr. h.c. Siegfried Kasper, Vorstand der klinischen Abteilung für Allgemeine Psychiatrie, AKH Wien: "Die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale gegenüber dem Vollbild einer klassischen Depression sind, dass es bei der Major Depression zu Stimmungsschwankungen kommt, die zeitlich limitiert sind und mit Monaten oder Jahren normaler Stimmung abwechseln."

Langjährige Anamnese mit hohem Leidensdruck

Die Dysthymie führt bei den Betroffenen zu einer langjährigen Vorgeschichte mit entsprechend hohem Leidensdruck. Es kommt zu zwischenmenschlichen Problemen, Substanzabhängigkeiten, niedriger Frustrationstoleranz und Rigidität, sozial-phobischem und Vermeidungsverhalten. Besonders bemerkenswert ist die hohe Inzidenz von Suiziden bei Patienten mit Dysthymie. Hinsichtlich der Ursachen bzw. des bio-organischen Hintergrundes der Dysthymie stützt man sich vorwiegend auf therapeutische Studien, die die Wirksamkeit verschiedener psychopharmakologischer Antidepressiva und auch des Schlafentzuges nachgewiesen haben. Prim. Doz. Dr. Herwig Scholz, Vorstand der Abteilung für Neurologie und Psychosomatik des LKH Villach: "Ein oft übersehenes Problem ist die Dysthymie bei älteren Menschen, da sie hier aufgrund der verminderten sozialen Kontakte oft lange unbemerkt und unbehandelt bleibt. Gerade diesen Menschen bleibt dann oft nur der totale Rückzug oder die Flucht in sedierende Substanzen."

Darüber hinaus können Dysthymien auch durch Kombinationen mit anderen Störungen so stark entstellt werden, dass ihr ursprüngliches klinisches Erscheinungsbild kaum mehr wahrnehmbar ist. Dazu zählen etwa Substanzabhängigkeiten, vor allem gegenüber sedierenden Substanzen. Scholz: "Viele Patienten mit einer ursprünglich unkomplizierten Dysthymie setzen Alkohol, Schlaf- oder Beruhigungsmittel gegen ihre hartnäckigen Schlafstörungen, Unruhezustände und Ängste ein." Zahlreiche Untersuchungen haben auch belegt, dass zwischen Dys thymien und Persönlichkeitsstörungen verschiedener Art erhebliche Wechselwirkungen bestehen: Naturgemäß trifft dies vor allem die depressiv gefärbten Persönlichkeitsstörungen, sowie ganz besonders die dependente Persönlichkeit im Sinne einer erhöhten Tendenz zu zwischenmenschlichen Abhängigkeiten. Vielfach lässt sich feststellen, dass Menschen mit schweren Dysthymien zunehmend ängstlich und unselbstständig werden und immer mehr in eine Abhängigkeit gegenüber ihrer Umgebung geraten.

"Sehr häufig kann sich auf dem Boden einer jahrelang unbehandelten Dysthymie auch eine Angststörung entwickeln, da die ständige Verunsicherung letztlich in selbstaggressive Angstsymptome transformiert wird", erläutert Scholz. Eine weitere Störungsdimension durch langzeitig unbehandelte Dysthymien sind zunehmende Beeinträchtigungen der sozialen Funktionen, die oft zu erheblichen Positionsverlusten führen. Ebenso wie die Depression kann sich auch die Dysthymie "larviert" gestalten und somit hinter verschiedenen körperlichen Funktionsstörungen, wie etwa Kopfschmerzen oder Wirbelsäulenschäden, verbergen.

Die Dauer der Erkrankung ist häufig sehr ausgedehnt: Bei 96 Prozent länger als 3 Jahre, nach fünf Jahren leiden noch immer 75 Prozent und fast die Hälfte der Betroffenen leidet länger als zehn Jahre an ihrer Dys thymie. Die Dysthymie stellt somit eine langwierige, jahrelang dauernde Erkrankung dar - ähnliches gilt für die Therapie. Da bestimmte Medikamente therapeutisch wirksam sind, legt man der Dysthymie idente oder ähnliche Stoffwechselstörungen wie der klassischen Depression zugrunde. Während bei der klassischen Depression allerdings nach zwei bis drei Wochen erste positive Wirkungen der medikamentösen Therapie nachvollziehbar sind, dauert es bis zu diesem Punkt in der Behandlung der Dysthymie oftmals drei bis vier Monate.

Kombinationstherapie am wirksamsten

Die Therapie stellt wegen der langen Behandlungsdauer hohe Anforderungen an die gute Verträglichkeit der verwendeten Substanzen. Prof. Dr. Peter Hofmann, Univ. Klinik für Psychiatrie Graz: "Vor allem SSRI´s erfüllen diese Anforderungen - zum Beispiel Paroxetin, dessen Wirksamkeit bei Dysthymie auch schon in publizierten Studien nachgewiesen werden konnte." Der Schlüssel zum Erfolg besteht vor allem in der Kombination von Antidepressiva mit Psychotherapie. Prof. Dr. Gerhard Lenz, Univ. Klinik für Psychiatrie, AKH-Wien: "Neuere Daten aus den USA weisen für diese Kombination einen Erfolg von etwa 73 Prozent auf. Die Hälfte der Betroffenen war völlig beschwerdefrei, der Rest erfuhr zumindest eine relevante Besserung."

Die Psychotherapie stützt sich in dreifacher Weise vor allem auf die kognitive Verhaltenstherapie:

  • Förderung positiv erlebter Aktivitäten
  • Veränderung dysfunktionaler Gedankenprozesse im Rahmen der negativen kognitiven Triade (negative Sichtweise bezüglich des Selbst, der Umwelt und der Zukunft).
  • Verbesserung der sozialen Kompetenz (Rechte wahrnehmen, Gefühle zeigen, Kontaktaufnahme verbessern)

Die entsprechenden Therapieprogramme dauern vier bis sechs Monate mit wöchentlichen Sitzungen.

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