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Burnout: Die (un)heimliche Gefahr

Ironie, Sarkasmus und Zynismus als "Endstadium"

Genaue Zahlen liegen zwar nicht vor, aber eines dürfte klar sein: Die Zahl derer, die an einem "Burnout" leiden, wird immer größer - unser aller Belastung, nicht nur im Bereich der helfenden und sozialen Berufe, steigt immer mehr. Im medizinischen Bereich sind nicht nur das gesamte Personal, sondern zunehmend auch die Patienten gefährdet: Die Wettbewerbssituation in unserer Zeit ist hart, der Druck auf jeden Einzelnen nimmt zu. Burnout ist nicht nur ein seelisches und psychosoziales, sondern auch ein gesellschaftliches Problem. Der Allgemeinmediziner, der meist den intensivsten Kontakt mit den Patienten hat, ist aufgerufen, Frühsymptome des Burnout zu registrieren und entsprechend zu reagieren...

Vielschichtige äußere und innere Faktoren

Ein Burnout-Spezialist, Prof. Dr. Volker Faust von der Abteilung für Psychiatrie I der Universität Ulm in Deutschland, referierte über Ursachen, Auswirkungen und mögliche Gegenstrategien.

Als Arzt wird man - wenn überhaupt - meist nur "zwischen Tür und Angel" darauf angesprochen. "Burnout" bezeichnet das Gefühl des Ausgebranntseins, Ausbrennens oder Durchbrennens.

Faust: "Das Burnout-Syndrom kann verhängnisvolle Konsequenzen für den Betroffenen und sein Umfeld haben - für die berufliche Position, für Partnerschaft, Familie und Freundeskreis und nicht zuletzt für die Gesundheit. In der deutschen Sprache gibt es noch nicht einmal einen Begriff für diese komplexe Störung; auch in der deutschsprachigen Wissenschaft stößt das Burnout-Syndrom bisher - im Gegensatz zum angelsächsischen Bereich - auf Zurückhaltung."

Die Ursachen sind mehrschichtig und gehen wahrscheinlich letztlich auf zwei Faktoren zurück: Einerseits spielt die äußere Überforderung eine große Rolle: hohe Arbeitsanforderungen, Zeitdruck, Nacht- und Schichtarbeit, wachsende Verantwortung, schlechte Kommunikation unter allen Beteiligten (Arbeitgeber und Mitarbeiter untereinander) sowie unpersönliches, bedrückendes oder intrigenbelastetes Arbeitsklima.

Andererseits ist die begrenzte innerseelische Belastbarkeit ein wichtiger Faktor: Einsatz, Initiative und Engagement können sich bis zur Überforderung und Erschöpfung entwickeln. Häufig wirkt schon die Diskrepanz zwischen hohem persönlichen Einsatzwillen und großen Erwartungen und dem grauen Arbeitsalltag ernüchternd. Dazu kommt in manchen Fällen die mangelhafte gemütsmäßige Belastbarkeit zum Beispiel beim Umgang mit Patienten, Kunden, Schülern etc., von denen allerdings nicht wenige ebenfalls immer anspruchsvoller, fordernder, reizbarer oder gar aggressiver werden.

"Ein Problem allein mag noch nicht zu einem Burnout-Syndrom führen, mehrere zusammen, vor allem auf Dauer, sehr wohl", erklärt Faust.

Mobbing - Gemeinheiten am Arbeitsplatz

Auch das Mobbing muss erwähnt werden: Mobbing wird als gezieltes Quälen von Mitarbeitern oder Untergebenen definiert, in Wirklichkeit aber viel subtiler betrieben. Tatsächlich nehmen vor allem in wirtschaftlich schwierigen Zeiten die kleinen Gemeinheiten und unschönen Verhaltensweisen in einem Betrieb zu. Die Angst um den eigenen Arbeitsplatz wächst und damit die Bereitschaft, die Konkurrenz, sprich die Kollegen, mit unsauberen Mitteln aus dem Wege zu räumen bzw. die Untergebenen mit fraglichen Methoden zu mehr Leistung, wenn nicht gar zur Kündigung zu veranlassen. Faust: "Die gängigsten Mobbing-Techniken sind offenbar hinter dem Rücken reden, Gerüchte verbreiten und jemand wie Luft behandeln. Gemobbt wird vor allem im Büro, in der Gesundheits- und Pflegebranche, in Schulen und Ausbildungsstätten. Die Täter sind eher Männer, die Opfer häufiger Frauen."

