zur Navigation zum Inhalt
© Klaus Eppele/fotolia.com
Trotz Strafen und Therapie – Stalker werden oft rückfällig.
 
Psychiatrie und Psychotherapie 29. Dezember 2012

Psychotherapie bei Stalkern

Spezieller Fragebogen hilft, Stalker besser einzuschätzen.

Eine Psychotherapie kann Stalker dazu bringen, ihre Opfer seltener zu belästigen. Allerdings sollten Therapeuten zuvor genau wissen, mit wem sie es zu tun haben.

Stalking ist zwar keine Krankheit, aber meist Ausdruck einer psychischen Erkrankung oder einer Persönlichkeitsstörung. Prof. Dr. Harald Dreßing vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim schätzt, dass drei von vier Stalkern eine Persönlichkeitsstörung haben. Substanzmissbrauch sei bei einem Drittel zu beobachten, eine affektive Störung betreffe ein Viertel, Wahnvorstellungen etwa ein Zehntel. Es gibt auch sehr unterschiedliche Motive, warum Menschen andere verfolgen belästigen oder gar angreifen.

Fünf Typen von Stalkern

So werden fünf Typen unterschieden: Der abgewiesene Stalker hatte einst eine Beziehung zur Person, der er nachstellt. Meist handelt es sich um einen Mann, der die Trennung von einer Frau nicht akzeptieren will. Der zweite Typ sucht die Intimität zu einem Menschen in einer Art Liebeswahn. Er ist überzeugt, dass die Person, zu der er nie eine reale Beziehung hatte, ihn liebt und die Liebe seines Lebens ist. Der sogenannte inkompetente Stalker weiß zwar, dass sein Opfer wenig Interesse für ihn zeigt, glaubt aber, mit seinen Nachstellungen die Zuneigung des Opfers zu gewinnen. Ihm fehlen vor allem die sozialen Fähigkeiten, eine Beziehung aufzubauen. Der Rächer hingegen will tatsächlich oder vermeintlich erlittenes Unrecht vergelten, häufig wird er auch von Wahnvorstellungen getrieben. Der Jäger wiederum plant gezielt einen sexuellen Übergriff auf sein Opfer.

Psychotherapie kann helfen

Die völlig unterschiedlichen Motivationen fürs Stalking erfordern einen entsprechend differenzierten Umgang mit den Tätern, sagte Dreßing. Der inkompetente Stalker profitiert möglicherweise schon von einem Training seiner sozialen Fähigkeiten, beim Jäger ist mitunter eine Unterbringung in einer forensischen Anstalt nötig. Allerdings, so der Psychiater, gibt es bislang kaum Studien zur Therapie bei Stalkern. Hinzu kommt, dass die meisten Stalker nur unter gerichtlichen Auflagen in eine Therapie einwilligen – wenn sie also bereits angezeigt worden sind und das Gericht eine psychiatrische Behandlung angeordnet hat. In einer Studie mit 29 Stalkern konnte eine sechs Monate dauernde Verhaltenstherapie (Dialektisch-Behaviorale Therapie, DBT) immerhin in der Nachbeobachtungsphase von zwei Jahren die Frequenz des Nachstellens signifikant reduzieren. Allerdings brachte nur etwa die Hälfte der Teilnehmer die Therapie zu Ende. Eine andere Untersuchung deutet zudem auf ein hohes Rückfallrisiko: Innerhalb von 13 Jahren suchte sich die Hälfte von über 200 Stalkern nach einer Bestrafung oder Therapie erneut ein Opfer, 80 Prozent davon innerhalb eines Jahres. Es sei daher dringend nötig, besser therapeutische Maßnahmen gegen Stalking zu entwickeln und zu evaluieren, so Dreßing.

Immerhin gibt es inzwischen ein Werkzeug, mit dem Therapeuten rasch den Typus des Stalkers und seine Gefährlichkeit ermitteln können: das „Stalking Risk Profile“ (SRP). Dabei handelt es sich um eine strukturierte Risikobewertung. Ermittelt werden anhand eines Fragenkatalogs die Risiken für Gewaltanwendung, fortgesetztes Stalking oder einen Rückfall, erläuterte Dr. Jan-Michael Kersting vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim. Damit können Therapeuten auch einen Fallführungsplan sowie therapeutische Ziele herleiten oder erkennen, ob polizeiliche Maßnahmen zum Schutz des Opfers nötig sind. Der SRP hilft zudem, „falsche Opfer“ zu erkennen, also Personen, die aufgrund einer psychischen Störung überzeugt sind, dass sie von bestimmten Mitmenschen belästigt werden.

Quelle: Kongress der Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde, 23. November 2012, Berlin

springermedizin.de, Ärzte Woche 50/52/2012

Zu diesem Thema wurden noch keine Kommentare abgegeben.

Mehr zum Thema

<< Seite 1 >>

Medizin heute

Aktuelle Printausgaben