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© Ingo Wagner / dpa
Einen exzessiven Alkoholkonsum weisen fast fünf Prozent der Seniorenheimbewohner auf.
 

Endstation Sucht

Jeder zehnte Senior hat ein Problem mit Alkohol, Nikotin oder Tabletten.

Die Suchtproblematik bei älteren Menschen wird tabuisiert und kaum thematisiert. Mit dem grenzüberschreitenden INTERREG-Projekt „Sucht und Alter“ wurden nun erstmals durch Befragung und objektive Biomarker Daten erhoben, wie weit die Menschen der Generation 60+ im Bundesland Salzburg und in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land von Süchten betroffen sind und auch darunter leiden.

Der Startschuss zu dieser bisher umfangreichsten Untersuchung hinsichtlich des Suchtverhaltens der Generation 60+ erfolgte 2009. In dieser Zeit wurden im Bundesland Salzburg und in den Landkreisen Traunstein und Berchtesgadener Land subjektive und objektive Daten über das Ausmaß der Suchtproblematik im Alter erhoben.

Tabak, Alkohol und Tabletten als größte Suchtgefahren

Das ernüchternde Ergebnis der Erhebung: Nach Einschätzung von Hausärzten und Internisten haben etwa zehn Prozent der Patienten über 60 Jahren ein Suchtproblem. Am häufigsten wurden Tabakabhängigkeit, schädlicher Gebrauch von Alkohol, schädlicher Gebrauch von Benzodiazepinen und schädlicher Gebrauch von Analgetika angegeben. Ein ähnliches Bild zeichnen die Pflegedienstleitungen von Seniorenwohnheimen: Hier bestehe bei mehr als sechs Prozent der Heimbewohner ein Suchtproblem.

Die Ergebnisse der Haaranalysen zeigen: 11,3 Prozent der Seniorenheimbewohner und 30,5 Prozent der Patienten in Krankenhäusern trinken mehr als 10g Alkohol/Tag. Dieser Wert gilt als empfohlener Höchstwert. Harnanalysen ergaben: 34,2 Prozent der Seniorenheimbewohner und 28,6 Prozent der Patienten nehmen Benzodiazepine ein. Laut Auskunft der Pflege beträgt die Dauer der Einnahme im Schnitt drei Jahre. Gemäß evidenzbasierter Leitlinien sollte die Benzodiazepine-Verordnung zwei bis vier Wochen nicht überschreiten.

Benzodiazepinkonsum wird unterschätzt

Gerade in den Seniorenwohnheimen differiert die Einschätzung des Personals mit den Laboruntersuchungen erheblich. In den Pflege- und Wohnheimen konnten 455 Bewohner befragt werden. Zu jedem Befragten wurde auch die Pflege befragt, unter anderem zu Konsum von Alkohol und Medikamenten, Daten aus der Pflegedokumentation und Verhaltensauffälligkeiten.

Bei mehr als einem Drittel der Bewohner konnte anhand der Laborergebnisse ein positiver Benzodiazepin-Befund erhoben werden. Die am häufigsten verschriebenen Substanzen waren den Laborergebnissen zufolge Triazolam und Diazepam. Die Pflege schätzt den Konsum wesentlich niedriger ein: So wird bei knapp einem Drittel der Benzodiazepin-Positiven von der Pflege kein Konsum angegeben.

Exzessiven Alkoholkonsum (mehr als 60g Alkohol/Tag) weisen anhand der Laborergebnisse fast fünf Prozent auf, einen moderaten Konsum (10–60g/Tag) mehr als sechs Prozent der Seniorenheimbewohner. Auch die Pflege schätzt schädlichen Gebrauch oder Abhängigkeit auf rund fünf Prozent. Die Bewohner selbst geben im gleichen Ausmaß in verschiedenen Verfahren Hinweise auf alkoholbezogene Störungen.

