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Mehr Sensibilität für Depressionen

Depressive Patienten werden zu etwa 70 bis 90 Prozent von Allgemeinmedizinern und Internisten behandelt. Nur eine Minderheit sucht psychiatrische Fachärzte auf. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, dass nur etwa 50 Prozent der depressiven Patienten in allgemeinärztlichen und internistischen Ordinationen korrekt diagnostiziert und therapiert werden.

Die niedrige Erkennungsrate in den Ordinationen von Allgemeinmeditinern und Internisten ist mehrfach begründet. Durch zeitliche und organisatorische Faktoren des Praxismanagements sowie eine verstärkte Fokussierung des Arztes auf somatisch-medizinische Symptome der Patienten und wiederum durch einen besonderen Somatisierungsstil auf Seiten der Patienten können korrekte Diagnosestellungen erheblich erschwert werden.
Wichtig ist ferner, dass bei nur etwa fünfzehn Prozent der erkannten Depressionen eine medikamentöse Therapie eingeleitet wird, und in nur sieben Prozent der Fälle erfolgt eine Behandlung mit Antidepressiva.
Der Allgemeinmediziner und der Internist besitzen gegenüber dem psychiatrischen Facharzt eine Reihe von bedeutsamen Vorteilen. Die Patienten haben aufgrund des oft schon bestehenden Vertrauensverhältnisses eine geringere Schwellenangst beim Erstkontakt.
Beim Allgemeinmediziner kommt es zu keiner sozialen Stigmatisierung. Weiters sind Allgemeinmediziner und Internisten gegenüber den Psychiatern besser erreichbar. Gerade angesichts der häufig auch chronischen Verläufe von Depressionen sind gerade diese Aspekte nicht zu gering zu bewerten.
Depressive Störungen können in ihrem klinischen Erscheinungsbild durch eine Fülle von unspezifischen somatischen Beschwerden gekennzeichnet sein.

Diagnostische Aspekte

Dazu zählen Appetitlosigkeit, Gewichtsabnahme, Schlafstörungen, Müdigkeit, Erschöpfbarkeit, diffuse Missempfindungen und Schmerzen, Engegefühl in der Brust und Kurzatmigkeit. Selbstverständlich müssen ernsthafte körperliche Erkrankungen, die ebenfalls mit diesen Beschwerden einhergehen können, ausgeschlossen werden.
Gezieltes Fragen nach affektiven und kognitiven Symptomen kann mit einer guten Sicherheit den Verdacht auf das Vorliegen einer depressiven Verstimmung erhärten.
Zu den affektiven zählen Niedergeschlagenheit, Traurigkeit, häufiges unvermitteltes Weinen, ungezielte Ängste, innere Unruhe, Verzweiflung, Hoffnungslosigkeit und Lebensmüdigkeit.
Kognitive Symptome sind Grübelzwang, negative Gedankeninhalte von Schuld, Sünde, Tod und Suizid. Ein Nachfragen nach dem Verlauf der Depression (relativ akute Stimmungsverschlechterung, mehrfaches Wiederkehren oder Chronizität, Zeiten mit manischer Hochstimmung), nach einer familiären und bedeutsamen psychosozialen Belastung vermittelt wichtige diagnostische Hinweise.
Die Schwere der depressiven Störung, besonders das Ausmaß der assoziierten Suizidalität, sollten den Allgemeinarzt und den Internisten zu einem fachpsychiatrischen Konsil motivieren. Gründe für eine Hospitalisierung können sein: unkontrollierbare Suizidalität, schwere Depression mit Hemmung oder ausgeprägter innerer Unruhe, nicht zu beherrschende Schlaflosigkeit, quälende Angst oder Panikattacken, unter Umständen auch soziale Gründe, wie alleinstehend, betagter Patient, sowie überforderte oder verständnislose Umgebung. Auch eine therapierefraktäre Depression ist als Grund für eine stationäre Einweisung zu werten.

Worauf in der Behandlung zu achten ist

Die Behandlung depressiver Zustände in der allgemeinmedizinischen und internistischen Praxis ist vor allem medikamentös ausgerichtet. Der Schwerpunkt liegt im Einsatz von Antidepressiva.
Anxiolytisch wirksame Tranquilizer, vor allem Benzodiazepine, sollten besonders begründet sein, z.B. durch hartnäckige Schlafstörungen und ausgeprägte assoziierte Angstzustände. Sie sollten stets mit einer antidepressiven Basismedikation kombiniert und zeitlich begrenzt verordnet werden.
Dem Erstbehandler steht heute eine Fülle antidepressiv wirksamer Substanzen zur Verfügung. Gegenüber den bewährten trizyklischen Antidepressiva zeichnen sich die modernen Serotoninpräparate durch eine gute Äquivalenz der erwünschten Effekte, aber durch ein deutlich günstigeres Nebenwirkungsprofil aus. Auch der Allgemeinmediziner kann heute sehr wohl eine differenzierte antidepressive Psychopharmakotherapie durchführen. Er benötigt dafür ein Grundwissen über basale Wirkmechanismen, Nebenwirkungen, wichtige Interaktionen mit anderen Medikamenten, Dosierung und Zeitdauer der Applikation.
Wichtig ist, dass die medikamentöse Behandlung eines depressiven Patienten stets in eine gute Arzt-Patienten-Beziehung eingebettet ist, dazu gehört auch eine besonders sorgfältige Gesprächsführung, auch das Miteinbeziehen von Angehörigen sollte versucht werden.

Prof. Dr. Dr. H.P. Kapfhammer, Ärzte Woche 32/2003

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