Vielen Burnout-Betroffenen macht auch eine zunehmende Sinnleere zu schaffen. Bei fehlendem Sinn-Bezug drohen aber um so rascher Erschöpfung, Entfremdung und Erholungsunfähigkeit - und im Gefolge neurotische und psychosomatische Störungen, bei denen sich seelische Probleme in körperlichen Krankheitszeichen niederschlagen.

Warnsignale Stimmungslabilität

Als unübersehbare Warn- oder Alarmsignale gelten verminderte Belastbarkeit, eine wachsende Stimmungslabilität und vor allem Erholungsunfähigkeit. Auch eine zunehmende Infektanfälligkeit, meist im Sinne von ständigen banalen Erkältungen, gehört dazu. Nach und nach geraten die Betroffenen in eine Phase der emotionalen Erschöpfung mit körperlichen, zwischenmenschlichen und vor allem beruflichen Folgen. Sie werden immer müder, matter und rascher erschöpfbar und wirken nervös, unruhig, gespannt, reizbar und gelegentlich sogar aggressiv.

Auf der anderen Seite klagen sie immer häufiger über Resignation, verringerte Frustrationstoleranz, leichte Kränkbarkeit, Niedergeschlagenheit sowie Versagens- und Minderwertigkeitsgefühle. Motivation, Kreativität und Gedächtnisleistungen nehmen ab. Eine Vielzahl körperlicher Beschwerden ohne objektivierbaren Grund kann auftreten: Kopf- und Rückenschmerzen, Magen-Darm- Beschwerden, Einschlafstörungen oder unruhiger Schlaf, sexuelle Unlust usw.

"Auch zunehmender Alkohol-, Nikotin- und Kaffeekonsum kann auftreten, möglicherweise sogar Selbstbehandlungsversuche mit Beruhigungs- und Schlafmitteln", warnt Faust. Der Arzt wird selten hinzugezogen, was vor allem "starke Persönlichkeiten" betrifft, die dies als Schwäche empfinden würden. Irgendwann machen sich auch die zahlreichen körperlichen Beschwerden verstärkt bemerkbar, der Betroffene fehlt immer häufiger am Arbeitsplatz - letzte Konsequenz sind dann häufig Kündigungen. Typisch für das Burnout-Syndrom sind natürlich auch Partner- und Familienprobleme bis hin zu Trennungen.

Vorbeugende Maßnahmen

Wie kann nun einem Burn-out-Syndrom, das ja letztlich bis zum Suizid des Betroffenen führen kann, vorgebeugt werden?

Die beste Behandlung ist eine effektive Vorbeugung. Ausgangspunkt jeder Prävention und Intervention ist erst einmal die gründliche Situations-Analyse. Faust: "Es ist erstaunlich, wie lange sich viele Menschen ausgebrannt dahinschleppen, ohne über mögliche Ursachen objektiv nachgedacht zu haben: Welche Umweltbedingungen sind belastend, welche eigenen Bedürfnisse und Ziele wurden vernachlässigt, welche Vorstellungen sind unrealistisch, welche Glaubenssätze und Denkmuster dysfunktional, welche Informationen fehlen und wo lässt sich mit dem besten Aufwand/Nutzen-Verhältnis etwas ändern - vor allem ein Stück Freiheit für sich selber wiedergewinnen? Am wichtigsten ist, ?en Anfängen zu wehren?und sich immer wieder realistisch mit der eigenen Situation auseinander zu setzen."

Quelle: Prof. Dr. Volker Faust von der Abteilung für Psychiatrie I der Universität Ulm in Deutschland, im Gespräch mit swr.

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