Höhere Rate in Krankenhäusern

Bei Menschen, die älter als 60 Jahre sind und in ein Krankenhaus eingeliefert werden, besteht laut Stationsärzten und Stationsleitungen bei rund einem Drittel der Patienten ein Suchtproblem. Auch hier sind Analgetika, Rauchen und schädlicher Gebrauch von Benzodiazepinen und Alkohol die Hauptverursacher. In den Krankenhäusern wurden 123 Patienten befragt. Zu jedem Patienteninterview wurde auch der behandelnde Arzt befragt, ob die Aufnahme im Zusammenhang mit Suchtmittelkonsum stehe (Alkohol, Medikamente, Nikotin, illegale Drogen) und ob eine entsprechende Diagnose aktuell oder in der Vergangenheit vorliege. Die Aufnahme stand dabei am häufigsten im Zusammenhang mit Medikamenten, gefolgt von Alkohol und Nikotin. Diagnosen lagen nach Auskunft der Ärzte vor allem für Alkoholabhängigkeit bzw. schädlichen Gebrauch von Alkohol vor. Bei den Verfahren zur Selbstauskunft wurden im Krankenhaus doppelt so hohe Werte wie im Seniorenheim erreicht.

Insgesamt wurden mehr als 1.000 Personen befragt. Hausärzte, Internisten, Pflegedienstleistungen, Pflegekräfte, Patienten von Krankenhäusern und Bewohner von Seniorenwohnheimen in den betroffenen Regionen gaben in standardisierten Interviews Auskunft über die Beobachtungen und das tatsächliche Verhalten der Betroffenen.

Um das Datenmaterial zu komplettieren, wurden auch zusätzlich Biomarker (Haare und Harn) von Bewohnern und Patienten genommen und ausgewertet. Damit können objektive Aussagen über den Konsum von Alkohol und Tabletten gemacht und – besonders wichtig – untereinander verglichen werden. „Sucht im Alter ist ein Thema und darf nicht weiter tabuisiert werden. Denn die demografische Entwicklung sagt uns eindeutig, dass dieses Problem nicht kleiner, sondern eher größer wird. Wir brauchen dazu umfassende Aufklärungs- und Präventionsarbeit“, sagt Prof. Dr. Friedrich Wurst, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie II an der Christian-Doppler-Klinik Universitätsklinikum Salzburg.

Bewusstseinsbildung als wichtiger nächster Schritt

Bei älteren Menschen wird das Thema Sucht, im Gegensatz zu Jugendlichen und Erwachsenen im mittleren Lebensalter, kaum thematisiert. Gerade durch die demografische Entwicklung, in der der Anteil älterer Menschen in der Gesamtbevölkerung kontinuierlich ansteigt, wird eine zunehmende Beschäftigung mit dem Thema Sucht im Alter jedoch immer wichtiger. Daraus entstehen auch vielfach Probleme, die es früher kaum gab und die durch diese Entwicklung vermehrt auftreten. Bewusstseinsbildung steht an erster Stelle.

„Auch aufgrund der hervorragenden medizinischen Versorgung werden die Menschen immer älter. Das ist gut so. Unser Ziel muss es aber sein, gesund alt zu werden und die Eigenständigkeit so lange es möglich ist zu bewahren. Zu viele Medikamente sind da kontraproduktiv. Erschwerend kommt hier hinzu, dass spezielle therapeutische Angebote im Bereich der Abhängigkeitserkrankungen von Senioren und Pflegebedürftigen bislang in der deutschen und österreichischen Suchtkrankenhilfe noch weitgehend fehlen. Hier braucht es vermehrt Sensibilisierung und Aufmerksamkeit“, betont Walter Steidl, Landesrat für Gesundheit, Landesanstalten und Soziales.

EU-Förderung und regionale Unterstützung

Für das INTERREG-Projekt „Sucht und Alter“ wurden Gesamtkosten in der Höhe von 442.406 Euro veranschlagt. Der Europäische Fonds für regionale Entwicklung übernahm über sein Programm INTERREG IV A Bayern/Österreich 60 Prozent der Kosten, umgerechnet 265.443 Euro. Dies entspricht der maximal möglichen Förderung der EU. Die restlichen 40 Prozent wurden regional von Salzburg und Bayern finanziert. Die SALK unterstützte das Projekt mit insgesamt 123.976 Euro, die Caritas Bad Reichenhall stellte durch eine Kofinanzierung des Bayrischen Staatsministeriums für Umwelt und Gesundheit insgesamt 52.987 Euro zur Verfügung. Nach der veranschlagten Projektdauer von drei Jahren entstehen keine weiteren Folgekosten.

„Das dreijährige Projekt ‚Sucht und Alter‘ ist durch seine Überregionalität sehr wichtig. Es stärkt die grenznahe Zusammenarbeit und lässt uns über die Grenzen Österreichs und Deutschlands hinaus an der Thematik Sucht im Alter gemeinsam für unsere Bevölkerung arbeiten. Eine Unterstützung war uns aus diesem Grunde sehr wichtig. Der Bezirk Oberbayern unterstützt das Projekt ideell und fachlich, aber auch indirekt durch die Finanzierung der Suchtberatungsstelle“, betont Bezirkstagsabgeordneter Georg Wetzelsperger die besondere Bedeutung des INTERREG IV A Projektes.

Der Bezirk Oberbayern ist als Träger der überörtlichen Sozialhilfe zuständig für die Finanzierung der Behandlung von Suchtkranken in Oberbayern. Das Interesse des Bezirks an diesem Projekt gilt daher speziell den Ergebnissen in der Versorgungsforschung. „Wir erhoffen uns Erkenntnisse über eine Verbesserung der Versorgungsstruktur und die Optimierung der Vernetzung vor allem von bestehenden ambulanten und stationären Angeboten verschiedener Kostenträger und Versorgungssysteme, z.B. Altenhilfe, Suchthilfe, hausärztlicher und klinischer Versorgung,“ so Wetzelsperger.

INTERREG – überregionale Zusammenarbeit in Grenzgebieten

INTERREG ist ein Förderprogramm aus dem Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) zur Unterstützung der grenzüberschreitenden Zusammenarbeit. Die Ziele des Programmes sind unter anderem der weitere Abbau von grenzbezogenen Barrierewirkungen, die Erhöhung der Lebensqualität, die verstärkt grenzüberschreitende Zusammenarbeit sowie die Verbesserung der Attraktivität des Grenzraums für die Bevölkerung. „Mit diesem Projekt schaffen wir in unserer EuRegio Salzburg - Berchtesgadener Land - Traunstein Grundlagen, die sich dann von den Erkenntnissen her auch in anderen Grenzregionen weiter verwenden lassen. Dies entspricht auch den Zielsetzungen der Europäischen Union, die mit ihren Fördermitteln Anschubfinanzierung für Pilotprojekte leistet, die dann auch an anderen Stellen weiter aufgegriffen werden können“, zeigt sich EuRegio-Geschäftsführer Steffen Rubach über den Projektansatz erfreut. Die regionalen Besonderheiten im Hinblick auf die demografische Entwicklung sowie die Konstellation rund um ein zentrales Forschungszentrum wie die Christian-Doppler-Klinik Salzburg waren dabei für die positive Förderentscheidung ganz wesentliche Faktoren.

Informationsmaterial

Im Projektverlauf hat das Team ein Handbuch für Angehörige und Mitarbeiter der stationären und ambulanten Pflege sowie Kurzfolder zu den Themen Alkohol und Medikamentenabhängigkeit für Ärzte, Pflege und Betroffene sowie deren Angehörige entworfen. Diese können Interessierte an der Salzburger Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie II anfordern: Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie II Christian-Doppler-Klinik, Ignaz-Harrer-Straße 79, A-5020 Salzburg, Tel.: 0662/4483 4663.    

         

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